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Teuflische Opern-Show

Viel Beifall für Arrigo Boitos "Mefistofele"

Frei nach Goethe und ganz böse. Die Bayerische Staatsoper zeigt die eher unbekannte, aber hoch interessante "Faust"-Version Arrigo Boitos: "Mefistofele" mit René Pape. Da ist der Teufel los!

26.10.2015
  • JÜRGEN KANOLD

München Er gehört zu den bekannten unbekannten Komponisten der Musikgeschichte. Dort taucht Arrigo Boito (1843-1918) nämlich in einer ganz anderen Rolle auf: als jener Intellektuelle und Dichter, der Giuseppe Verdi aus der Schaffenskrise half und ihm die Libretti lieferte zu den großen späten Shakespeare-Opern "Otello" und "Falstaff". Er verehrte den Altmeister sehr - was eigentlich verwundert: Führte Boito doch in den 1860er Jahren die "Scapigliatura" an, die Künstlergruppe der "Zerzausten", die antrat, um die Kultur der bürgerlichen italienischen Gesellschaft aufzumischen. Ihn faszinierte das Hässliche und Groteske, und ein Wagner-Verehrer war er auch noch.

Im berühmten "Credo" des Jago in Verdis "Otello", dieser dämonischen Hymne auf das Böse und das Nichts, hat sich der radikale Boito verewigt. Aber eine Teufels-Oper in vier Akten komponierte er selbst: "Mefistofele", 1868 in Mailand uraufgeführt. Das Libretto schrieb Boito naturgemäß selbst nach Goethes "Faust" (Teil eins und zwei); und im Vordergrund steht nun wirklich, titelgemäß, Mefistofele, "der Geist, der stets verneint".

"Ich beiße, ich fange, ich zerstöre, reize, brülle, pfeife", singt er in seiner Auftritts-Kanzone. Und er muss wirklich auf den Fingern schrill pfeifen. Schön ist etwas anderes, Boitos Oper aber außerordentlich kontrastreich: von pompös klangfarbiger Himmelsmusik und Engelschören bis zu banalstem Arien-Takt, von massenhysterischem Dur und lauten Orchesterfinali zu einsamen Schmerzenstönen. Gut anzuhören, eine fantastische Romanik, eigenartig modern. Charles Gounods auch Mitte des 19. Jahrhunderts entstandene "Faust"-Vertonung "Margarethe" ist eine Schmonzette dagegen.

Die Bayerische Staatsoper zeigt nun "Mefistofele" als erste Saisonpremiere (und nach rund 150 Jahren als Münchner szenische Erstaufführung des Werks). Sie tut es umjubelt mit Riesenaufwand. Souverän steuert der junge israelische Dirigent Omer Meir Wellber die Cinemascope-Klangkulisse aus. Und Regisseur Roland Schwab setzt ganz auf die Hölle: Schon die himmlischen Heerscharen sind des Teufels, Mefistofele (der herrlich aasige René Pape) ist ein Rocker-Hero, der noch einmal eine alte Platte aufs Grammophon legt und mit dem willfährigen Faust (Joseph Calleja, mit einem hellen Tenor fast reinster Unschuld) den Weltuntergang spielt.

Da läuft so eine Art Endzeit-Kino zwischen einem gigantischen Tunnel-Gerüst (Bühne: Piero Vinciguerra) ab. "Open" steht anfangs in roter Leuchtschrift vor der Szene, und wenn Margherita (Kristine Opolais nach Anlaufschwierigkeiten das monströs leidende Opfer) verführt ist: "Sold out". Das ist teils regiekluges Musiktheater mit Videoeinsatz und trashigen Brechungen, teils spektakuläre Feuer-Show und Rammstein-Walpurgisnacht.

Am Ende nur, wenn die Szenerie in klassischen Gefilden ankommt, im blühenden Haine, wird's milde. Das Elysium ist eine Alzheimer-WG, Faust verliebt sich in Pflegerin Elena (Karine Babajanyan) und träumt sich, die Harfe umschlungen, in den Tod, während Mefistofele enttäuscht herumzappelt, weil er Faust verliert. Er zerbricht die Platte. Es ist immer das alte Lied mit dem himmlischen Glück. Höllisch.

Viel Beifall für Arrigo Boitos "Mefistofele"
Überzeugend dämonisch: René Pape als Mefistofele. Foto: Wilfried Hösl

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26.10.2015, 12:00 Uhr
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