Nationalsozialismus

Videochat mit einem Überlebenden

Kaum Führungen, keine Schulklassen und internationale Besucher, gesunkene Einnahmen: Um ihren Aufgaben nachzukommen, gehen KZ-Gedenkstätten derzeit neue Wege.

22.06.2020

Von JANA ZAHNER

Das Dokumentationszentrum in Grafeneck arbeitet die „Euthanasie“-Verbrechen der Nazis auf. Foto: Honorarfrei

Ulm. Judensterne mit der Aufschrift „ungeimpft“, Bilder des Virologen Christian Drosten neben dem SS-Arzt Josef Mengele, Hetze gegen den Milliardär Georges Soros: Krude Vergleiche zwischen der Politik der Bundesregierung und dem Naziregime sowie antisemitische Verschwörungstheorien haben in der Corona-Krise Konjunktur. Umso deutlicher wird, wie wichtig historische Bildung 75 Jahre nach Kriegsende ist. Gedenkstätten und Dokumentationszentren klären über die Verbrechen des Nationalsozialismus auf und betreiben Forschungsarbeit. Aufgaben aber, die in der Corona-Krise schwerer zu erfüllen sind: Die Ressourcen sind knapp, der direkte Kontakt eingeschränkt.

Das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau plagen Geldsorgen: „Das für 2020 geplante Budget ist zusammengebrochen“, heißt es in einer Pressemitteilung von Anfang Juni. Der Grund: Seit März ist das Museum auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers geschlossen. Trotz Unterstützung durch das polnische Kulturministerium benötige das Museum dringend Spenden, da die Einnahmen durch den Tourismus weggebrochen sind. Normalerweise besuchen pro Jahr bis zu zwei Millionen Menschen aus der ganzen Welt die Gedenkstätte. „Wir wenden uns an alle, denen die Bewahrung der Erinnerung ein Anliegen ist“, lautet der Aufruf weiter.

Seit Mai dürfen die meisten Museen in Deutschland unter Auflagen wieder öffnen und in Kleingruppen Führungen anbieten. Die Erinnerungsorte im Süddeutschland spüren die Auswirkungen der Corona-Krise trotzdem. „Es ist eine schwierige Situation, in diesen Zeiten zu wirtschaften, sagt Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau bei München. Die Veranstaltungen zum Jahrestag der Befreiung wurden abgesagt, Führungen gibt es derzeit noch nicht. Fachreferenten beantworten stattdessen auf dem Gelände die Fragen der Besucher.

„Die KZ-Gedenkstätte kommt ihrem Bildungsauftrag weiter nach, auch weil wir innerhalb von zwei Wochen auf ein digitales Angebot umgestellt haben“, sagt Hammermann. Auf sozialen Netzwerken streamt das Museum Führungen und Vorträge von teils mehr als 45 Minuten auf Deutsch und Englisch und beantwortet Fragen per Livechat. Die Videos erreichen tausende Zuschauer. „Was uns besonders freut: Nicht wenige Angehörige und Nachkommen ehemaliger Häftlinge des KZs Dachau haben sich eingeklickt.“ In einem Pilotprojekt habe man eine Führung auch in ein Klassenzimmer gestreamt, denn Exkursionen werden in diesem Schuljahr nicht mehr stattfinden.

Auch das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg in Ulm hat während des Lockdowns digitale Angebote entwickelt. Trotzdem: „Nichts kann den Besuch ersetzen“, sagt DZOK-Archivar Josef Naßl. „Wir halten es für essenziell, als außerschulischer Lernort eine ganz andere Wirkung zu erzielen.“ Man hoffe, dass die Klassen den Besuch im nächsten Jahr nachholen werden. In Bayern steht der Gedenkstättenbesuch bereits in den Lehrplänen, Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann kündigte im Januar auf die Anfrage eines Landtagsabgeordneten hin an, zu prüfen, ob der Besuch verpflichtend werden sollte.

Angesichts der Situation an den Schulen stellt sich während der Pandemie eher die Frage, inwieweit Geschichtsunterricht überhaupt stattfindet. Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte Grafeneck im Landkreis Reutlingen, glaubt nicht, dass die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus durch die Corona-Zeit nachhaltig leidet. „Auf ein Schülerleben gerechnet ist das wenig.“

Die verbliebenen Überlebenden des Holocaust haben deutlich weniger Zeit, ihre Geschichten weiterzugeben. Aufgrund ihres Alters zählen sie zur Risikogruppe, Schulbesuche sind undenkbar. Dafür will Dachau eine Lösung finden: „Wir versuchen, digitale Zeitzeugengespräche anzubieten“, sagt Hammermann. Per Videochat wollen die Mitarbeiter ein Gespräch zwischen dem in Israel lebenden Abba Naor und Schülern ermöglichen. Eine Hürde stellt dabei das schlechte Netz an vielen Schulen dar. Zudem habe der 91-Jährige noch Bedenken: „Die Überlebenden sagen, dass der direkte Kontakt das Zentrale ist“, erklärt Hammermann.

Trotz aller Schwierigkeiten der vergangenen Wochen: Sowohl die Digitalisierung als auch die Forschung in der Gedenkstätte Grafeneck sei während des Lockdowns ein großes Stück vorangekommen, erzählt Stöckle. Normalerweise müsse diese wegen knappen Personals zurückstehen. „Die Besucher gehen vor.“ Um historisches Wissen kritisch vermitteln zu können, sei es wichtig, den Forschungsprozess zu kennen. „Es gibt kein Ende der Wissenschaft. Das gilt für die Geschichtswissenschaft ebenso wie für die Corona-Forschung“, sagt der Gedenkstättenleiter.

Welle der Hilfsbereitschaft

Die Besucher indes kommen wieder: „Es erholt sich ganz stark“, sagt Stöckle. Auch Dachau berichtet von einer erfreulichen Zahl von deutschen Besuchern.

Im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau stehen die Zeichen ebenfalls auf Normalisierung, auch wenn Programme und Investitionen abgesagt oder auf die Folgejahre verschoben werden mussten. Am 1. Juli wird eröffnet. Der Hilferuf hat Wirkung gezeigt: „Im Laufe einer Woche erhielten wir Spenden von über 2200 Menschen aus aller Welt in Höhe von über einer halben Million polnischen Zloty“, ist auf der Webseite zu lesen, umgerechnet etwa 112 440 Euro. 75 Jahre nach Kriegsende wollen immer noch viele Menschen die Erinnerung bewahren.

In der KZ-Gedenkstätte Dachau finden derzeit noch keine Führungen statt. Dafür streamen die Mitarbeiter ihre Live-Rundgänge online und beantworten dazu Fragen auf den sozialen Medien. Foto: MATTHIAS KESSLER

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Erstellt:
22. Juni 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Juni 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Juni 2020, 06:00 Uhr

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