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Ein Ex-Häftling berichtete in der Pestalozzi-Schule über den Knast-Alltag

Video: Gegen den "Gangsta-Rap"

Eine Lehrstunde ganz anderer Art bekamen am Donnerstagmorgen die Schüler/innen der Pestalozzi-Förderschule: Pierre Zackell saß nahezu die Hälfte seines Lebens im Knast. Er erzählte den 13- bis 15-Jährigen, warum das Leben dort ziemlich uncool ist.

11.10.2008

Tübingen. Er kennt eine ganze Reihe von Gefängnissen – Pierre Zackell saß in Mannheim und in Stammheim, in Ravensburg und in Rottenburg. Er ist 32 Jahre alt, 14 Jahre seines Lebens war er hinter Gittern. Vor einem Jahr ist Zackell aus der Rottenburger JVA entlassen worden. Am Donnerstagmorgen berichtete er knapp 25 Acht- und Neuntklässlern der Tübinger Pestalozzi-Schule, wie das Leben im Knast wirklich ist.

Eingeladen hatte ihn die Sonderschullehrerin Claudia Pietrock. Denn die so genannten "Gangsta-Rapper" wie "Bushido", "Massiv" oder "50 Cent" prahlten mit ihren angeblichen Knasterfahrungen, verherrlichen Gewalt (gegen Frauen) und den Drogenkonsum. Die „Gangsta-Rapper“ seien bei den Jugendlichen besonders beliebt.

Gegensteuern ist also angesagt. Mit dem Ex-Häftling kamen zur Lehrstunde auch Ulf Werner und Alex Kratzenstein, die beiden Mitglieder des Tübinger Vereins "Fremde Welten". Gespannt lauschten die Jugendlichen, als Zackell begann. Sie stellten aber auch Fragen über Fragen, erhielten ernüchternde Antworten.

Die Häftlinge leben auf kleinstem Raum, so Zackell. Acht Quadratmeter für jeden – die Toilette steht in der Mitte. Manche Häftlinge schlafen auch zu viert in einer Zelle. Pro Tag gibt es nur eine Stunde Freigang im Hof, so Zackell weiter. Arbeit ist Pflicht, die Sportgruppen sind „brechend voll“, da komme man erst nach einem halben Jahr hinein. Zu Essen gebe es meist nur Nudeln oder Kartoffeln. Das Brot dürfe man nicht zu lange aufheben, nach einem Tag sei es verschimmelt.

Und pro Monat müsse ein Beutel Tabak reichen. Fernsehen? Kostet 30 Euro im Monat. Frauen? "Die sitzen in Schwäbisch Gmünd. Du triffst da kein Mädchen", stellte Zackell klar.

So cool, wie man sich das gemeinhin denke oder die "Gangsta-Rapper" behaupten, sei das Leben im Knast nicht, so Zackell. Vielen gehe es dort schlecht. Schutzgeldzahlungen, Schlägereien – alles erlebt; Häftlinge schlucken Rasierklingen oder zünden sich an – alles gesehen; Bestechliche Beamte, Drogen – Zackell sparte nichts aus. "Ich kenne jeden Winkel, jede Scheiße."

Begonnen hatte Zackell seine kriminelle Karriere mit 14, erzählte er. Er klaute Kameras, später Mofas und Motorräder, dealte, stahl Autos, die er zu Schrott fuhr. Auch ein Ferrari war dabei. Das kleine anerkennende "Oooh" konterte Zackell: "Mir blieb da ein Arsch voller Schulden. Am liebsten würde ich die ganze Scheiße vergessen."

Mit 16 musste er zum ersten Mal ins Gefängnis, die Spirale in den Knast begann. Er hat sie nun durchbrochen, sagt er. Er habe jetzt andere Ziele – die Musik. Vor zwei Jahren spielte er mit der einstigen Rottenburger Knastband "Panzerknacker" (eigene) Lieder für einen Sampler ein. Danach mischte er beim HipHop-Projekt des Tübinger Vereins "Fremde Welten" mit. Derzeit steht er hin und wieder auf der Bühne und gibt Konzerte. "Die Musik ist eine Riesen-Motivation für mich", sagt er.

Bei den beiden 15-jährigen Schülern Mohammed Warwar und Sebastian Dittrich haben Zackells Knast-Schilderungen jedenfalls Eindruck hinterlassen. Sie hatten sich den Gefängnis-Alltag leichter und anders vorgestellt, sagten sie. Mit mehr Freizeit und Freiraum hatten sie schon gerechnet.

Mit HipHop gegen "Bushido", "Massiv" und Co

Den "Gangsta-Rappern" setzt der Tübinger Verein "Fremde Welten" sein HipHop-Projekt entgegen: In der Sprache der Jugendlichen will er sie vor einer Knast-Karriere bewahren. Vor knapp zwei Jahren begann er mit Insassen der Rottenburger Justizvollzugsanstalt (JVA), eine HipHop-CD einzuspielen (wir berichteten).

Inzwischen ist die CD mit den selbst geschriebenen Texten der (einstigen) Häftlinge über deren Bewältigung des Knast-Alltags fertig. Der Verein sucht jetzt ein Label. Den Film über das Projekt bietet er Schulen an und geht mit dem knasterfahrenen Pierre Zackell in die Klassen. Denn Zackell kennt das Leben im Knast und kann am besten davor warnen.

Zum Verein Fremde Welten

Video: Gegen den "Gangsta-Rap"

Gegen den "Gangsta-Rap"

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Gegen den "Gangsta-Rap" --

03:57 min

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11.10.2008, 12:00 Uhr
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