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Ausstellung

Verwandte Geister

Stammbäume, Ahnengalerien, buchgewordene Beziehungen: Das Deutsche Literaturmuseum der Moderne in Marbach erforscht „Die Familie. Ein Archiv“.

23.09.2017
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

Marbach. Es ist ein Bild im Bild im Bild im . . . Alle paar Jahre finden die Enzensbergers zu einem „Familienkloß“ zusammen und lassen sich von Stefan Moses fotografieren. Dabei setzt der renommierte Bildkünstler nicht nur die Familie in Szene, sondern nimmt dabei auch die bei dem vorherigen Treffen entstandene Aufnahme ins Bild. Auf der wiederum das davor entstandene Foto zu sehen ist. Und so weiter und so fort.

Zeigen diese Bilder nun die Tradition einer berühmten Familie? Oder wird diese Form der familiären Wirklichkeit überhaupt erst durch diese Bildpolitik konstruiert? Solchen Fragen widmet sich jetzt die Marbacher Ausstellung „Die Familie. Ein Archiv“ im Literaturmuseum der Moderne.

Der Punkt im Ausstellungstitel dient auch als verdecktes Gleichheitszeichen, sagt Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literturarchivs: Familien sind, bewusst oder unbewusst, Archive. Sie sind eigene Erinnerungs- und dabei oft auch Bildräume. Entsprechend spielt die Fotografie eine zentrale Rolle in der Schau, die Museumsleiterin Ellen Strittmatter kuratiert hat.

Verwandtschafts-Reflexionen geleiten in die Schau: ein Spiegel-Tisch der sich so ähnlich sehenden Humboldt-Brüder und eine Komposit-Fotografie Ludwig von Wittgensteins. Die blendet ein Porträt des Philosophen und eines seiner Schwester ineinander über – familiäre Ähnlichkeit als Unschärferelation.

Los geht es dann mit ersten und letzten Dingen, denn Familie klammert die Existenz, sie bedeutet Erbe in vielfältiger Hinsicht, ist ein Ort des Fortwirkens. So sind nicht nur zahlreiche Testamente zu sehen, sondern auch Thomas Manns Taufhemd, das ihn von Anfang an einer Tradition verpflichtete – und das dem elfjährigen August von Goethe vom übermächtigen Vater eröffnete Stammbuch. Welch Bürde!

Ein Autoschlüssel belegt derweil, dass sich der Familienbegriff auf geistige Nähe ausdehnen lässt. Max Frisch vermachte Regisseur Volker Schlöndorff während der Dreharbeiten zu „Homo faber“ seinen Jaguar.

Und dann sieht man den Wald vor lauter Stammbäumen nicht mehr: Grafisch und tabellarische Ordnungssysteme zeugen vom Konstruktionswillen in Familiengeschichten, ob verzweigt, verzwungen oder linear angelegt. Von Mörikes Versuch, seine Abstammung mittels eines Sphärenmodells auf Luther zurückzuführen, bis zu Kästners Ahnenpass der Nazi-Zeit – und daneben der Stammbaum seiner Katze.

Es ist eine bildgewaltige Ausstellung, die von der Familie als Vorstellung und Aufstellung zeugt: Ahnengalerien, kreativ gestaltete Alben, Familienporträts wie die Selbst-Verdichtung der Enzensbergers, Selbst-Inszenierungen vor Gemälden anderer Geistesgrößen, also auch Wahlverwandtschaften. Ernst Jünger stellte mit gerahmten Porträts auf der Fensterbank seines Wilflinger Wohnhauses seine geistige Familie auf, von ihm auch „Friedhof der Freunde“ genannt. Letztlich erscheint die Familie als mythischer Raum, der Begriff suggeriert nur eine Einheit, die es real nie gegeben hat.

Aber was sie hat, ist großes poetisches Potenzial: Selbstverständlich widmet sich die Schau der Entstehungsgeschichte von Literatur, die vom Familiären gespeist wird, dank der fließenden Grenzen zwischen Literatur und Leben. Man denke nur an Thomas Manns „Buddenbrooks“, oder um es mit Heinrich Mann zu sagen: „Man kennt meine Herkunft ganz genau aus dem berühmten Roman meines Bruders.“ Es bleibt eben nicht alles in der Familie, schon gar nicht bei Autoren. Wobei Familie auch zur Gegenbewegung, zur Abgrenzung, zur Negation dienen kann – doch auch dann Identität prägend.

100 Familienromane zum Stöbern runden die reichhaltige Ausstellung ab – und eine Auswahl aus dem Fotoarchiv der Familie Viktor von Weizsäcker. 400 Fotos, davon nur wenige beschriftet. So endet der Rundgang nicht mit Gewissheiten, sondern mit Suchen, Rätseln, Vermutungen. Aber gerade das macht das Faszinosum Familie aus.

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23.09.2017, 06:00 Uhr
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