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Beschimpfungen statt Blumen

Vertriebene beobachten aktuelle Flüchtlingsströme mit gemischten Gefühlen

Für manche Vertriebene, die 1945/46 aus dem Osten zwangsumgesiedelt wurden, ist die aktuelle Flüchtlingssituation schwer zu ertragen. Das, was sie heute sehen, erinnert sie an ihren eigenen schweren Weg.

20.10.2015
  • PETRA WALHEIM

Villingen-Schwenningen Johann Puchtinger aus dem Stadtbezirk Schwenningen beneidet die heutigen Flüchtlinge nicht. Obwohl sie im Gegensatz zu ihm und den Millionen Vertriebenen der Jahre 1945/46 in den meisten Kommunen gut aufgenommen und versorgt werden. "Wir sind nicht, wie die heutigen Flüchtlinge, mit Blumen und Geschenken empfangen worden, sondern mit Häme und Ablehnung", sagt er. Überhaupt könne die Situation der Flüchtlinge mit der Lage der Vertriebenen vor 70 Jahren nicht verglichen werden. "Ich bin Deutscher und zu Deutschen gekommen, wir haben die eine Heimat gegen eine andere getauscht. Das wird den Flüchtlingen nicht ganz gelingen." Davon ist er überzeugt, zu groß seien die kulturellen und religiösen Unterschiede.

Puchtinger ist 90 Jahre alt und Sudetendeutscher. Als junger Mann hat er die Vertreibung aus dem Egerland erlebt - und überlebt. Wenn er die Bilder der Flüchtlinge im Fernsehen sieht, wecken sie schlimme Erinnerungen an das, was er durchgemacht hat. Er war Soldat und mehrfach in Gefangenschaft. Immer wieder hat es ihn in seinen Heimatort Hammerhäuseln bei Marienbad im Egerland zurückgezogen. Bis er 1946 mit seinen Großeltern aufgefordert wurde, seine Sachen zu packen. "Wir hatten eine kleine Landwirtschaft, durften aber nur Besteck und die älteste Kleidung mitnehmen", sagt er. Alle Wertsachen mussten sie zurücklassen, Häuser, Grund und Boden wurden konfisziert.

Erste Anlaufstation war ein Lager bei Marienbad. "Dort wurden wir sehr schlecht behandelt", erinnert er sich. Sie mussten gelbe Armbinden tragen, an denen sie sofort als Deutsche und somit zu Vertreibende zu erkennen waren.

Für den Transport in den Westen seien Menschen wahllos in Viehwaggons gepfercht worden. "Familien, Mütter und Kinder wurden auseinandergerissen." Er hat viele Menschen sterben sehen, hat Vergewaltigungen und Erschießungen mit ansehen müssen. An der tschechischen Grenze hätten sie ihn aus dem Waggon steigen lassen. "Ich habe als erstes meinen Vater gesucht." Er fand ihn in Gefangenschaft in einem Ort bei Altötting.

Dort hat Puchtinger seine Frau, eine Holländerin, kennengelernt. "Wir sind seit 68 Jahren verheiratet", sagt der 90-Jährige. Das Paar blieb bis 1950 in der Nähe des Wallfahrtsorts. Weil er arbeitslos war, hat er sich und seine kleine Familie - er hatte damals die erste Tochter - umsiedeln lassen. Sie kamen in ein zentrales Lager nach Balingen und wurden von dort aus verteilt - ähnlich wie die Flüchtlinge heute. Nach kurzer Zwischenstation in Rottweil kamen sie 1950 in das damals noch selbstständige Schwenningen. Mit seiner Frau, seiner Tochter, einem Bruder und einer Schwester sowie dem Vater lebte er in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Er fand Arbeit, es ging aufwärts. Und das, obwohl er sagt: "Wir haben damals keinerlei Unterstützung bekommen. Jeder musste selbst schauen, wie er sich und seine Familie durchbringt."

Viele Vertriebene wollten keine Unterstützung. Peter Kainz, 70 Jahre alt und ebenfalls Sudetendeutscher aus Schwenningen, kann sich noch gut erinnern, dass seine Mutter nie zum Sozialamt gegangen ist. "Sie hätte sich geschämt." Am Anfang sei es schwer gewesen, ihn ins Gymnasium zu bringen, weil Schulgeld und Bücher selbst bezahlt werden mussten. Um das zu schaffen, habe seine Mutter gearbeitet, in mehreren Gärten das Gemüse für den Eigenbedarf gezogen und Hühner gehalten. "Als wir nach Schwenningen gekommen sind, bekam meine Mutter 105 Mark Rente und musste 63 Mark Miete bezahlen."

Peter Kainz hat die Vertreibung aus dem Böhmerwald als Kleinkind nicht bewusst erlebt. Aus den Erzählungen seiner Mutter weiß er, dass sie mit ihm und einem älteren Bruder am 5. April 1946 in einem Viehwaggon mit 1200 Menschen abtransportiert worden ist. Erst in ein Auffanglager, "in dem wir uns Läuse, Flöhe und Wanzen geholt haben".

Die nächste Station war Furth im Wald an der tschechischen Grenze. Danach fanden sie sich in einem Bunker in Schweinfurt wieder. Von dort aus ging es nach Mittelfranken, wo die Familie bis auf den Vater und den ältesten Sohn, die an der Ostfront gefallen waren, wieder zusammenfand und zu Fünft in einem Bauernhaus ein Zimmer bewohnte.

Seine Mutter hat ihm erzählt, der Bauer habe sie mit dem Satz empfangen, "wenn ihr etwas getaugt hättet, dann hätte man euch nicht fortgejagt". Die Milch habe er lieber den Schweinen als den Vertriebenen gegeben. Hilfsbereit seien nicht die reichen Gutsbesitzer, sondern die Kleinbauern gewesen. Kainz selbst kann sich nicht an Ablehnung erinnern. Er lebte in dem Dorf von 1946 bis 1953, ist in die Schule gegangen, hatte Freunde, zu denen er bis heute den Kontakt hält.

Das Gefühl, eine Heimat verloren zu haben, hat er nicht. Trotzdem ist ihm die Heimat seiner Vorfahren im Böhmerwald sehr nahe und aus vielen Besuchen und Wanderungen vertraut. Die Geschichte der Deutschen in den böhmischen Ländern beschäftigt ihn seit vielen Jahren.

In seiner Vertreibung und der aktuellen Fluchtsituation sieht er durchaus Parallelen: "Gemeinsam sind uns Krieg, Gewalt und Perspektivlosigkeit." Die Vertriebenen von damals hätten aber auch andere Voraussetzungen gehabt. "Wir haben die gleiche Sprache gesprochen, hatten die gleiche Kultur und Religion." Das treffe auf die Flüchtlinge nicht zu. Und: "Sie werden nicht vertrieben, sie entscheiden sich selbst, ihr Land zu verlassen." Und sie müssten auf dem Weg viel Geld an die Schlepperbanden bezahlen. "Ich frage mich nur, was passiert mit denen, die nicht das Geld haben, um zu fliehen."

Vertriebene beobachten aktuelle Flüchtlingsströme mit gemischten Gefühlen
Auf dem Weg in den Westen: 1945/46 wurden Millionen Deutsche aus Osteuropa vertrieben - oder sie waren auf der Flucht vor der Front. Viele Vertriebene wurden in Viehwaggons abtransportiert, andere waren zu Fuß unterwegs. Foto: dpa

Vertriebene beobachten aktuelle Flüchtlingsströme mit gemischten Gefühlen
Peter Kainz aus Schwenningen hält bis heute engen Kontakt mit Freunden aus dem Böhmerwald. Foto: Petra Walheim

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20.10.2015, 12:00 Uhr
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