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Historische Schanzen im Schwarzwald

Verteidigung auf einer Linie

Sie haben enorme Ausmaße und sind doch fast unbekannt: die Wehranlagen, die vom 17. Jahrhundert an quer durch den Schwarzwald gebaut wurden, um sich vor Angriffen der Franzosen zu schützen. Reste davon gibt es bis heute.

04.09.2017
  • PETRA WALHEIM

Gersbach. Das Motorengeräusch eines Rollers durchschneidet die Stille. Ein Vater kommt mit seiner kleinen Tochter angefahren, hält vor dem Tor der Gersbacher Schanze und lässt die Kleine absteigen. Die rennt schnurstracks auf den Wachturm zu, klettert die Metallstufen hinauf und schaut sich um. „Ich kann die ganze Welt sehen“, ruft sie begeistert. Die ganze Welt ist es zwar nicht, aber der Rundumblick von dem Holzturm aus ist in der Tat beachtlich. Unter anderem liegt dem Betrachter Gersbach zu Füßen, ein Ortsteil von Schopfheim (Kreis Lörrach).

Der Wach- und Signalturm steht außerhalb der Gersbacher Schanze. Dabei handelt es sich nicht um eine Sprungschanze, sondern um den Teil einer Jahrhunderte alten militärischen Verteidigungslinie, die sich auf 200 Kilometern quer durch den Schwarzwald zog. „Zieht man neben der Hauptlinie auch alle kleineren Seitenlinien sowie die umfangreiche Wall-Graben-Linien mit in die Berechnung ein, so ergibt sich eine Gesamtlänge von mehr als 500 Kilometern, sagt Werner Störk, der seit Jahrzehnten die „Schwarzwaldlinien“ erforscht. So wird die Verteidigungslinie genannt, die im 17./18. Jahrhundert gebaut wurde.

Schanzen und Signaltürme

Störk beschreibt sie als „strategisch-taktisches Defensivsystem“. Das setzt sich nach seinen Forschungen zusammen aus einer Hinteren und einer Vorderen Linie, der Eppinger Linie sowie den Teil-Linien Ettlingen, Stollhofen und Kinzigtal. Das Gesamtsystem besteht aus einer Abfolge und Kombination von unterschiedlichen Schanzen, Wach- und Signaltürmen (Chartaques), Wall- und Sperrgräben sowie Palisaden.

Diese Wehranlagen, die auf den Höhen des Schwarzwaldes vom Hochrhein im Süden bis Heidelberg im Norden errichtet wurden, sollten die grenznahe Bevölkerung des Habsburger-Reichs vor den Raubzügen der Franzosen schützen. Um das zu verstehen, muss ein Exkurs in die Geschichte unternommen werden: Im 17. und 18. Jahrhundert wurden in Europa zig Kriege geführt. Davon war auch die Region des Hoch- und Oberrheins sowie der Schwarzwald geprägt. Dort steuerte der Konflikt zwischen dem Haus Habsburg und dem Königreich Frankreich auf einen Tiefpunkt zu. „Von 1678 bis 1688 haben die Franzosen hier alles verwüstet und nur noch verbrannte Erde hinterlassen“, sagt Störk.

Die Bevölkerung im Schwarzwald war den vorrückenden Franzosen ausgeliefert. Den 40 000 bis 50 000 französischen Soldaten standen nur 15 000 schlecht ausgerüstete deutsche Kräfte gegenüber. Das konnte nicht gutgehen. Sich dieser Übermacht sehr wohl bewusst, marschierten die Franzosen immer wieder den Schwarzwald hinauf, zogen raubend und plündernd durch die Dörfer, verschleppten die Einwohner. Wenn sich Bauern wehrten, wurde ihr Dorf niedergebrannt.

Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, wegen seiner Erfolge im Großen Türkenkrieg (1683-1699) auch Türkenlouis genannt, bekam zu der Zeit vom Kaiser den Befehl, das Reich gegen die Franzosen zu verteidigen. Das Mann gegen Mann in einer Offensive zu versuchen, war aussichtslos. Deshalb ließ er zwischen 1692 und 1701 ein defensives Befestigungssystem aus Schanzen und anderen Bollwerken errichten, die „Schwarzwaldlinien“. Dazu wurden tausende Bauern zum Schanzenbau verdonnert.

Wer genau hinschaut, kann heute noch Reste davon im Gelände entdecken. Zum Beispiel auf dem „Hau“ bei Neuenweg, oberhalb von Schönau (Kreis Lörrach). So manchem Wanderer, der sich dort auf einem Bänkchen am Hang niederlässt, fällt auf, dass das Gelände vor ihm seltsame Erhebungen hat. Direkt vor ihm wölbt sich die Wiese in einer gleichmäßigen viereckigen Form. „Das ist eine Redoute“, sagt der pensionierte Lehrer Werner Störk. „Eine Redoute ist eine Viereckschanze“, erklärt er. „Sie gehört zu einem Verband von drei Pass-Sicherungen, der ,Vorderen Linie'“. Die bestand aus den Schanzen Neuenweg/Böllen, Wieden/Wiedener Eck und Muggenbrunn/Notschrei. Die „Vordere Linie“ ist der südliche Teil der „Schwarzwaldlinien“.

Störk lenkt den Blick weiter den Hang hinauf. Man muss ganz genau hinschauen, um den „Stern“ in der Landschaft zu erkennen. „Eine französische Sternschanze“, sagt Störk. Die Franzosen hatten sie vor gut 300 Jahren auf evangelischem Gebiet gebaut. Deshalb hatte das keine Konsequenzen. Die Bevölkerung verteidigte sich damals nicht nur gegen die Franzosen, sondern auch gegen den „Wüstglauben“, den Protestantismus, der vor der Verteidigungslinie gelebt wurde. Dahinter herrschte der „Rechtglaube“, der Katholizismus. Den galt es zu erhalten. „Das ist die einzige Sternschanze auf der ganzen Linie“, sagt Störk.

Er lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Linie in der Wiese, eine Art Trampelpfad, die bergauf führt. „Das war einer der Laufgräben, die von Schanze zu Schanze geführt haben“, sagt er. Im Idealfall konnten sich die Wachhabenden in den Schanzen oder auf den Türmen sehen. Wenn nicht, kommunizierten sie mit Signalfeuer.

Der ganze Aufwand hat sich gelohnt. Obwohl mit einem Durchmarsch der Franzosen gerechnet werden musste, ist ihnen der nicht gelungen. Dazu hat auch die Schanze bei Gersbach beigetragen. Sie ist ein Nachbau: 60 auf 60 Meter breit, mit drei bis vier Meter hohen Wällen ringsherum. Der Besucher betritt die Schanze durch ein Holztor. Drinnen stehen zwei in die Wälle eingebaute Hütten. Auf den Tafeln vor und in der Schanze wird deren Sinn und Zweck erklärt sowie der geschichtliche Hintergrund. Der wird auch in Führungen erläutert.

Um den Interessierten die geschichtlichen Zusammenhänge näher zu bringen, gibt es in Gersbach den Schanzenweg. Das ist ein zehn Kilometer langer Rundweg mit sieben Schautafeln. Der gut 40 Kilometer lange Eppinger Linien-Weg im Naturpark Stromberg-Heuchelberg wurde als kulturhistorischer Wanderweg entlang der Eppinger Linien angelegt.

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04.09.2017, 06:00 Uhr
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