Herrschaft des Wahns

Verschwörungstheorien verschwinden nicht mit Donald Trump

Extremismus - Donald Trump ist nicht mehr im Amt. Aber er hat gezeigt: Wenn Verschwörungsmythen zur politischen Methode werden, können Demokratien taumeln. Vor den gefährlichen Parallelwelten des Irrsinns ist auch Europa nicht gefeit.

21.01.2021

Von Roland Müller

Der „Schamane“ Jake Angeli war einer der Anführer des Sturms aufs US-Kapitol: Der Verschwörungsmythos „QAnon“ ist eine Bewegung mit Millionen Anhängern. Montage: Bock / Foto: Manuel Balce Ceneta/dpa

Stellen Sie sich für einen Moment vor, dass alles, was Sie über die Welt zu wissen glauben, eine einzige große Lüge ist, eine Fassade, hinter der dunkle Mächte agieren: Eine globale Finanz-Elite experimentiert in unterirdischen Geheimbunkern an­Science-Fiction-Technologien, um die Menschheit zu unterjochen; Verschwörer aus Politik und Medien betreiben einen satanistisch-kannibalischen Kinderschänderring und trinken das Blut ihrer hilflosen Opfer, um ewig zu leben. Nur ein Kämpfer für das Gute stellt sich mutig diesem Reich des Bösen entgegen: Donald Trump.

Es ist eine Welt aus einem wahnhaften Fiebertraum, ein Gemälde blanken Irrsinns – und doch ist der  Verschwörungsmythos „QAnon” zu einer Bewegung mit Millionen Anhängern in den USA und weltweit angewachsen, vereint sich mit rechtsextremen Strömungen, gewinnt an Einfluss. Der Sturm auf das Kapitol in Washington wurde mit angeführt von „QAnon“-Aktivisten – etwa von Jake Angeli, jenem „Schamanen“ mit Horn und Fell, dessen Fotos um die Welt gingen. Trump hat die Hirngespinste dieser Fanatiker politisch hoffähig gemacht: Der US-Präsident lobte sie als „Leute, die sich gegen Kindesmissbrauch einsetzen“ und nutzte ihre Codewörter wie „Deep State“ (tiefer Staat) für angebliche Feinde im Staatsapparat. Sogar im US-Kongress ist „QAnon“ nun vertreten: Eine erklärte Anhängerin des bizarren Kults, die Republikanerin Marjorie Taylor Greene aus Georgia, wurde im November ins Repräsentantenhaus gewählt.

„QAnon“ mag eine besonders extreme Blüte des Trumpismus sein, doch sie zeigt, wie gefährlich es ist, das Gift des Verschwörungswahns in die politische Debatte zu kippen. Wer eine Parallelwelt aus „alternativen Fakten“ beschwört, in der das System korrupt, Wahlen angeblich gefälscht und kritische Medien „Feinde des Volkes“ sind, öffnet die Tür für jeden Irrsinn, macht Undenkbares denkbar. Die Methode Trump hat erschreckend gut funktioniert, um ein Heer fanatischer Anhänger zu mobilisieren und die republikanische Partei quasi in Geiselhaft zu nehmen. Doch es ist ein Spiel mit dem Feuer.

Die Demokratie wird zum Feind

Denn um in der Logik der Verschwörung das angebliche Böse zu enttarnen und zu bekämpfen, muss zuerst die „Fassade“ fallen. Das macht den Staat und die Demokratie selbst zum Feindbild – und Gewalt zum nächsten logischen Schritt. So sieht der Terrorismus-Experte Peter R. Neumann in den radikalisierten und meist schwer bewaffneten  „QAnon“-Fanatikern bereits eine terroristische Bedrohung heraufziehen, die in den USA „in den nächsten Jahren größer und gefährlicher sein wird als die von Dschihadisten”, wie er im „Spiegel“ schreibt. Von der zersetzenden Wirkung auf die Demokratie ganz zu schweigen: „Post-truth is pre­fascism“, schrieb der US-Historiker ­Timothy Snyder jüngst in der „New York Times“: Wo es keine Wahrheit mehr gibt, ist der Faschismus nicht weit. Und auch Europa ist vor dem Sog des Postfaktischen nicht gefeit.

Über Jahrzehnte kannten wir Verschwörungsmythen als Phänomene an den Rändern der Gesellschaft. Es gab schon immer Menschen, die glaubten, die Welt werde von Echsenmenschen oder Illuminaten regiert, Aids stamme aus einem Labor, die Mondlandung sei ein Fake und Elvis Presley noch am Leben. Die wirren Thesen waren im besten Fall ein unterhaltsames Sujet der Popkultur, im schlimmsten Fall wurden ihre Anhänger als Spinner belächelt. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 gewannen sie enorm an Popularität, ernähren Autoren, Verlage und „alternative Medien“, grassieren im Internet. Dass im Verschwörungsdenken eine extremistische Gefahr schlummert, wird aber erst seit kurzem wahrgenommen. Sicherheitsbehörden schauen genauer hin, seit „Reichsbürger“ mit Neonazis Terrorzellen bilden und Corona-„Querdenker“ die Treppen des Reichstags stürmen.

Doch die Gefahr für die Demokratie wird noch potenziert, wenn Verschwörungsmythen in die Politik einsickern, von Mächtigen befeuert oder von populistischen Parteien aufgenommen werden. Was, wenn die Abwahl Trumps nicht ein Ende war, sondern nur der Anfang?

Propaganda, Spaltung und Hass sind als Treibstoff der Macht so alt wie die Politik selbst. Das psychologische Erbe des Menschen macht unsere Hirne sehr empfänglich für Freund/Feind-Schemata. Nichts emotionalisiert und schweißt Gruppen so sehr zusammen wie eine mächtige Erzählung, die einen Keil zwischen „uns“ und „die“ treibt. Verschwörungsmythen wurden auf diese Art in der Geschichte immer wieder politisch instrumentalisiert. Der antisemitische Mythos einer „jüdischen Weltverschwörung“ und die „Dolchstoßlegende“ etwa legten eine zentrale Grundlage für die Barbarei der Nazis.

In den aufgeklärten Demokratien des Westens glaubten wir, diese düsteren Kapitel hinter uns gelassen zu haben – mit Errungenschaften wie Meinungs- und Medienvielfalt, Gewaltenteilung, Pluralität und Vertrauen in demokratische Institutionen. Das allein stiftet zwar keinen automatischen Konsens über die eine „Wahrheit“, doch zumindest über gewisse Grundlagen und Spielregeln. So kann man sich politisch leidenschaftlich über den richtigen Umgang mit China streiten – aber nicht darüber, ob es China überhaupt gibt oder ob es vielleicht von ­Aliens regiert wird.

Es ist der Aufstieg des Internets, der Verschwörungsmythen neuen Auftrieb gibt und ihre Verbreitung enorm beschleunigt. Zwar ist im Netz die seriös belegbare Information stets nur einen Mausklick entfernt – aber die böswillige Desinformation eben auch. Die sozialen Medien, deren Logik oft Emotion statt Vernunft, Vorurteil statt Abwägung und Feindbilder statt Konsens fördern, sind ihre ideale Brutkammer.  Eine gemeinsame Wahrheit braucht es nicht mehr, wenn jeder  in den Filterblasen seine eigene findet. Klimawandel, Wahlen, Corona, der Holocaust – all das ist wieder Glaubenssache. 

Und die Verlockung, an den Netz-Fanatismus politisch anzudocken, wächst – weil es erfolgreich ist. In Ungarn ist eine Verschwörungstheorie längst Staatsräson: Premierminister Viktor Orbán erklärte den Milliardär George Soros vor Jahren zum Feindbild Nummer eins: Er sei Teil eines Komplotts, das eine „Umvolkung“ Europas plane und die EU unterwandere. In Wahlkampagnen mischt Orbán antisemitische Vorurteile mit dem Mythos vom „großen Austausch“, einem angeblichen geheimen Plan globaler Eliten, die europäische Bevölkerung durch Muslime auszutauschen. Die Legende ist ein Gassenhauer rechtsextremer Bewegungen weltweit, die Attentäter von Norwegen, Christchurch und Halle hingen ihr an; und auch die AfD kokettiert damit. In Polen wiederum schürt die rechtskonservative Regierung die Erzählung, der Flugzeugabsturz des damaligen Präsidenten Lech Kaczyński sei ein Mordanschlag politischer Gegner gewesen – mit Erfolg: Die Version offizieller Untersuchungen glaubt nicht mal mehr ein Drittel der Polen. Ebenso wie in den USA zwei Drittel der Republikaner heute glauben, „die Antifa“ habe das Kapitol gestürmt.

Kann die liberale Demokratie diesen Kräften widerstehen? Die Psychologin Pia Lamberty bezeichnet den Umgang mit Desinformation und Verschwörungserzählungen als „eine der größten Herausforderungen dieses Jahrzehnts“. Vielleicht ist das politische Ringen darum, was Realität und was Fantasie ist, bedeutender als die überkommene Polarisierung zwischen „Links“ und „Rechts“. Angesichts der zersetzenden Kraft von Verschwörungsmythen wäre viel gewonnen, wenn jede Anlehnung an sie im politischen Wettstreit geächtet würde. Medienbildung und die Stärkung seriösen Journalismus sind ebenfalls wichtig: Den Zerfall und die Spaltung der Öffentlichkeit in den USA führt Historiker Timothy Snyder auch auf das Sterben der Lokalzeitungen zurück.

Wer wirksam gegensteuern will, sollte aber auch verstehen, dass Verschwörungsglaube, ähnlich wie Religionen, ein Phänomen der Psychologie, der Emotion ist. Nur mit Informationen und Fakten, mit Bildung und ein paar Euro mehr für angeblich „Abgehängte“ wird es nicht getan sein. Politik muss vielleicht auch neu lernen, wie man in dieser digitalen Moderne wieder Vertrauen und Begeisterung weckt – und für Werte und Ziele wirbt, an die die Menschen „glauben“ können.

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Erstellt:
21. Januar 2021, 07:49 Uhr
Aktualisiert:
21. Januar 2021, 07:49 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2021, 07:49 Uhr

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