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Verschwörung gegen Amerika
Was wäre wenn? Diese Frage hat sich auch Philip Roth in „Verschwörung gegen Amerika“ gestellt. Hier ist das Cover der US- Erstausgabe zu sehen. Foto: Vintage
Literatur

Verschwörung gegen Amerika

Was könnte in den USA unter einem Präsidenten wie Donald Trump passieren? Das haben sich bereits etliche Autoren und Denker ausgemalt.

16.03.2017
  • ULRICH RÜDENAUER

New York. Als die Präsidenten-Beraterin Kellyanne Conway im amerikanischen Fernsehen die Lügen der Regierung Trump als „alternative Fakten“ beschönigte, war das nicht nur ein weiterer Akt im absurden Theaterstück rund um den 45. Präsidenten der USA. Es konnte einem dabei auch angst und bange werden.

Alle die tagesüblichen Euphemismen, Finten, Verunglimpfungen und Pressebeschimpfungen rufen jene Analysen der Sprache des Dritten Reiches in Erinnerung, die Victor Klemperer 1947 in seinen „Notizen eines Philologen“ unter dem Titel „Lingua Tertii Imperii“ veröffentlicht hat. Darin heißt es: „Was jemand willentlich verbergen will, sei es vor anderen, sei es vor sich selber, auch was er unbewußt in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag.“

Die Sprache auch der Trump-Regierung – sie bringt all das Ungeheuerliche, das in ihr verborgen liegt, an den Tag. Trumps Anhänger aber scheinen immun gegen einen althergebrachten Fakten- oder Wahrheitsbegriff. Sie jubeln ihrem Idol zu, egal welch groteske Volten sein narzisstischer Charakter oder seine faschistoiden Berater ihm vorgeben.

Seine Gegner hingegen gehen mit einer gewissen Verzweiflung und Wut auf die Straße. Sie suchen Rat in Büchern, die zwar anderen Zeiten entstammen, aber tatsächlich wie eine Blaupause für die Gegenwart erscheinen.

Kurz nach Kellyanne Conways dreistem Propagandamanöver schnellte bei Amazon die Verkaufszahl eines Klassikers in die Höhe: George Orwells dystopischer Roman „1984“ beschreibt eine totalitäre Gesellschaft, in der die Sprache zum Manipulationsinstrument und die Geschichte umgeschrieben wird. „Neusprech“ und „Doppeldenk“ lauten die verharmlosenden Begriffe, die das gefährliche Spiel mit der Wahrheit verschleiern sollen: „Manchmal gilt zwei plus zwei gleich fünf. Manchmal drei. Manchmal alles auf einmal.“

So macht es der jetzige Präsident der USA. Er beharrt bekanntlich wie ein dreijähriges Kind darauf, dass er die größte Zahl von Wählern in der amerikanischen Geschichte hinter sich weiß – und bei seiner Inauguration mehr Anhänger ihm huldigten als bei jeder anderen Amtseinführung zuvor. Eine Lüge muss nur oft genug wiederholt werden, damit sie wahr wird.

Amerikanischer Faschismus, so er denn machtvoll wäre, würde sich von dem Hitler-Deutschlands unterscheiden, schrieb 1944 der Vize-Präsident der USA, Henry Wallace. In den USA würde es erst dann gefährlich, wenn sich eine Koalition von cliquenhaft befreundeten Kapitalisten, Giftmischern der öffentlichen Information und Ku-Klux-Klan-artigen Demagogen zusammenfände.

Ein anderer Kommentator meinte im Jahr 1938, Faschismus in den USA könne nur unter dem Label „Amerikanismus“ auftreten. „America First“, das Wahlkampfversprechen Donald Trumps, war Ende der 1930er Jahre der Slogan der nazifreundlichen, isolationistischen und antisemitischen Rechten in den USA. Einen ihrer prominentesten Fürsprecher hatten diese amerikanischen Faschisten in dem Flugpionier Charles Lindbergh.

Philip Roth beschreibt in seinem 2004 erschienenen Roman „Verschwörung gegen Amerika“, was es bedeutet hätte, wenn Lindbergh 1940 gegen Franklin D. Roosevelt angetreten und gar Präsident der USA geworden wäre. Sein meisterliches Gedankenspiel ist furchteinflößend – und erinnert an die aktuelle Situation:

Lindbergh hätte sich mit Hitler gut gestellt (wie es Trump gerne mit Putin möchte), die USA hätten nicht in den Zweiten Weltkrieg eingegriffen (Isolationismus) und die jüdischen Minderheiten im eigenen Land wären schikaniert worden (wie es heute Muslime und illegale Einwanderer zu befürchten haben). Aus der Sicht des achtjährigen Philip Roth werden die verheerenden Veränderungen in seinem Lebensumfeld geschildert, das sich bisher als uramerikanisch begriffen hat.

Der Roman taucht inzwischen wieder auf Bestsellerlisten auf. Ähnlich wie übrigens Margaret Atwoods Dystopie „Der Report der Magd“ (1987) und Sinclair Lewis‘ Roman „Das ist bei uns nicht möglich“ (1936), der auf satirische Weise bestreitet, dass die USA gegen Faschismus geimpft seien.

Wie Totalitarismus entsteht und welche Merkmale sich mit ihm verbinden, hat Hannah Arendt in ihrem Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ aus dem Jahr 1951 untersucht. Viele Kommentatoren der Ära Trump, vor allem in den USA, haben sich in den vergangenen Wochen auf diese Arbeit bezogen.

Auch Theodor W. Adorno kommt zu neuen Ehren: Die „Studien zum autoritären Charakter“, die in den 1940er Jahren in den USA entstanden sind, können heute noch Aufschluss über Denkbilder antidemokratischer Milieus geben. In der Analyse des Ultrarechten Martin Luther Thomas äußert Adorno einen Gedanken, der direkt zu Trump zu führen scheint: „Bezeichnend für den Faschistenführer ist ein Hang zu geschwätzigen Erklärungen über die eigene Person.“

Wer die Freiheit einfordert, sich nicht mehr an Konventionen und Regeln halten zu müssen, wird von all jenen gefeiert, die gerne genauso frei wären. Der Faschist reklamiert für sich nicht, zum Volk zu sprechen. Das Volk spricht durch ihn. Er ist das Volk.

Donald Trump liest keine Bücher, das hat er immer wieder mit einem gewissen Stolz erklärt. Es sei denn, die Bücher handelten von ihm. Na also: Er könnte doch gleich einmal mit Philip Roth, George Orwell und Theodor W. Adorno beginnen.

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16.03.2017, 06:00 Uhr
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