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Fall Alessio: Gutachter will nicht von Fehlern der Behörde sprechen

Versäumnisse im Jugendamt

Der Fall Alessio soll sich nicht wiederholen: Vor einem Jahr ist der Dreijährige gestorben, misshandelt vom Stiefvater. Das Jugendamt betreute die Familie. Ein Gutachter sagt jetzt, was das Amt anders machen muss.

03.02.2016

Von WULF RÜSKAMP

Fragen nach Alessios Tod: Sozialdezernentin Eva-Maria Münzer. Foto: dpa

Freiburg. Von Fehlern will der Gutachter nicht sprechen. Heinz Kindler ist mit seinem Team vom Deutschen Jugendinstitut in München vielmehr auf Probleme gestoßen, als er Entscheidungsprozesse im Jugendamt des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald näher untersuchte. An deren Ende hatte der Tod des dreijährigen Alessio aus Lenzkirch am 16. Januar vor einem Jahr gestanden. Der Stiefvater des Kleinen ist im Oktober wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge zu mehr als sechs Jahren Haft verurteilt worden, die Staatsanwaltschafts ermittelt noch gegen das Jugendamt. Aus Kindlers Gutachten, das gestern Kreistagsausschüssen vorgelegt wurde, wird sie wenig herausholen können für eine Anklage.

Der Fall hatte bundesweit Aufsehen ausgelöst. Alessio war im Sommer 2014 mit so beträchtlichen Verletzungen in die Uniklinik Freiburg eingeliefert worden, dass die Ärzte Anzeige gegen Unbekannt erstatteten. Ermittelt wurde schon damals gegen den Stiefvater, doch entlastende Aussagen aus dem familiären Umfeld trugen dazu bei, dass das Verfahren eingestellt wurde. Dennoch mahnte die Staatsanwaltschaft Schritte zum Schutz des kleinen Alessio an. Das hinderte das Jugendamt im Oktober 2014 nicht daran, das Kind wieder in die Familie zurückkehren zu lassen.

Der Psychologe Kindler erklärt diese Entscheidung im 67 Seiten starken Gutachten nicht für falsch. Es hätte, so formuliert er, jedoch Anlass bestanden, "an der Angemessenheit der bisherigen Bewertung der Gefährdung des Kindes zu zweifeln". Und falls es solche Zweifel gegeben hat, sei ihnen nicht "ausreichend beziehungsweise rechtzeitig nachgegangen" worden. Deshalb konnte das Jugendamt, als sich die Lage der Familie auf dem Bauerhof in Lenzkirch schwieriger gestaltete, "nicht auf eine genauer ausgearbeitete Risikoeinschätzung zurückgreifen, um die Gefährlichkeit der Situation zu erkennen".

"Vertiefende Risikoeinschätzung": Das ist eines der sechs "Problemfelder", die Kindler ausgemacht hat, als er das Vorgehen des Jugendamts im Auftrag des Kreistags analysierte. Mit seinen Vorschlägen will er dazu beitragen, dass sich ein Fall Alessio im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald nicht wiederholt, auch wenn es dafür keinen Garantien gebe.

Weitere Problemfelder: Es gibt im Amt zwar Gruppen zur Unter- und Supervision, doch diese Instrumente blieben bei Alessio wirkungslos. Um das Kindeswohl zu schützen, arbeitet das Amt mit Externen zusammen, doch die Kooperation ist im Fall Alessio unzureichend geblieben. Das Amt hat seine Handlungsmöglichkeiten auch unnötig eingeschränkt, etwa aus Rücksicht auf die Gesundheit von Alessios Mutter. Zudem berücksichtigte der Hilfeplan für die Familie nicht mögliche neue Misshandlungen. Es sei zu wenig auf die Bedürfnisse Alessios geachtet worden, der in seiner Entwicklung zurückgeblieben war.

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Erstellt:
3. Februar 2016, 08:35 Uhr
Aktualisiert:
3. Februar 2016, 08:35 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Februar 2016, 08:35 Uhr

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