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Verraten und vergewaltigt: Ein Opfer aus der Zentralafrikanischen Republik berichtet
Estelle mit ihrem Sohn. 2014 wurde sie von einem französischen UN-Blauhelmsoldaten vergewaltigt. Foto: Philipp Hedemann
Wenn UN-Soldaten Verbrecher werden

Verraten und vergewaltigt: Ein Opfer aus der Zentralafrikanischen Republik berichtet

Dutzende Minderjährige wurden in der Zentralafrikanischen Republik von UN-Blauhelmsoldaten und anderen Schutzkräften missbraucht. Auch Estelle.

15.08.2016
  • PHILIPP HEDEMANN

Bangui/Paris. Unbeholfen versucht Estelle, ihren schreienden Sohn zu beruhigen. Als sie Lucas (beide Namen geändert) die Brust geben will, stößt der elf Monate alte Junge seine Mutter wütend weg. Die 18-Jährige liebt ihren Sohn, doch sie hat ihn nicht gewollt. Als sie 16 war, wurde sie vergewaltigt. Von einem Mann, der sie eigentlich vor Vergewaltigern hätte schützen sollen. Lucas Vater ist ein französischer Soldat. In der Zentralafrikanischen Republik sollen in den vergangenen drei Jahren Dutzende Minderjährige von UN-Blauhelmsoldaten und anderen ausländischen Soldaten missbraucht worden sein. Estelle war das vielleicht argloseste Opfer.

Im Sommer 2014 saß das Mädchen mit Zwiebeln, Avocados und Erdnüssen vor einem Stützpunkt französischer Soldaten. Ein gutes Jahr zuvor hatten in der fünf Stunden entfernten Hauptstadt Bangui Milizen den Präsidenten gestürzt und so einen blutigen Bürgerkrieg ausgelöst. Mit Kalaschnikows und Macheten gingen die Kämpfer der überwiegend muslimischen Seleka-Milizen und der größtenteils christlichen Anti-Balaka-Truppe aufeinander los. Tausende starben, Millionen flohen, beide Seiten setzten Vergewaltigungen als Kriegswaffe ein. Um dem ein Ende zu setzen, entsandte die ehemalige Kolonialmacht Frankreich ab Dezember 2013 mehr als 1600 Soldaten, seit September 2014 ist eine UN-Blauhelmtruppe im Land. Auch in Estelles Heimatstadt wurden französische Soldaten stationiert.

Estelle hatte die Kämpfe mit eigenen Augen gesehen, hatte Angst, dass die Kämpfer auch sie vergewaltigen könnten. Doch vor der Unterkunft der Franzosen fühlte sie sich sicher. „Sie sind hier, um uns zu beschützen“, hatte ihre Mutter gesagt. Außerdem hatten die schneidigen Männer immer ein paar Scheine in der Tasche. Ein Soldat, der sich Estelle als Fabien (Name geändert) vorstellte, kaufte regelmäßig bei ihr ein. „Seine Haut war ganz hell. Er sah sehr gut aus und hat immer bezahlt“, berichtet Estelle. Bevor die Franzosen kamen, hatte sie außer einem Missionar kaum Weiße gesehen.

Estelle ging nur drei Jahre zur Schule, dann erkrankte sie an Meningitis. Die Hirnhautentzündung verwirrte sie, und auch als das Fieber sank, konnte die einst gute Schülerin nicht mehr so denken wie zuvor. Schließlich musste ihre Mutter das geistig auf dem Niveau eines Kindes stehengebliebene Mädchen von der Schule nehmen. Fabien machte sich ihre Arglosigkeit zunutze. Der Soldat sagte, dass er ihr etwas zeigen wolle, lockte sie so ins Truppenlager. Dort vergewaltigte er Estelle. Anschließend steckte er ihr 15 000 CFA (umgerechnet rund 23 Euro) zu und sagte dem weinenden Mädchen, dass es niemandem erzähle dürfe, was passiert sei. So erzählt Estelle die Geschichte knapp zwei Jahre danach.

Doch zunächst schwieg sie. Ihre Mutter merkte dennoch, dass mit ihr etwas nicht stimme. „Estelle war plötzlich kein Kind mehr. Sie hat nicht mehr gesprochen, nicht mehr gespielt, hat ständig geweint und wollte am liebsten den ganzen Tag schlafen. Vorher war sie ein fröhliches Mädchen. Spätestens als sie anfing, sich zu übergeben, wusste ich, dass etwas Schlimmes passiert war“, berichtet Estelles Mutter. Vor der Tat wusste Estelle nicht, wie man schwanger wird und wie man sich vor einer Schwangerschaft schützt. Erst als ihr Bauch dicker wurde, erklärte ihre Mutter ihr, dass darin ein Baby wuchs.

Estelle war damals selbst noch fast ein Kind, ihr Körper noch nicht voll entwickelt. Lucas musste per Kaiserschnitt geholt werden. „Viele vergewaltigte Frauen werden von der Gesellschaft geächtet und so zum zweiten Mal zum Opfer“, sagt Lucien Amani. Der kongolesische Psychologe betreut für eine Partnerorganisation der deutschen Welthungerhilfe in der Zentralafrikanischen Republik Vergewaltigungsopfer.

Mit ihrer Mutter wandte Estelle sich an die „Femmes Juristes“, eine Vereinigung von Anwältinnen. „Die meisten Frauen und Kinder, die von ausländischen Soldaten missbraucht wurden, gehen davon aus, dass die Täter ungestraft davon kommen. Darum werden die meisten Verbrechen gar nicht erst zur Anzeige gebracht. Die Dunkelziffer ist entsprechend hoch“, vermutet Perrine Dzackondo von der Organisation.

In Frankreich wird zwar seit Juli 2014 gegen Soldaten, die im Bürgerkriegsland Kinder missbraucht haben sollen, ermittelt. Ob auch gegen Estelles Peiniger vorgegangen wird, ist jedoch unklar. Die Staatsanwaltschaft und das Verteidigungsministerium wollten sich trotz mehrfacher Nachfrage nicht äußern.

„Diese Soldaten sind doch gekommen, um uns zu beschützen. Stattdessen vergewaltigen sie unsere Töchter“, schimpft Estelles Mutter mit zitternder Stimme. Auch Anthony Banbury, stellvertretender UN-Generalsekretär, kämpfte mit den Tränen, als er im Januar in New York über sexuellen Missbrauch durch UN-Soldaten berichten musste. Zu sexuellen Übergriffen war es auch in den letzten Jahren immer wieder gekommen, doch 2015 war die Zahl der Vorwürfe erstmals seit fünf Jahren wieder gestiegen.

69 Verdachtsfälle hatten sich im Jahr 2015 erhärtet, darunter 22 Fälle in der Zentralafrikanischen Republik. Keine andere Blauhelm-Mission ist stärker betroffen. „Die Vereinten Nationen tun alles Mögliche, um die Opfer zu unterstützen, Verantwortung und Gerechtigkeit walten zu lassen und zu verhindern, dass solche Fälle sich wiederholen“, sagte Banbury schluchzend. Wenige Tage später trat er wegen des „kolossalen Missmanagements“ bei den Vereinten Nationen zurück.

Im Dezember hatte eine von Generalsekretär Ban Ki Moon eingesetzte Untersuchungskommission der Uno „institutionelles Versagen“ bei der Aufarbeitung von Missbrauch vorgeworfen. Entwicklungshelfer hatten die Uno schon 2014 darüber informiert, dass Soldaten aus Frankreich, Äquatorialguinea und dem Tschad seit 2013 Kinder ab acht Jahren im Flüchtlingslager auf dem Flughafen Bangui unter anderem zu Oral- und Analverkehr gezwungen haben sollen. Ein Franzose soll Minderjährige sogar zu Sex mit einem Hund gezwungen haben. Einige Opfer berichteten, sie hätten dafür Kekse, Wasser oder Geld erhalten.

Estelle hat kein Interesse daran, dass ihr Peiniger vor Gericht gestellt wird. „Ich bin Christin. Ich kann vergeben. Was mit Fabien passiert, soll Gott entscheiden“, sagt das fromme Mädchen. Ihre Mutter hingegen möchte, dass der Mann sich vor einem weltlichen Gericht verantworten muss. Hinter Gittern will sie ihn aber nicht sehen: „Lucas ist auch sein Kind. Wenn er sich schon nicht um ihn kümmert, soll er wenigstens regelmäßig Geld schicken. Aber wie soll er etwas verdienen, wenn er im Gefängnis sitzt?“

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15.08.2016, 06:00 Uhr
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