Nachruf: Nikolaos Skaltsas

Vermutlich der letzte Zeitzeuge von Hailfingen/Tailfingen

Nikolaos Skaltsas ist im Alter von 92 Jahren in Athen gestorben. 1944 war er Zwangsarbeiter in Hailfingen und Reusten.

21.06.2019

Von mi

Nikolaos Skaltsas tanzt in Hailfingen
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Nikolas Skaltsas, der Anfang Juni in Athen gestorben ist, besuchte 2018 die KZ-Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen. Nach der Veranstaltung tanzte der 91-Jährige zu einer griechischen Melodie – an jenem Ort, wo er 1944 als junger Mann unter grausamen Bedingungen beim Ausbau des Hailfinger Flugfelds schuften musste. Der Fernsehjournalist Peter Wingert filmte ihn dabei. Video: wingert-film.de

01:24 min

Im Juli 2018 war Nikolaos Skaltsas erstmals wieder nach Deutschland zurück gekehrt – 73 Jahre nach seinem Einsatz als Zwangsarbeiter in Hailfingen und anderen Orten im Oberen Gäu. Der 91-Jährige war eingeladen vom Trägerverein der KZ-Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen. Begleitet von seinem Sohn besichtigte Skaltsas das Dokumentationszentrum im Tailfinger Rathaus, besuchte die Orte seines Leidens (das ehemalige Flugfeld nördlich von Hailfingen und den Steinbruch in Reusten) und berichtete am Rottenburger Paul-Klee-Gymnasium vor etwa 100 Jugendlichen von seinen Erlebnissen in den Jahren 1944 und 1945. Trotz allem, was er damals in Deutschland erleiden musste, sprach Skaltsas mit den jungen Deutschen ganz ohne Groll, ja geradezu herzlich. Und mit seinen wenigen Brocken Deutsch („Aufstehen!“, „Läuse“, aber auch: „Speck“) und seiner herzlichen, verschmitzten Art die Herzen der nachgeborenen Deutschen im Sturm erobern.

Als junger Mann war Skaltsas im August 1944 in Athen in die Fänge der deutschen Besatzer geraten. Die Soldaten trieben einfach alle Männer, die sie im Stadtviertel fanden, zusammen. Viele wurden gleich exekutiert, andere kamen in ein Sammellager und wurden später zur Zwangsarbeit nach Deutschland verfrachtet. Etwa 400 Griechen kamen so im September 1944 auf dem Nebringer Bahnhof an und mussten fortan beim Ausbau des Hailfinger Flugfelds schuften, unter grausamen Bedingungen. Drei Mitgefangene starben – ihre Gräber befinden sich auf dem Hailfinger Friedhof. Nach zwei Monaten wurden die Griechen durch jüdische KZ-Gefangene ersetzt. Skaltsas kam dann nach Oberjesingen und Deckenpfronn – dort waren die Bedingungen für die Zwangsarbeiter etwas erträglicher. Am 23. April 1945, dem Tag des „Heiligen Giorgios“, befreiten amerikanische Soldaten die Griechen bei Haigerloch.

Nikos Skaltsas. Archivbild: Michael Hahn

Die beiden Herrenberger Pensionäre Volker Mall und Harald Roth vom Gedenkstättenverein hatten Skaltsas erst Anfang 2018 in Athen ausfindig machen können und ihn gleich ins Gäu eingeladen. „Er war der zweite und vermutlich letzte Zeitzeuge, der vor Ort von seiner Zeit als griechischer Zwangsarbeiter auf dem Hailfinger Flugplatz berichten konnte“, schreibt Mall. (Der erste war Eduard Rock-Tabarowski, der nach seiner Befreiung 1945 in Deutschland blieb und bis zu seinem Tod 2013 in Leonberg lebte. Seine Zeugenaussagen sind ausführlich im Tailfinger Rathaus dokumentiert.)

Mit seinem beeindruckenden Gedächtnis konnte Skaltsas bei seinem Besuch vor einem Jahr viele offene Detailfragen über die Geschichte des Hailfinger Zwangsarbeiterlagers klären. Der Filmemacher Johannes Kuhn dokumentierte seine Berichte.

Laut Volker Mall hielt der Oberjesinger Geschichts-Arbeitskreis in den vergangenen Monaten weiter Kontakt zu Skaltsas. Ein Mitglied habe ihn an Ostern in Athen im Krankenhaus besucht. Anfang Juni ist der 92-Jährige nun nach kurzer schwerer Krankheit gestorben.

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Erstellt:
21. Juni 2019, 17:55 Uhr
Aktualisiert:
21. Juni 2019, 17:55 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Juni 2019, 17:55 Uhr

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