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Musical

„Verliebe dich nie in deine Songs“

Im Februar kommt „Der Glöckner von Notre Dame“ nach Stuttgart. Eine Begegnung mit dem Disney- und Broadway-Komponisten Alan Menken, einem achtfachen Oscar-Gewinner.

17.11.2017
  • DOMINIQUE LEIBBRAND

Stuttgart. Locker lehnt Alan Menken im Foyer des Theater des Westens in Berlin an der Wand. Die Besuchermassen strömen an ihm vorbei, niemand nimmt Notiz von dem kleinen Mann mit der randlosen Brille. Keiner ahnt, dass hier ein preisgekrönter Disney- und Broadway-Komponist mit einem Stern auf dem „Hollywood Walk of Fame“ steht.

Acht Oscars hat Alan Menken für seine Arbeit an den Filmen „Arielle, die kleine Meerjungfrau“, „Die Schöne und das Biest“, „Aladdin“ und „Pocahontas“ gewonnen. 19 Mal war er nominiert. Seinen Durchbruch hatte er noch vor seiner Zeit bei Disney im Jahr 1982 mit der Musical-Adaption des B-Films von Roger Corman „Der kleine Horrorladen“. Die Produktion gehört seither zu den meist gespielten Musicals im deutschsprachigen Raum. enkens Begrüßung klingt indes alles andere als preisträgermäßig: „Hi!“ Später bestellt der 68-Jährige an der Bar ein Glas Weißwein. „Trinke ich etwa allein?“, fragt er in die Runde und grinst.

Dass es gerade für der „Glöckner von Notre Dame“ 1996 „nur“ für eine Oscar-Nominierung gereicht und das Stück es nie an den Broadway geschafft hat, ist Ironie des Schicksals. Bezeichnet Menken doch von allen Disney-Produktionen, die er gemacht hat, gerade diese als seine anspruchsvollste. Es ist eine der letzten Vorstellungen, die der US-Amerikaner an diesem Abend im Theater des Westens gemeinsam mit Journalisten anschaut. Ein halbes Jahr ist die neue Version des „Glöckners“ dort gelaufen. Anfangs schleppend, dann richtig gut – reihenweise ausverkaufte Vorstellungen. Am 18. Februar feiert das Stück im Stuttgarter SI-Centrum Premiere.

Gut 15 Jahre war der „Glöckner“ von der Bühne verschwunden. Als es dann darum ging, eine neue Version zu schaffen, war Menken nicht sofort Feuer und Flamme. „Ich habe nicht gesagt: Ich will das nochmal tun.“ Doch das Konzept habe ihn überzeugt – und das Team. „Jedes Mal, wenn ich zu einer Arbeit zurückkehre, geht es um Zusammenarbeit.“

Er ist zuletzt oft zurückgekehrt. Remakes, ob für Bühne, Kino oder TV, sind angesagt. Disney lässt derzeit im Akkord Zeichentrickklassiker als Realverfilmungen mit Hollywood-Starbesetzung aufleben – und da ist Menken, der mit dem US-Medienkonzern seit Ende der 80er Jahre eng verwoben ist, gefragt. Sei es für die Neuverfilmung von „Die Schöne und das Biest“, für „Arielle, die Meerjungfrau“ oder „Aladdin“. „Dafür habe ich mit den Leuten von ,La, La Land' zusammengearbeitet – oh mein Gott, ich bin so aufgeregt deswegen“, sagt er und reißt die Hände in die Höhe. Überhaupt ist der Vater zweier Töchter ständig in Bewegung. Mal fliegen seine Finger beim Erzählen über eine unsichtbare Klaviertastatur, mal stimmt er inbrünstig einen seiner Songs an.

Aus alt mach neu: Das Prinzip birgt die Chance, Misslungenes besser zu machen. Doch Menken krittelt an seinem Schaffen rückblickend nicht herum. Die Trickfilm-Version von der „Glöckner von Notre Dame“ von 1996, auf die sei er immer noch sehr stolz. Die kommt freilich disneymäßiger mit singenden Steinfiguren und Happy End daher. Die Bühnenfassung von 1999 war schon wesentlich düsterer, die aktuelle orientiert sich noch stärker an der Romanvorlage von Victor Hugo von 1831. „Es war eine Entdeckung der Neuauflage, nicht zu versuchen, das Familienpublikum zu bedienen“, sagt Menken. Die Neufassung, für die er zusammen mit Stephen Schwartz sechs zusätzliche Lieder komponierte, wird erst ab zwölf Jahren empfohlen.

Herausgekommen ist eine disneyuntypische Show, die auch Zuschauern jenseits des klassischen Musicalpublikums gefallen dürfte. Sozialkritisch, tiefenpsychologisch und musikalisch gewaltig. Zu verdanken ist das vor allem dem 24-köpfigen Chor, dessen Gesang die Besucher gleich in der Anfangsszene in die Sitze drückt. Als Menken die Musik schrieb, ließ er sich von den „Carmina Burana“, von Brahms, Strawinsky inspirieren – und von Glockengeläut. Das sei der beste Weg, das Publikum auf die Geschichte vorzubereiten. Diese hat für ihn viele Botschaften. „Es geht um Inklusion, kulturelle Akzeptanz und um das Überwinden der Angst vor dem Unbekannten.“

Menken hat reihenweise Welthits produziert, hält sein Ego aber klein. „Verliebe dich nie in deine eigenen Songs“, lautet sein Credo. „Opfere ich den besten Song, wenn es der Show dient? Oh Gott, ja!“ Es sei sein Job, Lieder zu schreiben, die in die Produktion passten. „Wenn ich komponiere, geht es nie um Alan Menken, ich bin dann Quasimodo, Frollo oder Belle.“ Aus dieser Begrenzung entstehe Kreativität. „Das Schlimmste, was man einem Komponisten sagen kann, ist: Du kannst jeden Song schreiben, den du willst.“

Mit so vielen Preisen in der Tasche – dazu zählen auch elf Grammys und sieben Golden Globes –, hat man da noch Ziele? „Ich habe noch nie einen Emmy gewonnen“, scherzt er. Und im Ernst: „Ich bin unglaublich ausgefüllt. Mehr als alles andere möchte ich ein neues Projekt haben, dass ich spannend finde.“

Als der Vorhang fällt, bricht im Theater des Westens tosender Applaus los. Später, beim Rausgehen, wird der Komponist von einer jungen Frau mit roten Rastazöpfen angesprochen. Unter Tränen bedankt sie sich für die Musik. Er schüttelt freudig ihre Hand. Dann verschwindet Alan Menken in der Masse. Ein Mann unter vielen.

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17.11.2017, 06:00 Uhr
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