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Einer der Protagonisten im Film „Newcomers“ erzählt, wie er im Gefängnis gefoltert wurde. Bild: Agentur




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06.12.2018

Von Sabine Lohr

Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Palästina, dem Irak und – ja, auch das – aus Deutschland. Sie haben schöne Erinnerungen an ihre Kindheit, an die erste Liebe, den Granatapfelbaum im Garten. Und sie haben schlimme Erinnerungen an Gefängnis, Folter, Verschleppung, Vergewaltigung. Die 29 Protagonisten in Ma’an Mousllis Dokumentarfilm „Newcomers“, der am Montagabend im Kino Arsenal zu sehen war, sind Geflüchtete, die von ihren Erlebnissen erzählen. Ein alter Mann, ein Mädchen, eine Afrikanerin, ein Mann, der bei einem Bombenangriff beide Arme und ein Bein verloren hat, ein Homosexueller, ein Deutscher, der aus der DDR geflohen ist, eine deutsche Frau, die vor den Nazis floh. Gedreht sind die Sequenzen in extremer Nahaufnahme der Köpfe vor schwarzem Hintergrund.

Die Menschen erzählen in ihrer Heimatsprache, sie sind offen, sie lachen, sie weinen. Und das Publikum lacht mit – oder schweigt ergriffen. Denn manche der (in Untertiteln übersetzten) Berichte sind so erschütternd, dass die kleine Schwarzpause zwischen den Sequenzen bitter nötig ist, um das Gehörte ein klein wenig zu verdauen.

Eingeladen zu dem Film hatte das Asylzentrum. Anlass war der 70. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. Dazu, fand Ulrich Ziegler vom Asylzentrum in seiner Einführung, passe der Film sehr gut. „Die Menschen, die dort erzählen, werden zu Botschaftern verletzter Menschenrechte.“ Die Verbundenheit mit ihnen, die die Erzählungen auslöse, erzeuge ein Wir-Gefühl, fand Ziegler. Und damit die Begründung für die Gültigkeit der Menschenrechte.

Regisseur Mouslli, selbst aus Syrien vor dem Assad-Regime geflohen, griff für den Filmtitel auf Hannah Arendt zurück, die den Begriff „Flüchtling“ als bedrückend empfand. Er bedeute Armut, Hilf- und Wehrlosigkeit. Arendt verwendete deshalb den Begriff „Newcomers“, der eine Perspektive ausdrücke.

Im anschließenden Gespräch fragte die ehemalige TAGBLATT-Redakteurin Ulrike Pfeil als Moderatorin die rund 100 Besucher, wie man denn nun „Flüchtlinge“ oder „Geflüchtete“ nennen solle. Die Antworten: neue Mitbürger, neue Nachbarn, neu Angekommene.

Als Gesprächspartner hatte das Asylzentrum den Asylanwalt Holger Rothbauer und Kreisarchivar Wolfgang Sannwald eingeladen. Sannwald ist der Initiator von „TüNews International“, einer Wandzeitung von Geflüchteten für Geflüchtete.

„Das Berührende an dem Film“, sagte Pfeil, sei, dass diese Menschen als Individuen wahrgenommen würden und nicht als kategorisierte Gruppe. Rothbauer stimmte zu und kritisierte die Gerichte, die sich nicht mehr als anderthalb Stunden Zeit nähmen, um ein individuelles Schicksal abzuhandeln. Da würde etwa ein Albaner, der ein Opfer von Blutrache ist, vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge abgelehnt und zur Rückkehr aufgefordert, weil Albanien als sicheres Herkunftsland gelte und die Polizei ihn dort schütze. „Und das ist halt Quatsch“, so Rothbauer.

Ein weiteres Menschenrecht ist der Schutz der Familie. Wie also, fragte Pfeil, sieht es mit der Familienzusammenführung aus? Rothbauer berichtete von einem 17-Jährigen, dessen Eltern für ein halbes Jahr kommen durften und dann zurück in die Heimat sollten. „Weil der junge Mann dann 18 war.“

Zur kulturellen Teilhabe sagte Sannwald, dass vor allem Kommunikation wichtig sei. Denn alle Integrationserfolge gingen auf Kontakte zurück. Wichtig sei es zudem, die Erinnerungen zu bewahren. Er berichtete davon, wie bei der Qualifizierung von Jugendguides zwei Flüchtlinge mitgemacht und dabei auch an einer Fahrt in eine KZ-Denkstätte teilgenommen hätten. „Da kommen wir gerade her“, hätten sie gesagt. „Da bündelt sich die Erfahrung von Krieg und Massenmord“, so Sannwald, „damit haben wir umzugehen“.

Sannwald verwies auch auf die vielen Geflüchteten, die inzwischen die Sprache gelernt, eine Ausbildung oder Arbeit gefunden haben. „Ich bin oft fasziniert davon, wie sich Geflüchtete hier durchbeißen.“ Da werde eine große Integrationsleistung vollbracht. Denn Integration sei nicht nur die Leistung derer, die schon hier waren, sondern auch die derjenigen, die neu gekommen sind.

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Erstellt:
6. Dezember 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
6. Dezember 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Dezember 2018, 01:00 Uhr

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