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Die hohe Kunst, den Nutzen neuer Bahntrassen zu berechnen

Verkehrsministerium rechtfertigt Neubaustrecke Ulm-Wendlingen

Ob die Neubaustrecke Ulm - Wendlingen wirtschaftlich ist, hängt entscheidend von den Annahmen ab. Befürworter wie Gegner schaffen es leicht, ihre Auffassungen mit Zahlen zu untermauern.

12.11.2010

Von DIETER KELLER

Mottgers - den Namen dieses Dorfes mit knapp 800 Einwohnern im Main-Kinzig-Kreis, etwa 50 Kilometer westlich von Frankfurt, dürften die meisten Schwaben noch nie gehört haben. Und doch ist er wichtig bei der Frage, ob die Bahn-Neubaustrecke von Ulm nach Wendlingen jemals gebaut wird.

Denn im neuen Bedarfsplan für den Schienenausbau, den Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) gestern dem Verkehrsausschuss des Bundestags vorlegte, spielt die "Mottgers-Spange" eine große Rolle. Etwas anschaulicher ist der Name "Nordspessart-Trasse". Dabei handelt es sich um den Plan, beim Neu- und Ausbau der Bahnstrecke von Hanau über Fulda nach Erfurt eine zusätzliche schnelle Verbindung zur Strecke nach Würzburg zu bauen. Und die soll genau bei Mottgers enden. Folge: Die Fahrt von Frankfurt nach München würde 18 Minuten kürzer als heute.

Schon jetzt dauert sie von Frankfurt nach München über Würzburg eine halbe Stunde weniger als über Stuttgart. Das allerdings würde kippen, wenn die Neubaustrecke von Ulm nach Wendlingen gebaut würde, die allein fast eine halbe Stunde Fahrzeit einspart. Folge: Zusammen mit dem weiteren geplanten Ausbau, etwa zwischen Frankfurt und Mannheim, ginge es über Stuttgart schneller, es würden mehr Züge und Passagiere über diese Strecke fahren, und das würde sie wirtschaftlicher machen.

Im Bedarfsplan wird das mit dem NKV ausgedrückt, dem Nutzen-Kosten-Verhältnis. Ohne die Mottgers-Spange erreicht die Neubaustrecke Ulm-Wendlingen einen Wert von 1,5. Alles ab 1 gilt als wirtschaftlich, wobei beispielsweise der Ausbau der Rheintalbahn von Karlsruhe nach Basel mit einem NKV von mindestens 2,7 deutlich besser abschneidet. Mit der Spange dagegen erreicht die schwäbische Schnellstrecke nur ein NKV von 1,2. Sollte die Personen- und Güterverkehrsnachfrage im Jahr 2025 um 15 Prozent niedriger ausfallen, liegt er nach einer Alternativrechnung sogar nur bei 1 - gerade noch wirtschaftlich.

Den Grünen ist das alles viel zu optimistisch. Für Winfried Hermann, Vorsitzender des Verkehrsausschusses des Bundestags und Abgeordneter aus Tübingen, ist es ein "Taschenspielertrick", einfach die Mottgers-Spange herauszurechnen. Schließlich gehört auch diese zum Bundesverkehrswegeplan.

Fragt sich nur, wie wahrscheinlich ihre Realisierung ist, zumal sie wohl durch ein Landschaftsschutzgebiet führen würde. Bisher ist das Projekt, das mit Gesamtkosten von 3,1 Milliarden Euro im Plan steht, noch nicht einmal "angeplant", heißt es im Verkehrsministerium. Dabei weist es einen NKV von 2,0 aus. Vor 2025 ist an einen Baustart nicht zu denken, wenn überhaupt.

Dieses Schicksal teilt die Spange mit vielen der 29 Projekte, die bei der Überprüfung ein NKV von mindestens 1 erzielten: Würden alle realisiert, koste dies 25,8 Milliarden Euro. Dabei stünden für den Neu- und Ausbau des Schienennetzes zwischen 2011 und 2015 nur sechs Milliarden Euro zur Verfügung, rechnet der Grünen-Verkehrspolitiker Anton Hofreiter vor. Für Ulm-Wendlingen dagegen liegen längst Pläne und weitgehend Planfeststellungsbeschlüsse vor. Der Bau des 2,89-Milliarden-Euro-Projekts kann starten, was Hermann und Hofreiter verhindern wollen. Sie nennen es Willkür, die Realisierung eines anderen Projekts herauszurechnen. "Genau so könnte man die Neubaustrecke Frankfurt-Mannheim wegen mangelnder Finanzierung herausnehmen." Folge: Der Weg über Würzburg wäre wieder schneller.

Auch das NKV von 1,2 halten sie für geschönt. Das funktioniere nur, wenn täglich 17 leichte Güterzüge über die Strecke fahren. Die könnten problemlos auch die alte Filstalstrecke nutzen. Mit dem gleichen Trick sei auch die Wirtschaftlichkeit für die Neubaustrecke Nürnberg-Ingolstadt-München "getürkt worden", so Hermanns Vorwurf. Für sie sei bei nur 80 Güterzügen ein NKV von 1,2 herausgekommen. "Es fährt dort heute kein einziger Güterzug", so der Tübinger. Ohne die "virtuellen Güterzüge" kommt er für Ulm-Wendlingen nur noch auf einen NKV von 0,92. Das wäre das Aus.

Das Verkehrsministerium dagegen weist es als fälschliche Annahme zurück, auf der neuen Strecke könnten nur leichte Güterzüge fahren. Tatsächlich könne ein Großteil der üblichen Güterzüge, etwa die stark zunehmenden Containertransporte, sehr wohl auf der Strecke fahren. Und Schwerzüge, etwa mit Erz, seien schon heute auf der Filstalstrecke nicht unterwegs.

Die Mottgers-Spange übrigens ist auch bei den Grünen nicht unumstritten: Schon vor zehn Jahren lehnten sie im Kreistag des Landkreises Miltenberg den Bau ab, weil das Großprojekt "im Spessart und in der Rhön wertvolle Natur zerstört".

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Erstellt:
12. November 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. November 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. November 2010, 12:00 Uhr

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