Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Vergiftetes Arbeitsklima
Bananen aus Ecuador: Laut der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam sind die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen katastrophal. Foto: afp
Oxfam beklagt schlechte Bedingungen bei Lidl-Zulieferern von Bananen und Ananas

Vergiftetes Arbeitsklima

Die Farmen sind zertifiziert, trotzdem berichtet ein Ex-Pestizidpilot von Missständen bei Lidl-Zulieferern. Der Händler zeigt sich gesprächsbereit.

10.08.2016
  • CAROLINE STRANG

Neckarsulm. Jorge Acosta Orellana hat einiges zu erzählen. Der kräftige Mann mit der braunen Haut kommt aus Ecuador und war jahrelang als Pestizid-Flieger im Einsatz. Er flog über die Bananen- und Ananasplantagen und versprühte Insektengift. Warum er das nun nicht mehr macht? „2007 zeigten sich bei mir Anzeichen einer Vergiftung. Mein Blick war immer wieder verschwommen, mir wurde schwindelig, und ich hatte Herzrasen. Ich begann über Pestizide zu recherchieren“, erzählt er unserer Zeitung.

Vor allem über Mancozeb erfuhr er einiges, das ist das am meisten verwendete Pestizid und steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Nicht nur ihm geht es schlecht. Die Lage auf den Plantagen sei prekär“. So gebe es die Regel, dass die Plantagen mindestens zwölf Stunden nach Pestizid-Verwendung nicht betreten werden dürfen. Aber:„Die Arbeiter gehen direkt danach in die Plantagen oder arbeiten sogar auf ihnen, während die Pestizide von Flugzeugen versprüht werden.“ Deshalb gebe es viele Krebs- und Parkinsonkranke, viele Kinder seien behindert.

Doch das ist noch nicht alles, laut Acosta hatten viele Arbeiter noch nie Urlaub oder werden gefeuert, wenn sie zu alt sind. Frauen verdienten weniger als Männer, obwohl sie genauso hart arbeiten.

„Generell reicht das Einkommen nicht aus, um ein menschenwürdiges Leben zu führen. Viele verdienen weniger als das vorgeschriebene Mindesteinkommen von 366 US-Dollar“, sagt er. Das sind knapp 330 EUR .

Pestizide und Menschenrechtsverletzungen auf Farmen mit Produkten, die in Lidl-Regalen landen? Die Hilfsorganisation Oxfam nahm ihre Studie über die Situation vor Ort, für die auch Jorge Acosta berichtete, zum Anlass für eine Kampagne. Unter dem Motto „Hey Lidl, mach Dich fit für fair!“ sammelte Oxfam Unterschriften. Die Forderung: Die Unternehmen müssen sicherstellen, dass die von ihnen angebotenen Waren ohne Rechtsverletzungen, Ausbeutung und Umweltschäden produziert werden.

Oxfam-Vertreter übergaben Ende Juni 10 000 Unterschriften an den Konzern. Die Manager zeigten sich gesprächsbereit. Details dazu gibt Lidl nicht preis, Oxfam ist einigermaßen zufrieden: „Die anwesenden Lidl-Vertreter gaben zu, dass die Arbeitsbedingungen in der Ananasproduktion Costa Ricas und der Bananenindustrie Ecuadors verbessert werden müssen.“

In einer gemeinsamen Erklärung heißt es: „Oxfam und Lidl sind der Auffassung, dass eine gemeinsame Initiative von Handelsketten, Regierung, Gewerkschaften, NGOs, Lieferanten und Produzenten wichtig ist, um die Einhaltung des Grundrechts auf Gewerkschaftsfreiheit sowie anderer Menschenrechte in der ecuadorianischen Bananenindustrie voranzubringen.“

Nachholbedarf sehen die Aktivisten bei der Transparenz, vor allem die Lieferketten sollten offen gelegt werden – und bei dem fehlenden Bekenntnis zu Gewerkschaftsrechten in den Herkunftsländern des Obstes.

Lidl äußert sich gegenüber unserer Zeitung nur allgemein. „Lidl nimmt das Thema der Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern sehr ernst und arbeitet mit seinen Lieferanten seit Jahren aktiv an Maßnahmen zur kontinuierlichen Verbesserung“, sagt ein Sprecher der Neckarsulmer Handelskette. So begann Lidl 2006 seine Zusammenarbeit mit Fairtrade und führte im Juli desselben Jahres als erster deutscher Lebensmitteleinzelhändler mit „Fairglobe“ eine Qualitätseigenmarke für Fairtrade-zertifizierte Produkte ein. „Lidl hat 2016 den Fairtrade-Award in der Kategorie „Handel“ gewonnen“, betont der Sprecher.

Bei Bananen und Ananas verlässt sich Lidl auf die Zertifizierung durch Rainforest Alliance. Laut diesem Zertifizierer wurden nach den Anschuldigungen von Oxfam Ermittlungen eingeleitet. In einer Stellungnahme steht: „Die so weit möglich eingeleiteten Ermittlungen konnten die Anschuldigungen durch Oxfam nicht bestätigen.“ Die Untersuchungen seien allerdings noch nicht abgeschlossen.

Für Jorge Acosta machen sich „Zertifizierer wie die Rainforest Alliance, die angeblich Arbeitsrechte und Umweltstandards garantieren, zu Komplizen der Supermärkte. Sie täuschen die Kunden.“ So enthielten die Kriterien der Rainforest Alliance nicht, dass die Arbeiter in Gewerkschaften organisiert sein müssen. „Darüber hinaus kündigen sie ihre Kontrollen auf den Plantagen vorher an, manchmal Wochen im Voraus.“

Aber nicht nur bei den Zertifizierern sieht Acosta Mitverantwortung für die schlechten Bedingungen: „Die Supermärkte üben einen immensen Preisdruck aus, der sich durch die gesamte Lieferkette bis zu den Bananenplantagen fortsetzt.“

Deshalb fordert Oxfam nicht nur, „dass es nicht bei Gesprächen bleibt und Lidl sich aktiv für die Durchsetzung von Arbeitsrechten einsetzt.“ Vielmehr müssten alle Beteiligten handeln: „Produzenten und Exporteure in Costa Rica und Ecuador, Importeure und Supermarktketten in Deutschland, aber auch die Regierungen und Parlamente sowie Verbraucher hier und auch in den Anbauländern.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

10.08.2016, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular