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Vergängliche Spuren des Krieges
Juan Sambró an einem der Bunker der Línea Fortificada bei La Fatarella. Hier, über dem Ebro-Tal, erklärt er den Rückzug der republikanischen Truppen. Foto: Martin Dahms
In der Ebro-Schlacht leisteten Spaniens Republikaner ein letztes Mal Widerstand gegen Franco

Vergängliche Spuren des Krieges

Vor 80 Jahren stürzten rechte Militärs Spanien in den Bürgerkrieg. In der Ebro-Schlacht im Sommer 1938 bäumte sich die Republik noch einmal auf.

20.08.2016
  • MARTIN DAHMS

Madrid. Juan Sambró liest die Landschaft. „Man sieht es nicht so genau“, sagt der 70-Jährige, „wegen des Gebüsches. Aber die Senken dort sind Bombenkrater.“ Die Zweige knacken unter seinen Schritten. Er zeigt nach links, nach rechts. „Hier..., hier..., der eine größer, der andere kleiner, je nach Kaliber.“ Wer nichts weiß, sieht nur ein kleines Stück Kiefernwald auf einem Hügel mit gewelltem Boden. Aber Sambró weiß alles. Er kam schon als Kind die paar Kilometer vom Dorf hierher zum Pilzesammeln. „Damals waren die Spuren noch frischer. Mit jedem Jahr, das verstreicht, verblassen sie ein wenig mehr. Immerhin sind sie im Wald noch erhalten. Ringsum auf den Äckern sind sie ausradiert.“

Der Spanische Bürgerkrieg, der vor 80 Jahren, am 17. Juli 1936, als Aufstand rechter Militärs gegen die Regierung der Republik begann, ist Teil des europäischen Gedächtnisses. Zehntausende Artikel und Bücher sind über dieses Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg geschrieben worden. Als abstrakte Idee ist der Bürgerkrieg in Spanien immer präsent: als Mahnung, dass Spanier nie wieder mit Waffen auf Spanier losgehen mögen, oder als Erklärungsversuch für die unüberbrückbaren ideologischen Gräben von heute. Aber es ist ein seltsam körperloser Krieg, als wäre er kein fassbares Ereignis, keine Realität, die ein paar Alte immerhin noch miterlebt haben, keine blutige Wirklichkeit genau hier an diesem Ort. Juan Sambró ist einer, der nicht hinnehmen will, dass die Spuren verschwinden. „Jedenfalls nicht aus dem Gedächtnis“, sagt er.

Sambró wurde in diese Geschichte hineingeboren, 1945, im Hause seiner Eltern in La Fatarella, einem 1000-Einwohner-Dorf in der katalanischen Provinz Tarragona im Osten Spaniens. Der Krieg war bei seiner Geburt gerade erst gut sechs Jahre zu Ende, und Juan hörte die Älteren immerzu davon reden, „beim Schlachtfest, bei der Weinlese, beim Dreschen, sie redeten über nichts Anderes, und mich langweilte das“. Er begriff erst später, welches Drama der Krieg und die anschließende Franco-Diktatur für seine Familie bedeutet hatten.

Im Januar 1937 wollten Anarchisten seinen Vater umbringen, weil er sich wie die anderen Kleinbauern im Dorf der Kollektivierung verweigerte. Vor der Ebro-Schlacht, die Ende Juli 1938 begann und sogleich La Fatarella erreichte, floh der Vater auf seinem Maulesel in die „nationale“, von Franco-Truppen beherrschte Zone. Mit dem Sieg der Franquisten erst in La Fatarella und dann, am 1. April 1939, in ganz Spanien, wurde sein Leben nicht leichter. Als Juan sieben Jahre alt war, nahm die Guardia Civil seinen Vater fest und schlug ihn halb tot, weil sie ihm unterstellte, einem vermeintlichen Widerstandskämpfer Hilfe gewährt zu haben. „Mein Vater war weder Franquist noch Republikaner“, sagt Sambró. „Wer nicht Position beziehen kann oder will, hat zwei Feinde.“

Der Sohn, der so lange nichts von den Geschichten der Alten hören wollte, wurde erwachsen und fing an „zu denken und den Dingen die Bedeutung zu geben, die sie haben“. Juan bestellte das Land seines Vaters, keine zehn Hektar groß, baute Kirschen, Oliven und Mandeln an, verdiente sein Geld als Schweißer, ging Pilze sammeln und Rebhühner jagen und kannte bald jeden Quadratmeter seiner Heimat, der Terra Alta, dem Hochland auf der rechten Seite des Ebro, auf dem vor nun fast 80 Jahren die blutigste Schlacht des Spanischen Bürgerkriegs ausgetragen wurde.

Sambró fielen die Betonbauten auf, die halb verschüttet über die Hügel verstreut lagen, und das von Efeu überwucherte Ruinendorf im Wald, das sich an einen Berghang mit Blick über das Ebro-Tal schmiegte. „Niemand gab dem Bedeutung“, sagt Sambró. „Ich dachte schon, dass ich falsch lag.“ Aber je mehr er schaute, umso sicherer wurde er sich: Jemand musste die vergessene Geschichte dieser Orte ans Licht bringen.

Heute zeigt Sambró allen, die sich dafür interessieren, das vom Efeu befreite Dorf im Wald und erklärt ihnen seine Funktion als Befehlsstand der republikanischen Truppen während der Ebro-Schlacht. Er führt sie zu einem wiederausgehobenen Schützengraben, Teil der 30 Kilometer langen letzten Verteidigunglinie, der Línea Fortificada, an der die schon geschlagenen Republikaner Mitte November 1938 den Rückzug ihrer Truppen über den Ebro sicherten. Er zeigt ihnen die Stelle, wo Archäologen vor fünf Jahren „Charlie“ fanden, einen unbekannten republikanischen Soldaten, der hier im Schützengraben starb und nie bestattet wurde. Er zeigt ihnen einen wiederaufgebauten Bunker, außen vier mal vier Meter groß, innen zwei mal zwei Meter: einen von gut einem Dutzend Bunkern der Línea Fortificada, so stark, dass sie den Bombardierungen der deutschen, italienischen und Franco-spanischen Luftwaffe standhielten. Und er zeigt ihnen das kleine Museum im Dorf, voller Fundstücke vom Ebro-Schlachtfeld. „Als ich gestern mit dem Trecker unterwegs war, habe ich wieder ein Projektilteil gefunden“, sagt Sambró. Manchmal findet er auch Knochen. So wie Charlie sind viele der 10 000 bis 15 000 während der Ebro-Schlacht gefallenen Republikaner nie beerdigt worden. Auch nach dem Ende der Franco-Diktatur vor nunmehr 40 Jahren hat es keine systematische Suche nach den Überresten der Toten gegeben.

Die Terra Alta hat ihre Geschichte wieder. Dank Sambró und den Gleichgesinnten, mit denen er sich vor neun Jahren im Verein Lo Riu zusammentat, eben mit dem Ziel, die Spuren der Vergangenheit rund um La Fatarella vor dem Verschwinden zu bewahren. „Wir sind immer gegen den Strom geschwommen“, sagt Sambró.

Warum tut er das, wo Spanien doch das Vergessen vorzieht? Er weiß es nicht. Er sagt nur: „Jeder ist wie er ist.“

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20.08.2016, 06:00 Uhr
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