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Protest gegen Teilabriss

Verfolgte des Naziregimes wollen Güterbahnhof komplett erhalten

Für den Erhalt der kompletten Güterbahnhofshalle in Tübingen und deren Nutzung als Lern- und Dokumentationszentrum setzt sich die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes ein. Die Stadt indes hat weitergehende Pläne.

14.11.2014

Von SABINE LOHR

Tübingen. Der alte und längst nicht mehr genutzte Güterbahnhof ist das zentrale Gebäude, um das herum das neue Wohn- und Geschäftsquartier „Güterbahnhof“ entsteht. Wie mehrfach berichtet, gehört das Gelände zum Teil der Firma Aurelis, zum Teil der Firma Real Estate – beides Unternehmen, die aus der Bahn AG hervorgegangen sind. Das städtische Bauamt hat bei der Planung des neuen Quartiers aber kräftig mitgemischt – und der Gemeinderat hat den Bebauungsplan so weit abgesegnet, dass er zur Zeit ausliegt.

Die Aurelis wollte ursprünglich das Güterbahnhofsgebäude komplett abreißen und das Gelände neu bebauen. Allerdings steht das ganze Ensemble unter Denkmalschutz. Nicht nur, weil es ein Dokument der Industriegeschichte ist, sondern vor allem, weil im Gebäude ein „Beobachtungsstand“ erhalten ist. Von diesem Stand aus haben während des Zweiten Weltkrieges Wachmänner russische Zwangsarbeiter beaufsichtigt. Der erhöhte Stand hat zwei kleine Öffnungen – vermutlich sind es Schießscharten. In einem „Merkblatt für die Bewachung der russischen Kriegsgefangenen“ heißt es: „Beim geringsten Versuch tätlichen Widerstands ist von der Schusswaffe Gebrauch zu machen.“

Für den Erhalt dieses Standes und damit auch des Gebäudes haben sich nach der ersten Vorstellung der Aurelis-Pläne vor allem SPD-Stadtrat Klaus te Wildt und Baubürgermeister Cord Soehlke stark gemacht. Die Aurelis bot daraufhin der Stadt das Gebäude für den symbolischen Kaufpreis von einem Euro an. Ein kleiner Teil des Gebäudes allerdings wird dennoch abgerissen.

Für den Erhalt des Standes setzt sich der „Verein für ein Lern- und Dokumentationszentrum zur NS-Zeit“ ein, der das gesamte Gebäude für ein derartiges Dokumentationszentrum nutzen möchte. Nun bekommt der Verein Unterstützung von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Die hatte bereits in einem offenen Brief an Oberbürgermeister Boris Palmer gefordert, das unter Denkmalschutz stehende Gebäude zu erhalten. Werde auch nur ein Teil davon abgerissen, verliere der Bau seinen Schutz.

Das bestätigt Cord Soehlke. Der Teilabriss, sagt er, sei wegen der städtebaulichen Entwicklung des Geländes aber notwendig. Dennoch sei der Erhalt des restlichen Gebäudes gewährleistet – allerdings nicht ausschließlich für ein Lern- und Dokumentationszentrum. Die Verwaltung prüft zur Zeit auch andere, parallele Nutzungen. Gedacht ist ans Stadtarchiv, ein Café und eine Kindertagesstätte. „Ich stehe voll und ganz zu dieser Abwägung“, sagt Soehlke. Er halte es für falsch, das gesamte Gebäude so stehen zu lassen wie es jetzt ist. „Wir könnten es nicht nutzen und ein Städtebau wäre auch nicht möglich.“

Info Die Stadtverwaltung lädt am Dienstag, 18. November, um 19.30 Uhr zu einer Informationsveranstaltung über das Güterbahnhofs-Areal ins Casino, Wöhrdstraße 25, ein.

Der alte Güterbahnhof von innen. Der vorspringende Einbau neben der blauen Tür ist der Beobachtungsstand, von dem aus russische Zwangsarbeiter beaufsichtigt wurden. Bild: Metz

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Erstellt:
14. November 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
14. November 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. November 2014, 12:00 Uhr

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