Schweigen in Stammheim

Verena Becker wegen Buback-Mord vor Gericht

Nach gut einer Stunde ist alles vorbei. Der erste Tag des Prozesses, in dem sich die frühere RAF-Terroristin Verena Becker wegen Mordes verantworten muss, geht unspektakulär zu Ende: Becker schweigt.

01.10.2010

Von CHRISTOPH FAISST

"Ein Herr bitte." Das Drehkreuz quietscht. Einige Minuten später quäkt der Lautsprecher am Besuchereingang zum Hochsicherheitsgefängnis in Stuttgart-Stammheim erneut: "Eine Dame bitte." Es stehen fast nur Herren in der Schlange und warten auf Einlass in jenes "Mehrzweckgebäude", in dem alle Prozesse gegen Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) stattfanden. "Keine Panik, alle kommen rein, das Gericht fängt nicht vorher an", ruft ein Bediensteter durch den Zaun. Warum sie hier sind, wollen die wenigsten verraten. "Ich sage nichts", sagt ein Mittfünfziger. Ein anderer gibt zu, schon in den 70er Jahren, als der Linksterrorismus das Land erschütterte, dagewesen zu sein und hüllt sich ansonsten in Schweigen. Eine Frau gleichen Alters sagt später, sie sei "aus Interesse" gekommen und lächelt verschmitzt. Ja, vor Jahrzehnten war sie auch hier. Ein Taxi braust vorbei, Presseleute hintendrein, ein Kameramann verliert seinen Scheinwerfer. Wer saß da drin? Verena Becker, die einstige Terroristin der RAF, die sich hier für den Mord am ehemaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback am 7. April 1977 verantworten muss? Oder Bubacks Sohn Michael, der als Nebenkläger auftritt? Linke Aktivisten verteilen Flugblätter: "Revolutionäre Geschichte aneignen und verteidigen!" Es geht darin um "Abrechnung" mit der RAF, "Repression" und "mediale Hetze". Verantwortlich für den Inhalt: E. Guevara, Kuba-Allee 59, Berlin.

Eine knappe Stunde, noch zwei Drehkreuze und eine gründliche Durchsuchung später geht es drinnen nicht um Revolution sondern um Mord. Gut 130 Besucher sind da, keine Szene, "der Durchschnitt der Bevölkerung", wie ein Beamter am Rande befindet. Ein Mann trägt ein schwarzes T-Shirt mit Hammer und Sichel. "Bis auf weiteres" werde man sich hier treffen, zwei Mal die Woche, sagt Hermann Wieland, der Vorsitzende des 6. Strafsenats des Oberlandesgerichts (OLG) Stuttgart. Das Ende des Verfahrens ist offen. Inhaltlich und zeitlich.

Verena Becker erscheint im beigen Rollkragen-Pulli mit passendem Blazer, sehr dunkler Sonnenbrille und Wasserflasche. Der Vorsitzende fragt nach den Personalien. "Wohnanschrift?" Schweigen. "Familenstand?" Lange Pause. Becker ringt die Hände. "Also ledig." Der Vertreter der Bundesanwaltschaft braucht nur 15 Minuten, um in der Anklage noch einmal Beckers Weg von einem palästinensischen Ausbildungslager im Jemen bis zu jener Straßenkreuzung in Karlsruhe zusammenzufassen, an der Buback und seine beiden Begleiter Karl Göbel und Siegfried Wurster im Kugelhagel einer HK 43 den Tod fanden. Davon, dass Becker vom Soziussitz des Motorrads, das neben Bubacks Wagen gefahren war, geschossen hat, geht die Bundesanwaltschaft nicht aus. Michael Buback schon. Es gebe mindestens 20 Zeugen, die eine Frau auf dem Motorrad gesehen hätten, sagt er nach der Verhandlung. Die Anklage sagt dagegen, Becker habe die übrigen RAF-Mitglieder angefeuert, den Befehl "Der General muss weg" umzusetzen. Den hatten die in Stammheim inhaftierten RAF-Terroristen erteilt. Ansonsten habe sie wahlweise den Tatort ausgespäht oder die Täter nach dem Mord abgeholt. All das reiche für den Mordvorwurf. Anders sah es Ende 2008 der Bundesgerichtshof (BGH), der lediglich Beihilfe zum Mord annimmt. Außerdem habe Becker die Umschläge mit den Bekennerschreiben zugeklebt, was für die RAF "ein wesentlicher Bestandteil ihrer Terroranschläge gewesen sei", trägt der Ankläger vor. Dazu kommen Schriftstücke, die Becker im Rahmen einer esoterischen I-Ging-Befragung angefertigt habe, die ebenfalls ihre Täterschaft belegen sollen.

Becker schweigt, ihr Verteidiger Walter Venedey spricht: "Frau Becker möchte weder zur Person oder zur Sache derzeit weitere Angaben machen." Venedey und Beckers zweiter Verteidiger Hans Wolfgang Euler gehen nicht davon aus, dass die Beweislage die Anklage tragen kann. Alle "in der Gruppe" seien hinreichend ideologisch aufgerüstet gewesen, so dass Becker den Tatentschluss gar nicht mehr habe fördern müssen, sagt Euler nach der eineinhalbstündigen Verhandlung. Und Bekennerschreiben zu verpacken, sei nach der Rechtsprechung des BGH nur ausreichend für den Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, nicht aber "Beitrag zu einem Mord".

Michael Buback hält an seiner These, Becker habe geschossen, fest. "Was wir suchen, ist die Wahrheit." Er geht davon aus, dass Becker seit 1977 vom Verfassungsschutz gedeckt wurde. Zeugenaussagen seien vernichtet worden, das Tatmotorrad sei wie der Dienstwagen des Vaters weg, eine "Häufung von . . . Merkwürdigkeiten ist ein zu schwaches Wort". Dass Becker, wie nun vom Verfassungsschutz angegeben, zur Tatzeit in Bagdad war, mag er nicht glauben. "Sie hat fünf Tage nach der Tat einen Banküberfall begangen", sagt er: "Ich bin fassungslos." Und: "Ich bin unabhängig. Ein Staatsanwalt, auch wenn er Generalbundesanwalt heißt, ist weisungsgebunden." Hier sieht er seine Aufgabe als Nebenkläger.

Euler betont, Becker habe nur gesagt, sie wolle heute keine Angaben machen: "Das lässt Raum für Interpretationen." Und Venedey stößt sich am Motto, unter das Richter Wieland die Verhandlung gestellt hatte: "Eine Person hat nach langer Zeit Angaben gemacht, um Verantwortung für die eigene Vergangenheit zu übernehmen." Er lege deshalb "Wert darauf, dass über das ob und gegebenenfalls den Umfang einer Verantwortung in diesem Verfahren noch zu entscheiden sein wird". Wieland: Er habe nicht Becker gemeint, sondern alle, die aussagen werden.

Verena Becker gestern zu Beginn der Verhandlung. Wegen einer Erkrankung darf sie die Sonnenbrille auch im Gerichtssaal tragen. Foto: dpa

Verena Becker auf einem Fahndungsbild von 1975.

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Erstellt:
1. Oktober 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
1. Oktober 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Oktober 2010, 12:00 Uhr

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