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Berlinale

Verbeugungen aller Art

Festival-Finale: Dieter Kosslick wird gefeiert, der Goldene Bär geht an einen Israeli, und auch zwei deutsche Filmemacherinnen werden ausgezeichnet

18.02.2019

Von MAGDI ABOUL-KHEIR

Der scheidende Berlinale-Direktor Dieter Kosslick hat Spaß mit dem Riesenbären der Jury, was wiederum die Juroren Juliette Binoche, Trudie Styler und Sebastian Lelio freut. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Berlin. Jubel und Tränen: Ja, es war die große Bären-Gala, am Samstag im Berlinale-Palast, und es gab eine Reihe würdiger Preisträger zu feiern. Jedoch: „Es ist auch sein Abend“, wie Moderatorin Anke Engelke gleich zu Beginn betonte: „Wir verbeugen uns vor Dieter Kosslick.“ Standing Ovations gab es für den 70-Jährigen, der seine 18. und letzte Berlinale verantwortet hatte.

Und so wurde, bevor es ans Bären-Verteilen ging, die Leistung des Schwaben in Berlin gewürdigt. „Wahre Filmhelden lässt man nicht ziehen, ohne in Erinnerungen zu schwelgen“, wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters sagte. Sie erinnerte daran, wie Kosslick sogar die Rolling Stones auf die Berlinale gebracht hatte und wie er – etwa mit einem leeren Jury-Stuhl für einen abwesenden iranischen Filmemacher – immer wieder politisch agierte. Die „couragierte Standhaftigkeit“ Kosslicks lobte Grütters: „Lieber Dieter, du hast deutsche Filmgeschichte geschrieben!“ Dafür bekam er Bilder aus seinem Lieblingsfilm „Metropolis“ geschenkt – und die Patenschaft für eine Brillenbärin im Berliner Zoo.

Das Private ist politisch

Und noch ein Bären-Präsent gab es für den Mann mit dem Hut: Die Jury, angeführt von Juliette Binoche, überwältigte ihn mit einem Riesen-Teddy. Aber die Juroren hatten auch Ernstes mitzuteilen: Dass der berühmte chinesische Filmemacher Zhang Yimou mit seinem neuen Werk nicht hatte am Wettbewerb teilnehmen können (womöglich hatte das grüne Licht der Zensoren gefehlt), sei ein Schlag gewesen. „Wir haben ihn sehr vermisst“, sagte Binoche.

Nora Fingscheidt mit ihrem Silbernen Bären. Foto: Christoph Soeder/dpa

Das Private ist stets auch politisch: Das war Kosslicks Leitsatz für diese Berlinale gewesen, und das hatte das Programm oft eingelöst – und für den Siegerfilm gilt es unbedingt. Der Goldene Bär ging an den Israeli Nadav Lapid für „Synonyme“, eine israelisch-französisch-deutsche Koproduktion.

„Synonyme“ erzählt die Geschichte eines jungen Israeli, der nach Paris kommt, um seine Herkunft abzustreifen. Er will kein Wort Hebräisch mehr sprechen, sucht nach neuen Wurzeln, aber das stellt sich als schwierig heraus. Ein persönlicher, mutiger, radikaler Film über Identität, Verletzungen, Heimatlosigkeit: Das ist manchmal durchaus grotesk amüsant, doch oft irritierend und traurig; psychisch, aber auch physisch intensiv bis an die Schmerzgrenze.

Mit dem Goldenen Bären widerfahre ihm „ein Wunder“, freute sich der Regisseur. Er wisse, dass sein extremer, womöglich provozierender Film in Israel, aber auch in Frankreich als Skandal wahrgenommen werden könne – aber man möge bitte bedenken, dass Zorn auch immer die Gegenseite von Zuneigung sei. Und vor allem sei „Synonyme“ eine „Feier des Kinos“.

Gefeiert wurde am Samstagabend auch das Kino zweier deutsche Filmemacherinnen: Nora Fingscheidt und Angela Schanelec gewannen Silberne Bären. Fingscheidt erhielt den Alfred-Bauer-Preis für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet – und das kann man von „Systemsprenger“ sagen.

Der Film schildert das Schicksal der neunjährigen Benni, die schwer traumatisiert wurde, gewalttätig ist und alle, die mit ihr zu tun haben, an Grenzen stoßen lässt. Auch dem Zuschauer setzt der Film zu, lässt ihn nicht mehr los, zumal er keine simplen Antworten bietet.

Nadav Lapid mit dem Goldenen Bären. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Die 35-jährige Fingscheidt hat an der Filmakademie in Ludwigsburg studiert und 2017 für das „Systemsprenger“-Skript den Thomas-Strittmatter-Drehbuchpreis der MFG Filmförderung Baden-Württemberg gewonnen. Vor zwölf Jahren sei sie als Praktikantin auf der Berlinale gewesen und habe sich ausgemalt, dass eines Tages das Plakat einer ihrer Filme dort hängen würde, erinnerte sie sich, „aber das hätte ich mir nie vorstellen können“. Sie erlebe die verrückteste Woche ihres Lebens.

Solche Emotionen sind die Sache von Angela Schanelec nicht. Sie bekam für „Ich war zu Hause, aber“ den Regie-Bären. Schanelecs Kino ist hermetisch, enigmatisch, hoch subjektiv: Statt eine Geschichte zu erzählen, zeigt die gebürtige Aalenerin Tableaus, und ihr befremdender Film – womöglich auch ein Werk künstlerischer Trauerarbeit – spaltete die Kritiker, wurde aber von der Jury für preiswürdig empfunden.

Zwei Preise für China-Epos

Doppelt ausgezeichnet wurde der Film im Wettbewerb, den den meisten Kritiker und Zuschauer ganz oben auf ihrer Liste hatten: „So Long, My Son“. Wang Xiaoshuai erzählt in drei Stunden das Drama dreier befreundeter Paare und ihrer Kinder im Wirkungsstrudel von 35 Jahren chinesische Geschichte. Dass Yong Mei und Wang Jingchun nun die beiden Darsteller-Bären erhielten, war das Mindeste, was man dem Meisterwerk über Verlust, Trauer und den Wandel der Zeit mit auf den Weg geben konnte.

Silberner Bär auch für Angela Schanelec. Foto: afp

Weitere Bären gingen nach Italien, Norwegen – und Frankreich: François Ozon erhielt für das Missbrauchs-Drama „Grâce à Dieu“ den Großen Preis der Jury. Während die anderen Bären-Gewinner sich bei den Juroren, ihren Mitstreitern und dem Festival-Direktor bedankten, ging Ozon sogar noch eine Stufe über Kosslick: Er bedankte sich bei Gott.

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Erstellt:
18. Februar 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Februar 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Februar 2019, 06:00 Uhr

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