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Chinas klammheimliche Gen-Revolution

Veränderter Reis darf seit Dezember angebaut werden

In chinesischen Lebensmittel-Regalen steht heimlich gentechnisch veränderter Reis. Das hat Greenpeace herausgefunden. Die Kritiker befürchten, China wolle so international konkurrenzfähig bleiben.

21.03.2010

Von KRISTIN KUPFER

Wenn ein chinesischer Sack Reis umfällt könnte dies bald die ganze Welt interessieren. Trotz mangelnder Zertifikate produziert und verkauft China als erstes Land der Welt genveränderte Varianten des weißen Korns. Das hat das Peking-Büro der Umweltorganisation Greenpeace in einer Studie herausgefunden. Von Ende Oktober bis Mitte November 2009 hatten Mitarbeiter in acht chinesischen Großstädten in 19 Filialen von neun Supermarktketten insgesamt 83 Lebensmittel erworben. Bei abgefülltem Reis aus zwei Läden in den südchinesischen Provinzen Hubei und Hunan ergaben die Labortests eine DNA-Veränderung. "Wir befürchten, dass solcher Reis schon landesweit in Supermärkten verbreitet ist", sagt Fang Lifeng, zuständig für Nahrung und Landwirtschaft bei Greenpeace. Dass genveränderter Reis exportiert wurde, will er nicht ausschließen.

In der Volksrepublik ist seit rund zwei Jahren eine gentechnische Revolution im Gange. China beschloss zwar bereits im Jahr 1997 den kommerziellen Anbau von DNA-veränderter Baumwolle. Im Nahrungsmittelbereich hat sich Peking auf Testballons mit Tomaten und Mango-Anbau beschränkt. Keine Experimente mit potenziell gesundheits- und umweltschädlicher Gen-Nahrung, hieß es. Im Sommer 2008 kam dann plötzlich die Wende: Der Staat lancierte ein mit umgerechnet rund zwei Milliarden Euro ausgestattetes Forschungsprojekt zu künstlich veränderten Produkten. Anfang Dezember 2009 tauchte dann auf der Webseite des Ministeriums für Landwirtschaft eine überraschende Nachricht auf: zwei genveränderte Reissorten und eine Maissorte haben die Sicherheitslizenz für den kommerziellen Anbau erhalten.

Greenpeace Peking hat den Gen-Reis im Rahmen ihrer Studie aber bereits vor dem 1. Dezember gekauft. Völlig überrascht zeigt sich Mitarbeiter Fang Lifeng nicht. Außer importiertem Sojaöl werden in China weder eingeführte Gen-Produkte wie Mais, Kohl oder Tomaten noch die in Südchina produzierten Mangos gekennzeichnet, sagt Fang. Seit der Importerlaubnis von 2002 ist dies gesetzlich vorgeschrieben. Und 2005 entdeckte Greenpeace in der zentralchinesischen Provinz Hubei Firmen, die illegal genmanipuliertes Saatgut vertrieben. Die Regierung ließ die Unternehmen schließen. "Aber in Hubei sitzt das mit der Erforschung von genverändertem Reis beauftragte Institut", sagt Fang, "dass dort einzelne Wissenschaftler neue Verbindungen mit Firmen eingegangen sind, lässt sich nicht ausschließen."

Wie anfänglich bei der Baumwolle verkaufen die Saatgutvertreiber den Bauern die veränderten Keime als "Supersamen". Die Landwirte freuen sich über die oft ertragreichere Ernte, ohne den Grund dafür zu kennen. Bauern, die Bescheid wüssten, verkaufen ihre Erträge komplett ohne selbst davon zu essen, erzählt Fang. Laut Umfragen in den chinesischen Medien und auf Internetportalen wollen 90 Prozent der Bevölkerung keine künstlich veränderten Lebensmittel essen. "Die Regierung sollte die Bedenken von Wissenschaftlern und Bevölkerung ernst nehmen", sagt Fang, "und laut Gesetz müssen solche Entscheidungsprozesse öffentlich gemacht werden."

Chinas Behörden bestreiten die Glaubwürdigkeit der Studie. "Wir haben niemals von solchen Fällen gehört", sagte Huang Dafang, Mitglied der Kommission für biologische Sicherheit des Landeswirtschaftministeriums. Für eine Untersuchung auf wissenschaftlicher Basis sei man allerdings bereit. Bis zur Produktion dauere es noch eine ganze Weile, wollte auch Chen Xiwen, Vize-Direktor der Zentralen Führungsgruppe für ländliche Entwicklung der kommunistischen Partei, Kritiker beruhigen. Schließlich müssen nach einer Probeanbauphase noch endgültige Lizenzen für Produktion und Verkauf vergeben werden. Im Zuge der Jahresversammlung des Nationalen Volkskongresses war die Kontroverse um Gen-Nahrungsmittel noch einmal hochgekocht.

Neben den von Kritikern weltweit geteilten ökologischen und gesundheitlichen Bedenken beschwören die Gen-Gegner in China eine Vereinnahmung durch ausländische Saatgut-Giganten. China solle sich nicht als Spielwiese missbrauchen lassen, schimpfen Nutzer in Internetforen. Die Patente der beiden zugelassenen Gen-Reissorten sollen Vermutungen zufolge bei dem US-Hersteller Monsanto liegen. Die chinesische Firma Origin Agritech besitzt die Rechte an der lizenzierten Gen-Maissorte.

Chinas Befürworter der Technologie führen die Sicherstellung einer möglichst autarken Nahrungsversorgung und weniger pestizidlastige Landwirtschaft ins Feld. Aus Sicht von Lang Lifeng wiegt aber der - bereits belegbare - Schaden an Tieren und Pflanzen den Vorteil auf. Hinter der Gen-Debatte steckte seiner Ansicht nach auch ein Streit über die zukünftige Entwicklung der Landwirtschaft. "Firmen und lokale Regierungen drängen auf großindustrielle Agrarbetriebe", sagt Fang, "nur so lässt sich genveränderte Produktion effizient realisieren." Der Agrarökonom setzt eher auf ökologische Landwirtschaft kleiner Betriebe. Fang fürchtet, Chinas Gen-Initiative könnte durch das Handelsumfeld Aufwind bekommen. "Im Bereich der Agrarproduktion hat China seit der Marktöffnung durch den WTO-Beitritt an Konkurrenzfähigkeit verloren", meint Fang, "aus Sicht des Staats ist es nur logisch dem mit eigenen Gen-Produkten zu begegnen."

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Erstellt:
21. März 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
21. März 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. März 2010, 12:00 Uhr

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