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Oktoberfest

Varieté der robusten Art

Seit 150 Jahren auf der Wiesn: Der Schausteller-Betrieb „Beim Schichtl“ lockt auch im Jubiläumsjahr am laufenden Band Neugierige in sein kleines Theater.

26.09.2019

Von PATRICK GUYTON

Beim Schichtl (Manfred Schauer) zeigt sich gerne die Wiesn-Society hier Kabarettistin Luise Kinseher. Foto: Michael Westermann/imago images

München. Schneller, lauter, teurer – Oktoberfest? Die Münchner Wiesn, die gerade zum 186. Mal stattfindet, wird von vielen geliebt für ihre rauschhaften Bierzelt-Massenfeiern und die immer gigantomanischeren Fahrgeschäfte – und von manchen dafür gehasst. Doch es gibt weiterhin auch andere Schausteller, kleine, leisere, die aber eine lange Geschichte haben.

Ein solcher ist Manfred Schauer vom Varieté „Beim Schichtl“, bekannt auch als Enthauptungs-Varieté. Doch davon später. 150 Jahre gibt es das Theater schon auf dem Oktoberfest, „Beim Schichtl“ ist damit der überhaupt zweitälteste Betrieb nach der Schottenhamel-Festhalle.

Zeit also für die Stadt München und den Schausteller-Verein, den Schichtl zu würdigen, der mit seiner Truppe auf der Wiesn jeden Tag am laufenden Band 20 bis 30 Vorstellungen gibt, jede dauert etwa eine Viertelstunde. Leiter Manfred Schauer, der sich „Prinzipal“ nennt, hat auch bei der Jubiläumsfeier einen Spruch nach dem anderen drauf, der Lacher hervorbringt.

Die Frage, auf was er am meisten stolz ist, beantwortet der 68-Jährige mit: „Auf die Zukunft.“ Er meint: „Schauer macht lustig.“ In einem Interview sagt er, wie er zum „Schichtl“ gekommen sei: „Zu Fuß, weil mit dem Auto kann man nicht hinfahren.“ Und in seinem Lebenslauf wird geschrieben, er sei „Sohn seiner Eltern“.

Das Theater, eine Bretterbude mit Holzdielen und roten Vorhängen, sieht nicht mehr ganz neu aus. Die Bühne ist zwei auf vier Meter klein, der Raum insgesamt überschaubar. Beim Empfang platzt er mit 200 Besuchern aus der Stadt- und Wiesn-Society aus allen Nähten.

Man duzt sich hier, zur Bedienung, natürlich im feschen Dirndl, wird gesagt: „Danke dir, Schatzi.“ Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ist ebenso anwesend wie Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und die Kabarettistin Luise Kinseher (Mama Bavaria). Das Schichtl-Varieté, das nur von elf Leuten inklusive Kassiererin betrieben wird, ist vor allem Klamauk mit Musik, hauptsächlich den „Queen“-Klassikern.

Als Figuren gibt es etwa die dicke Rosi oder Ringo, den Henker und Mann für alles, sowie eine Bauchrednerin. Das Varieté wird von der Stadt München, dem Wiesn-Veranstalter, als „Zauberei, Puppenspiel und Kuriositäten“ angepriesen.

Wie sehr sich das Oktoberfest verändert hat, zeigt eine Zahl: Als „Beim Schichtl“ 1869 begann, gab es noch 50 Theater auf der Wiesn.

Schauer betreibt das Geschäft nun schon seit 34 Jahren als Besitzer und Chef des Varietés. Insgesamt hatte das Haus in 150 Jahren nur vier Inhaber, beginnend mit Michael August Schichtl, der einst „Extra-Galavorstellungen mit noch nie dagewesenen Sensationen“ angepriesen hatte. Seine direkten Nachkommen betreiben die Schichtl-Stiftung, die sich um unverschuldet in Not geratene Künstler und Schausteller kümmert.

An die 10 000 Zuschauer hat Schauer jedes Jahr während der Wiesn, es gibt um die 400 Vorstellungen. Und damit auch 400 Hinrichtungen. Das ist die morbide wirkende Hauptattraktion seit 150 Jahren, Schauer sagte kürzlich: „Ich bin gespannt, wann es mal heißt: Eine Hinrichtung ist nicht komisch.“

„Enthauptung“ als Höhepunkt

Am Ende jeder Show steht – quasi als Höhepunkt – die „Enthauptung einer lebenden Person auf offener hell erleuchteter Bühne mittels Guillotine“. Das Fallbeil – „50 Pfund schwer und scharf wie ein Rasiermesser“ – habe der Schichtl-Gründer aus Frankreich bezogen, sagt Schauer.

Während die Melodie aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ läuft, wird Rita aus dem Publikum ausgewählt, eine Frau mittleren Alters. „Weg mit dem Kohlrabi“, sagt der Henker und zieht ihr eine schwarze Mütze über den Kopf.

Rita muss sich in eine Kiste legen, das Fallbeil saust herab, der Henker hebt den Kopf mit der Mütze empor. Nach der Veranstaltung sagt Rita draußen: „In der Kiste war es ganz schön eng und stickig.“

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Erstellt:
26. September 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
26. September 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. September 2019, 06:00 Uhr

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