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"Niemand erreicht täglich so viele Menschen wie die Zeitungsverlage"

Valdo Lehari, der Chef des Verlegerverbandes im Südwesten: Eine informierte Gesellschaft braucht

Die Zeiten in der Branche sind hart, aber die Zeitung selbst ist kein Auslaufmodell. Sie ist und bleibt ein wichtiges Medium, sagt Valdo Lehari, der Vorsitzende des Verbands Südwestdeutscher Zeitungsverleger.

27.07.2013

Von ULRICH BECKER

Der Springer-Konzern verkauft seine regionalen Zeitungstitel. Ist das ein Hinweis auf eine Branchenkrise?

VALDO LEHARI: Mitnichten, es wäre eine völlig falsche Interpretation dieses Verkaufsvorgangs. Erstens gibt es ja wohl offensichtlich auch einen Käufer, der die Zeitungen in Berlin und Hamburg fortführt, und zweitens ist das Haus Axel Springer seit längerem dabei, sich der digitalen Strategie und ihren Geschäftsmodellen zuzuwenden, zunehmend auch außerhalb des Kerns des Nachrichtengeschäfts. Im Übrigen hat diese aktuellste Entwicklung wieder gezeigt, dass große Medienkonzerne in Europa sich eher zu Fernsehunternehmen oder primär der digitalen Strategie zuwenden, was aber keinen Rückschluss auf die regionalen Zeitungen zulässt.

Entlassungen, Schließungen von Zeitungen: Hat die gedruckte Nachricht ausgedient?

LEHARI: Wenn nationale Titel wie etwa die Financial Times Deutschland oder die Frankfurter Rundschau in Schieflage geraten, gibt es doch nicht automatisch eine Zeitungskrise in Deutschland! Die rund 300 regionalen Verlage stehen stabil da, erreichen jeden Tag weit über 40 Millionen Menschen, zuzüglich unserer digitalen Angebote. Wir reden uns zurzeit auch selbst schlecht.

Welche Konsequenzen hat das?

LEHARI: Wir haben alle einen Grund, an uns zu glauben. Die Probleme, die es gibt, sind doch nicht neu: Das Anzeigengeschäft ist auch durch die Konzentrationsprozesse im Handel seit Jahren rückläufig. Die Probleme, die es gibt, haben nicht allein mit dem Erstarken der digitalen Angebote und dem Nutzungsverhalten der jungen Menschen zu tun. Deshalb müssen wir unsere qualitativen Stärken betonen: Niemand erreicht täglich so viele Menschen - gerade auch im lokalen Bereich - wie die Zeitungsverlage.

Worin liegt die Stärke der Zeitung?

LEHARI: Am PC oder am Tablet muss ich meine Frage und dadurch entsprechendes Wissen im Kopf haben, wenn ich etwas eingebe. Eine gute Zeitung überrascht, ich entdecke Themen, die ich nicht gesucht hätte - auch im Anzeigenteil. Das kann das Netz nicht bieten.

Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn Zeitungen ganz vom Markt verschwinden würden?

LEHARI: Das ist die Frage nach der Gesellschaft, die wir in Zukunft wollen. Ist das weiterhin eine informierte, aufgeklärte Gesellschaft - oder reicht ein Häppchen-Journalismus, der lediglich aus Überschriften besteht? Für eine aufgeklärte Gesellschaft liefern die Tageszeitungen die Grundversorgung, und sie sind das einzige Medium, das die zunehmend segmentierte Gesellschaft auch durch die elektronischen Medien zusammenhält. Um diesen Anspruch weiter zu erfüllen, müssen wir uns allerdings auch permanent weiterentwickeln und noch stärker auf die Bedürfnisse unserer Leser und Kunden eingehen - Print und Online.

Wieso fällt es den deutschen Verlegern so schwer, gemeinsam auf die Herausforderungen zu reagieren?

LEHARI: Wir sind noch nicht soweit wie in anderen Ländern, aber auf dem besten Weg. Die Schweiz wird zum Beispiel in diesem Jahr als erstes Land der Welt einheitlich das Bezahlmodell für Angebote von Tageszeitungen im Netz einführen. In Deutschland finden wir - und das ist sicherlich auch eine Stärke - in der großen Mehrzahl familiengeführte Verlage. Dort tut man sich verständlicherweise schwer, einen Teil seiner Unabhängigkeit aufzugeben. Ähnliches finden Sie im Übrigen auch in der privaten Hörfunklandschaft. Dazu kommen rechtliche Rahmenbedingungen: Wer in den Verdacht kommt, Absprachen zu treffen, hat sofort das Kartellamt im Nacken.

Brauchen wir Ihrer Ansicht nach einen runden Tisch aller Verleger in Deutschland?

LEHARI: Das wäre sicher hilfreich. Aber vielleicht sollten wir erst einmal auf Landesebene beginnen. Denn eines ist doch klar: Wenn wir nur für einen Tag unsere Inhalte nicht ins Netz stellen würden - also alle Tageszeitungen, aber auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender und die Magazine - dann wäre dort gar nichts los. Bisher akquirieren die Internet-Riesen wie Google in Kalifornien nationale und lokale Werbung, allerdings ohne einen Cent für unsere Inhalte zu zahlen, ohne angestellte Redakteure und immer den Datenschutz strapazierend. Das können wir nicht länger akzeptieren.

Noch ein Wort zu den jüngsten Abhörskandalen durch die Amerikaner: Sinkt dadurch das Vertrauen in elektronische Medien?

LEHARI: Diese Vorkommnisse haben nur thematisiert, was doch längst jeder weiß und worüber die Politik bislang geschwiegen hat. Wir als Verleger müssen aufpassen, dass wir nicht in Sippenhaft genommen werden mit dieser Geschäftspraxis von Google, Facebook, Apple und Co. Im Gegenteil: Wir sollten überlegen, ob wir den verantwortungsvollen Umgang mit den Daten unserer Kunden nicht zu einem Markenzeichen machen.

Also heißt es noch lange nicht good bye, Gutenberg?

LEHARI: Die Menschen brauchen mehr denn je Orientierung im unüberschaubaren Gewirr der digitalen Angebote und Nachrichten und der zunehmenden Desinformation. Und diese Orientierung bieten gedruckte Tageszeitungen, nach wie vor das glaubwürdigste Medium.

Valdo Lehari, Vorsitzender des Verbandes Südwestdeutscher Zeitungsverleger, bei der Mitgliederversammlung im Mai diesen Jahres.

Valdo Lehari jr. (60) ist Vorsitzender des Verbands Südwestdeutscher Zeitungsverleger, Mitglied des erweiterten Präsidiums des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger und Vizepräsident des Verbands der Europäischen Zeitungsverleger. Der Jurist stammt aus einer Verlegerfamilie und ist Geschäftsführer und Verleger des Reutlinger General-Anzeigers. eb

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Erstellt:
27. Juli 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Juli 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Juli 2013, 12:00 Uhr

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