Tübingen · Weihnachtsspendenaktion

VSP-Gärtnerei: Wie ein Feuerwerk im Kopf

Die Gärtnerei des VSP (Verein für Sozialpsychiatrie) bietet eine Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Eine Teilnehmerin berichtet, warum sie die Hilfe in Anspruch nimmt.

06.01.2022

Von Iris Simon

VSP-Gärtnerei: Wie ein Feuerwerk im Kopf

Sie würde gerne Löwenzähnchen genannt werden. Das gefällt ihr – auch, wenn sie die Anonymität eigentlich für ein falsches Signal hält. Doch es sei einfach besser so, erklärt Frau L. und lässt ihre Hände nervös über die vor ihr liegenden Unterlagen gleiten: „Ich habe Sorge, dass etwa meine Nachbarn denken: Was ist das für eine Verrückte. Es gibt einfach immer noch sehr viele Vorurteile gegenüber Menschen wie mir.“

Frau L. leidet seit rund zwanzig Jahren an einer „bipolaren Störung mit manischen Phasen aus dem schizoaffektiven Formenkreis“. Eine Diagnose, die ihr Leben von Grund auf veränderte. Alles begann um die Jahrtausendwende, mitten in der Ausbildung zur Ergotherapeutin. „Ich hab zu dieser Zeit ein Helfer-Syndrom entwickelt. In der Praxis habe ich mit vielen Patienten zu tun gehabt. Doch man hat zu wenig Zeit, um sich ausreichend um alle kümmern zu können. Dieser Spagat hat mich kaputt gemacht.“

Sie entwickelte massive Schlafstörungen, starke Stimmungsschwankungen und verlor aufgrund der einsetzenden Depression letztlich die Kontrolle über ihren Alltag. Frau L. suchte sich professionelle Hilfe – auch auf Druck ihrer Mutter. „Auf der väterlichen Seite meiner Familie gab es bereits ähnliche Erkrankungen. Meine Großmutter, mein Onkel, mein Vater und meine Schwester sind an Depressionen erkrankt. Das wollte meine Mutter nicht noch ein weiteres Mal mitmachen“, erzählt Frau L. und rückt sich die schmale Brille zurecht. Das sie hier nun ihre Geschichte erzählt, ist keine Selbstverständlichkeit und für sie sehr belastend.

Psychische Erkrankungen sind keine Diagnosen, die unmittelbar greifbar sind. „Es ist kein Beinbruch, der ausheilt und dann ist wieder alles gut. Stattdessen kann man locker ein halbes Jahr in der Klinik sein und hinterher weiß man immer noch nicht was nicht stimmt.“ Auch sie selbst habe das erst lernen müssen.

Die heute 44-Jährige wollte ihre Diagnose lange Zeit nicht wahrhaben. Zu groß waren die eigenen Vorurteile. „Ich dachte, ich bin ja nicht so wie die.“ 2001 wurde L. schließlich zwangseingewiesen. Eine Zeit in der ihr bewusst wurde, dass es so nicht weitergehen kann. „In Tübingen begegnet man ja immer mal wieder Menschen mit psychischen Auffälligkeiten, die mit sich selbst sprechen oder auch aggressiv auftreten. Auch ich war einer dieser Menschen.“

Auf ein Hoch folgt ein Tief

Rückblickend sagt L., dass ihre manischen Episoden besonders kritisch waren. Nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihr Umfeld. „Während der Hochphasen hat man viele Ideen und arbeitet ohne müde zu werden. Es ist wie Feuerwerk im Kopf. Doch auf das Hoch folgt das Tief. Die Arbeit wächst einem über den Kopf, man ist für seine Mitmenschen nicht mehr erreichbar und wird unberechenbar.“ In diesen Phasen hätte sie plötzlich aus dem fahrenden Auto ihrer Eltern springen oder ihrem Vater am Steuer die Augen zuhalten können. Wie man solche drastischen Ideen haben kann, kann Frau L. nicht mehr erklären. „Vielleicht, weil ich dachte, dass es lustig wäre. Man hat im Nachhinein oft eine Art Filmriss. Ich kann mich bis heute an viele Situationen nicht mehr erinnern.“ Um sie aus diesen manischen Phasen herauszuholen, wurde L. schließlich mit starken Psychopharmaka behandelt. „Richtige Hämmer“, wie Frau L. erklärt. „Man ist wie platt gepresst und könnte tagelang durchschlafen.“ Es folgten eine intensive Behandlung und eine lange Suche nach den richtigen Antidepressiva und Präparaten, die sie bis heute jeden Tag nehmen muss. Frau L. stabilisierte sich.

2013 kam es allerdings aufgrund einer unglücklichen Liebe und einem gekündigten Mietverhältnis zu einer weiteren Lebenskrise. Und zu einem massiven manisch-depressiven Schub. Frau L. wurde erneut aus dem Alltag gerissen. Ein Alltag, den sie sich mithilfe ihrer Familie und Freunde über 12 Jahre mühevoll erarbeitet hatte.

Nach einem längeren Klinikaufenthalt in Tübingen, musst L. wieder neu anfangen. Die Wohnung und der Job als medizinisch-technische Assistentin hatte sie verloren. Bei ihre Suche nach Hilfe stieß L. auf das Angebot des VSP – Verein für Sozialpsychiatrie. Der Verein setzt sich für eine Verbesserung der Hilfsangebote für psychisch kranke und behinderte Menschen ein, insbesondere für Erwachsene mit langjähriger Psychose-Erfahrung. Das Angebot umfasst stationäre, teilstationäre und ambulante Hilfen, um die Betroffenen wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Innerhalb kurzer Zeit konnte Frau L. in eine Wohngemeinschaft des Vereins ziehen. „Das war wie ein Sechser im Lotto, allerdings war mit dem erneuten Rückfall auch ein Lebenstraum geplatzt. Damit musste ich erst einmal klar kommen.“

Die Erde spüren

Geholfen haben ihr neben der engen persönlichen Betreuung der Mitarbeiter, vor allem das Arbeiten in der VSP-Gärtnerei „Guter Grund“. Ein großes Areal, das seit vielen Jahren von Menschen mit psychischen Erkrankung in der Gartenstraße (mittlerweile im Ammertal) bewirtschaftet wird. Fortan versorgte L. montags, mittwochs und freitags Blumenbeete, bearbeitete Ackerflächen und erntete Gemüse. „Die Erde zu spüren und an der frischen Luft zu arbeiten, war unglaublich heilsam“, erzählt L. versonnen. „Wir Menschen sind vielleicht einfach nicht für die Stadt gemacht, sondern brauchen den Kontakt zur Natur.“

Mittlerweile hat sich Frau L. wieder in ein selbstbestimmtes Leben zurückgekämpft. Gemeinsam mit ihrem Partner wohnt sie seit 2019 in einer eigenen Wohnungen des ambulant begleiteten Wohnen. Sie arbeitet wieder als 50-Prozent-Kraft in ihrem alten Beruf und erhält Frührente. Auf die Frage, ob sie nun glücklich sei, antwortet Löwenzähnchen schüchtern lächelnd: „Ich bin noch dabei meinen Weg zu finden. Doch ich bin zuversichtlich.“

So können Sie das Projekt des VSP unterstützen

Die Gärtnerei des VSP Verein für Sozialpsychiatrie können Sie im Rahmen der Weihnachtsspendenaktion des Tagblatt unterstützen. Spenden können Sie auf das TAGBLATT-Konto bei der Kreissparkasse Tübingen (IBAN: DE94 6415 0020 0000 1711 11). Wenn eine Spendenquittung benötigen wird, bitten wir um einen Vermerk und eine vollständige Adresse. Bei Beträgen bis 300 Euro akzeptiert das Finanzamt einen Kontoauszug. Wollen Sie ein bestimmtes Projekt unterstützen, bitten wir um einen Vermerk. Wegen der Datenschutzgrundverordnung werden die Namen der Spender in der Zeitung nicht veröffentlicht. Wir speichern Ihre personenbezogenen Daten (Name, Adresse, Kontodaten, Spendenbetrag) ausschließlich zur Durchführung der Spendenaktion und wegen möglicher Nachfragen (Art. 6 Abs. 1 lit. b DSGVO) für maximal sechs Monate. Gemäß Art. 13 DSGVO sind wir verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass wir Name, Adresse und Spendenbetrag der Leser, die eine Spendenbescheinigung wünschen, an die begünstigten Organisationen übermitteln.

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Erstellt:
06.01.2022, 21:30 Uhr
Lesedauer: ca. 4min 16sec
zuletzt aktualisiert: 06.01.2022, 21:30 Uhr

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