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Zur Hadsch-Panik schweigen die saudischen Prinzen

VIP-Konvoi soll Rückstau verursacht haben - Mehr als 2177 Menschen starben

Das saudische Herrscherhaus schweigt. Doch es verdichten sich Hinweise, dass die Massenpanik beim Hadsch weit mehr Tote gefordert hat. Mit der Ursache des Unglücks könnte die Dynastie ebenfalls zu tun haben.

21.10.2015
  • MARTIN GEHLEN

Die Mitteilung war so nichtssagend wie üblich. Kronprinz Mohammed bin Nayef habe die Untersuchungskommission angewiesen, "mit ihren Anstrengungen fortzufahren, um die Ursachen des Unglücks zu ermitteln", schrieb am Sonntag die staatliche Nachrichtenagentur.

Vier Wochen nach der Hadsch-Katastrophe gerät Saudi-Arabien immer mehr unter Druck. Weltweit machen Meldungen die Runde, die Massenpanik in Mina habe dreimal mehr Menschenleben gekostet, als Riad mit 769 Toten bisher einräumte. Das Unglück am 24. September wäre damit das schlimmste Mekka-Desaster aller Zeiten. So belegt die neueste Addition der ausländischen Opfer durch die Nachrichtenagentur AP, dass bislang 2177 identifiziert wurden. Hunderte werden noch vermisst.

Die Website Middle East Eye hatte zuvor in der Notfallklinik von Mekka ausgehängte Suchfotos dokumentiert, deren Nummerierung bei 2253 endete. Auf der Website des Gesundheitsministeriums war am 29. September für wenige Minuten sogar von 4173 Toten die Rede gewesen, bevor der Eintrag rasch wieder verschwand. Aktivisten gelang es, einen Screenshot zu machen. Vizegesundheitsminister Mohamed Aldowale habe ein Buch mit 4173 Fotos erhalten von Pilgern, die in Mina ums Leben kamen, hieß es in dem gelöschten Text. "Die ursprüngliche Statistik ging von 769 Toten aus, die endgültige Zahl jedoch ist auf 4173 gestiegen", nachdem das Ministerium Mitteilung "über weitere Leichen erhalten" habe.

Trotzdem hüllen sich die Saudis eisern in Schweigen, das Gesundheitsministerium verweigert jede Stellungnahme zu seinem mysteriösen Webeintrag. Auch die Forderung des Erzrivalen Iran, ausländische Experten hinzuzuziehen, wurde brüsk abgelehnt. Die rein saudische Ermittlungskommission jedoch steht möglicherweise vor der unlösbaren Aufgabe, die Ursachen der Hadsch-Tragödie korrekt zu benennen, ohne gleichzeitig die eigene Staatsspitze zu blamieren.

Teheran erhöhte noch am Wochenende den Druck auf Riad. Neben der vollen Aufklärung der Geschehnisse in dem Ort Mina, östlich von Mekka, müssten jetzt alle Verletzten schnellstmöglich in ihre Heimatländer zurückkehren dürfen, forderte Außenminister Mohammed Dschawad Sarif. Zugleich müssten die Leichname den Familien zurückgegeben werden.

Bereits 24 Stunden nach dem Unglück berichteten zahlreiche Medien, zwei Zugänge zu der Jamarat-Brücke seien wegen eines VIP-Konvois gesperrt gewesen. Das habe den Rückstau und damit die Katastrophe ausgelöst. Laut der libanesischen Zeitung "Al-Diyar" saß in dem Autokorso Vizekronprinz Mohammed bin Salman, eskortiert von 150 Polizisten und 200 Soldaten. Nach dem Unglück sei die Wagenkolonne des jungen Verteidigungsministers sofort davongerast und das ganze Areal für Medien gesperrt worden, um die Rolle des Thronfolgers zu verschleiern.

Das saudische Innenministerium räumte später ein, dass ein VIP-Konvoi zur Unglückszeit in Mina war, wies jedoch den heiklen Zeitungsbericht als "inkorrekt" zurück. Stattdessen machte Gesundheitsminister Khaled al-Falih die Pilger selbst für die Tragödie verantwortlich. "Wären die Pilger den Anweisungen gefolgt, hätte dieser Unfall vermieden werden können", erklärte er.

Falls jedoch dieses VIP-Gebaren die Ursache der Katastrophe ist, stünde mit einem Schlag die gesamte Führungsspitze Saudi-Arabiens am Pranger: König Salman, der sich mit dem Titel "Hüter der beiden heiligen Moscheen" schmückt und nicht mehr im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sein soll, Kronprinz Mohammed bin Nayef als Innenminister und Hauptverantwortlicher für die Hadsch-Sicherheit sowie Vizekronprinz Mohammed bin Salman als möglicher Verursacher.

Kein Wunder, dass mittlerweile Unruhe und Nervosität im Königshaus Al-Saud so hochkochen, dass sie erstmals seit den schweren Machtkämpfen in den 1960er Jahren wieder nach außen dringen. Vier Briefe kursieren in den Reihen der Öl-Prinzen, die eine Abdankung der gesamten Staatsspitze fordern. "Wir geraten immer näher an einen Zusammenbruch des Staates und einen Verlust unserer Macht", deklamiert einer der Rebellentexte.

VIP-Konvoi soll Rückstau verursacht haben - Mehr als 2177 Menschen starben
24. September: Retter stützen einen Mekka-Pilger. Die Massenpanik hat nach Schätzungen weit mehr Opfer gefordert, als die Saudis zugeben. Foto: actionpress

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21.10.2015, 12:00 Uhr
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