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Widerstand auf die sanfte (Tor-)Tour

Uraufführung von „Bartleby“ nach Melville am Zimmertheater

Tübingen In Europa und anderswo geht schon wieder ein Gespenst um, es heißt Widerspenstigkeit. Nicht nur reifere Wutbürger lernen das Rebellieren gegen Regierende oder gegen Renditepläne, auch jüngere Zeitgenossen verweigern und widersetzen sich.

23.01.2012

Lassen sich zu Sitzblockaden nieder und auf Händen tragen von uniformierten Staatsdienern, als seien sie die wahren Herren der neuen Zeit. Statt Schlachten um die gerechte Sache: Nun lieber die sanfte Tour.

Das bleibt dann auch der Schlüsselsatz im Zimmertheater: „Nichts kann einen ernsthaften Menschen so aufbringen wie passiver Widerstand.“ Gleich zu Beginn sagt das der Schauspieler Endre Holéczy als der „Boss“. Und nach dem ersten Wort macht er eine kleine bedeutungsvolle Kunstpause. Denn schließlich hat die Hauptperson, der Schreiber Bartleby, ihre Sache auf dieses Nichts gestellt.

Bartlebys sanftwütiger Nihilismus erscheint wie ein früher Wink oder Link auf den weltumspannenden Post-Anarchismus der Occupy-Bewegten, die in Berlin, Madrid und anderswo gegen entfesselte Märkte und Mächte protestieren. Ganz besonders tun sie das vor der New Yorker Wallstreet, Mr. Bartlebys einstigem Arbeits(vermeidungs)platz. Dort sind sie richtig und nichtig, als tatenlose Störenfriede. Sie möchten dabei keine Scheiben zerdeppern, sondern lieber aus Herman Melvilles Erzählung vorlesen, in der ihr Seelenverwandter Bartleby den Slogan für die Transparente und T-Shirts der Occupanten liefert: „I prefer not to do“ („Ich möchte lieber nicht“).

Mit „Rede-Ball“ und Sensibilisierungs-Workout

Inzwischen haben sich nicht nur viele kluge Köpfe wie Deleuze, Ricoeur oder Agamben der Sprengkraft dieser ungeheuerlichen Formel gewidmet. Die Theater, von Saarbrücken bis Salzburg, bleiben ihr ebenfalls auf der Spur. Vor einigen Jahren ließ zum Beispiel eine Bartleby-Belagerungs-Installation das Publikum für 100 Stunden das Hebbeltheater am Ufer besetzen, gegebenenfalls mit Schlafsäcken.

Das Tübinger Zimmertheater hat seinen „Bartleby“ nun mit dem Berliner Off-„Theater unterm Dach“ koproduziert. Dorthin an den Prenzlauer Berg wird die Inszenierung von Luzius Heydrich im Februar auch wandern. Und wie Gastregisseur Heydrich dem frei nach Melville entstandenen Stück des Autors Kai Gero Lenke eine gewisse komödiantische Lässigkeit verordnet, ist bemerkenswert.

Das liegt aber auch an zwei glänzend aufgelegten Darstellern. Johannes Karl gibt einen fast schon federleicht entrückt einher schwebenden Bartleby, etwas auch eine starr-stenzige Broker-Erscheinung vom Typ Rösler, die umso prinzipientreuer an ihrer Arbeitsverweigerung festhält. Dafür schuftet Endre Holéczy, der Arbeitgeber, für drei – ganz nach dem Motto: Lass mich den Truthahn auch noch spielen, und all die anderen schrägen subalternen Angestellten dieser Wallstreet-Kanzlei gleich dazu!

Holéczy erweist sich dabei als ein recht begabter und beweglicher Komiker, irgendwo zuhause oder unterwegs zwischen Slapstick, Standup-Comedian sowie einer Prise Hallervorden. Und wenn‘s sein muss, extemporiert er sogar schwäbelnd: „Dr Mensch muas schaffe...!“

Wunderbar, wie sich Holéczy, in Moritz Jüdes passend halbtransparentem Büroraum, als verständnisvoller Kanzleipatron am sperrigen Dauerstreiker abarbeitet. Wie er abwechselnd mit sich und der Fassung ringt, notfalls aber auch mit dem standhaften Quälgeist, der stets verneint, jenseits von Gut und Böse. Wie er sich von ihm sackmäßig huckepack schultern lässt (da schafft der ja doch mal was, der Totalverweigerer!). Ihn mit Ingwerplätzchen ködert (also doch kein Vollzeit-Nihilist), und wie er ihn zur neckischen Nussknacker-Tanzeinlage samt Schreibmaschinen-Pantomime verleitet. Wie er ihm schließlich zeitgemäß mit „Rede-Ball“ und Sensibilisierungs-Workout beizukommen versucht.

Doch je mehr sich Bartlebys Boss abrackert und ins Zeug legt, desto sichtlicher erstarrt sein Gegenüber. Widerstand gerinnt zu Stillstand, stoisch, statuarisch. Die „Bartleby„-Version von Kai Gero Lenke zitiert nicht nur Occupy-Ikonen wie Naomi Klein herbei, sondern sie macht den Eigenbrötler und Einzelgänger zumindest in dieser Inszenierung auch zu einem der ihren, schließlich vom Boss („I care about you“) mit der kleidsamen Guy-Fawkes-Maske versehen. Sie ist schon immer das „Gesicht“ der weitgehend anonym bleibenden Occupy-Bewegung gewesen. Nur lässt sich jetzt hinter ihr nicht der (atten)tatendurstige englische Offizier blicken, sondern einer, der ruhig und bestimmt darauf beharrt: „Ich möchte lieber nicht...“

In Kafkas Mini-Erzählung „Entschlüsse“ lässt sich nachschlagen, wie aus „einem elenden Zustand sich zu erheben“ möglich sei. Demnach „bleibt doch der beste Rat, alles hinzunehmen, als schwere Masse sich verhalten und fühle man sich selbst fortgeblasen, keinen unnötigen Schritt sich ablocken lassen, den anderen mit Tierblick anschaun, keine Reue fühlen, kurz, das, was vom Leben als Gespenst noch übrig ist, mit eigener Hand niederzudrücken, d. h., die letzte grabmäßige Ruhe noch vermehren und nichts außer ihr mehr bestehen zu lassen.“ Da ist er beschrieben, der ganze Bartleby.Wilhelm Triebold

Info: Weitere Vorstellungen im Tübinger Zimmertheater am 25. und 28. Januar, danach 1., 17. und 18. Februar.

Uraufführung von „Bartleby“ nach Melville am Zimmertheater
Früher nannte man das Streik, für den es meistens einen triftigen Grund gab. Heute möchte Bartleby (Johannes Karl) einfach „lieber nicht“, was sein Boss (Endre Holéczy, links) von ihm erwartet – nämlich arbeiten.Bild: Zimmertheater

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23.01.2012, 12:00 Uhr
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