Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Unwirtschaftliches Pflegeheim wird als Massenunterkunft genutzt
In Murrhardt-Oberneustetten wird das Pflegeheim „Die Brücke“ zur Asylunterkunft: „Das gibt eine Katastrophe.“ Foto: Karl-Heinz Rückert
200 Flüchtlinge, 8 Nachbarn

Unwirtschaftliches Pflegeheim wird als Massenunterkunft genutzt

Acht Einwohner eines winzigen Weilers werden demnächst viele Nachbarn bekommen. Das Landratsamt quartiert 200 Flüchtlinge in einem Pflegeheim ein. Noch bevor die Fremden da sind, geht die Angst um.

03.12.2015
  • HANS GEORG FRANK

Murrhardt. „Das gibt eine Katastrophe“, fürchtet Björn Kirsten (33). Wenn Anfang nächsten Jahres 200 Flüchtlinge in das psychiatrische Pflegeheim „Die Brücke“ einziehen, rechnet er mit dem Schlimmsten. Deshalb hat der Vermögensberater mit Nachbarn ein „Bürgerkomitee“ gegründet. Allerdings - viele Nachbarn gibt es gar nicht. Das Pflegeheim befindet sich in Oberneustetten, einem Ortsteil der Stadt Murrhardt (Rems-Murr-Kreis) mit acht Einwohnern. Einen Steinwurf weiter liegt Unterneustetten, wo Kirsten und etwa 40 Menschen wohnen. Ein paar abgelegene Höfe können gleichfalls nicht zu höherer Bevölkerungsdichte beitragen. Von insgesamt etwa 80 Bewohnern hat Kirsten 57 Unterschriften für einen Protestbrief mit 66 Fragen und Forderungen an Bürgermeister und Landrat gesammelt.

Bis vor kurzem seien 70 Kranke in dem Heim betreut worden, sagt Betreiber Andreas Osbelt, „jetzt sind etwa noch zehn dort, das Haus ist fast leer“. Mit Blick auf die Herbergsnot des Landkreises und seine wirtschaftliche Situation spricht er offen von einer „Win-win-Situation“. Zwar habe er erst vor wenigen Jahren drei Millionen Euro in eine Modernisierung gesteckt, doch spätestens 2019 hätte er schließen müssen, weil dann Einzelzimmer vorgeschrieben seien. Ein Umbau hätte sich nicht mehr rentiert: „Ich hätte 1,5 Millionen Euro ausgeben müssen, um 25 Betten abzubauen.“ Mit der Miete - der Vertrag läuft über mehr als fünf Jahre - könne er seine Schulden bezahlen.

Oberneustetten ist ein Nest, wie es in Wanderprospekten für Naturliebhaber empfohlen wird. Das Pflegeheim sei „umgeben von einer reizvollen Landschaft mitten im Erholungsgebiet des Schwäbischen Waldes“, warb auch Osbelt. Vor seinem Gebäude plätschert das Mordklingenbächle. Wiese und Wald, aber kein Spielplatz, keine Begegnungsstätte, kein Kindergarten. In Ober- und Unterneustetten gibt es nichts, was im Alltag gebraucht wird. Kein Laden, nicht einmal einen Zigarettenautomaten, keinen Briefkasten, nur Schnäpse und Liköre kann man bei einem Brenner kaufen. Auf den Gehweg für einen gefahrlosen Fußmarsch muss verzichtet werden. Busse fahren selten, sonntags gar nicht. Immerhin sorgen drei Straßenlampen für etwas Licht.

Bis Murrhardt sind es gut sechs Kilometer, der dortige Polizeiposten ist nur werktags bis 16.30 Uhr besetzt. Danach müssen die Streifenwagen aus dem 24 Kilometer entfernten Backnang herbeieilen. Dass es für die Polizei viel zu tun geben wird, steht für Björn Kirsten außer Frage. Er und seine Mitstreiter rechnen mit Aktionen, wenigstens mit Aufmärschen von Rechtsradikalen, aber auch mit Störungen durch die neuen Nachbarn. „Das Ausmaß greift massiv in unsere Lebensqualität ein“, glaubt der Vermögensberater, der erst 2012 ein neues Haus in Sicht- und Hörweite gebaut hat.

Kirstens „Komitee“ lehnt Flüchtlinge nicht generell ab, pocht aber darauf, dass nicht mehr Menschen untergebracht werden als zuvor im Pflegeheim: „Damit könnten wir leben.“ Das Landratsamt hält jedoch an einer „dichteren Belegung“ mit Stockbetten fest. Ob tatsächlich, wie angekündigt, Familien nach Oberneustetten gebracht werden, könne nicht garantiert werden, sagt Pressesprecherin Martina Nicklaus: „Wir erfahren auch erst wenige Tage vorher, wer zu uns kommt.“

Murrhardts Bürgermeister Armin Mößner (CDU) hält das Heim zwar für „wenig ideal“. Er hat gleichwohl einen Vorteil entdeckt, denn dank der Gemeinschaftsunterkunft in Oberneustetten könne wohl die drohende Zweckentfremdung von Hallen verhindert werden. Aber angesichts des Zustroms - nach Kreisangaben werden wöchentlich 214 Personen zugewiesen - könne nicht mehr ausgewählt werden. Denn: „Dem Kreis brennt der Kittel.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

03.12.2015, 08:30 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Sozialwohnungen Offensive mit einem Haken
Angelika Bachmann über eine Erkenntnis 30 Jahre nach dem Abitur Sechs Algorithmen in einem karierten Schulheft
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular