Beschuss aus der Superzelle

Unwetter hat Region Neckar-Alb geprägt - Abstimmung über Hagelflieger

Vor einem Jahr tobte in der Region Neckar-Alb ein beispielloser Hagelsturm. Das Unwetter mit Geschossen bis zu 14 Zentimetern Durchmesser hat Spuren hinterlassen - überall, auch in der Seele der Menschen.

28.07.2014

Von RAIMUND WEIBLE

Reutlingen Jedes Mal, wenn er eine Gewitterwolke sichtet, verspürt Peter Kurr ein unbehagliches Gefühl. Der Geschäftsführer des Autohauses Schänzlin in Pfullingen (Kreis Reutlingen), der sich nicht zu den Ängstlichen zählt, überlegt: Fällt bald schon Hagel? Soll er den Wagenpark vor seinem Geschäft in Sicherheit bringen?

Der Hagelsturm vor einem Jahr in der Region Neckar-Alb hatte solche Gewalt, dass er etwa Autoscheiben durchschlug und Bäume entlaubte. Nun entscheidet der Kreis Reutlingen, ob Hagelflieger engagiert werden sollen. Foto: Thomas Kiehl

So wie Kurr geht es vielen Menschen in der Region Neckar-Alb. Jede Gewitterwolke erinnert sie an den "schwarzen Sonntag" von 2013. Am 28. Juli, heute vor einem Jahr, zog vom Südschwarzwald her eine Superzelle in die Region zwischen Balingen und Göppingen. Das 40 Kilometer lange und 15 Kilometer breite Ungetüm ließ Hagelkörner von in diesen Breiten bisher unbekannten Ausmaßen auf die Erde prasseln: Geschosse mit bis zu 14 Zentimetern Durchmesser.

Sie durchschlugen Dächer, Fenster und Rolläden, zerstörten sogar Windschutzscheiben von Autos, entlaubten Bäume, machten Gemüsefelder, Gewächshäuser und Blumenbeete zunichte. Am 6. August das gleiche Bild etwas südlicher auf der Reutlinger Alb. Diese Hagelstürme stellen für die Versicherungswirtschaft "das teuerste Hagelereignis in der Geschichte von Deutschland" dar. Die Münchener Rück ermittelte einen Gesamtschaden von 3,6 Milliarden Euro.

Kurr denkt mit Schrecken daran zurück. "Es war Sonntag, keiner war im Betrieb, alle Autos standen draußen und wir konnten keine Vorkehrungen treffen." Allein in seinem Autohaus wurden 70 Fahrzeuge beschädigt. In der ganzen Region waren es Zehntausende. Am Tag danach herrschte Hektik. Kunden hingen am Telefon und verlangten sofortige Reparatur - sie wollten in den Urlaub fahren. Aber weder waren sofort Ersatzteile zu beschaffen noch war die Kapazität vorhanden, um alle Wünsche zu befriedigen.

Noch bis in den Mai hinein war Kurrs Werkstatt mit der Reparatur von Hagelschäden beschäftigt. Zeitweise beschäftigte er einen Russen, der im Auftrag eines Schweizer Spezialunternehmens ständig um den Globus jettet, um Blechschäden durch Hagelgeschosse zu reparieren. "Für viele Kollegen im Karosseriebau und im Lackierer-Segment bedeutete der Hagelschaden ein Konjunkturprogramm", sagt Kurr. Er fügt aber hinzu: "Keiner will das wieder mitmachen." Ohnehin: Manche Gebrauchtwagenhändler gerieten in die Existenzkrise, weil ihre Fahrzeuge nicht versichert waren.

Private Autoeigner mit Kaskoversicherung machten überwiegend gute Erfahrungen mit der Assekuranz. Viele berichten über eine zufriedenstellende Abwicklung. Die Reparaturkosten wurden nach vorheriger Begutachtung voll übernommen, Abfindungen gab es mit einem Abschlag.

Die Händler allerdings, so Kurr, wurden nicht so behandelt wie Privatkunden: "Mit uns ging man nicht spaßig um." Seiner Firma kündigte die Versicherung den Vertrag und bot einen neuen an: 7000 Euro teurer zu schlechteren Konditionen. Und der Ankündigung, dass bei einem weiteren Hagelschaden keine Leistungen mehr zu erwarten seien, es sei denn, man schaffe Unterstände für die Autos. Kurr: "Das ist sehr ärgerlich."

Die Kfz-Innung Reutlingen / Tübingen erwägt inzwischen, dem Verein zur Hagelabwehr im Landkreis Reutlingen beizutreten. Er wurde erst vor wenigen Wochen gegründet. Vorbild ist die Hagelabwehr im Rems-Murr-Kreis. Seit 33 Jahren bekämpfen dort Flieger Gewitterwolken mit Silberjodid. Die Technik, so ist Hagelflieger Rainer Schopf überzeugt, hilft, die Größe von Hagelkörnern um die Hälfte zu reduzieren. Seit vier Jahren gibt es auch in den Landkreisen Tuttlingen und Schwarzwald-Baar einen solchen Verein für Hagelabwehr.

Der Kreis Reutlingen wird wohl den Verein unterstützen. Die Verwaltung schlägt dem Kreistag vor, den Verein mit bis zu 50 000 Euro zu bezuschussen. Am heutigen Montag wird der Kreistag darüber entscheiden. Mit dem Geld und dem Mitgliedsbeitrag von Privatpersonen und Firmen will der Verein ein Hagelflugzeug aufsteigen lassen - möglichst noch im August, sollten gefährliche Gewitterwolken auftreten.

Die Technik ist zwar umstritten, doch könnte sie ängstliche Gemüter beruhigen. Peter Kurr ist nicht allein. "Wenn wieder ein Gewitter im Anzug ist, reagieren die Menschen fast panisch", hat Gabriele Gaiser beobachtet, die Vorsitzende des Vereins zur Hagelabwehr.

  • Hagelflieger Zwei der Hagelflieger im Land sind auf dem Stuttgarter Flughafen stationiert, einer auf dem Flugplatz Donaueschingen. Die Flugzeuge haben unter jeder Tragfläche eine Vorrichtung, die Silberjodid versprüht. Bekommen die Piloten einen Einsatzbefehl, fliegen sie unter die Gewitterwolke.
  • >Einsatz Das Silberjodid zünden sie, sobald sich ihr Flieger im Aufwind befindet. Das wird in die Wolke aufgesogen und sorgt dafür, dass sich Wassertropfen mit den Salzkristallen verbinden. So wird verhindert, dass die Tropfen in noch höhere Schichten gelangen, wo sie größere Hagelkörner bilden.
  • >Kritik Können Hagelflieger Superzellen stoppen? Der Karlsruher Meteorologe Klaus Dieter Beheng zweifelt: „Solche Monster können nicht verhindert werden.? Ihre Dimensionen seien zu riesig und die Flieger meist zu spät vor Ort. Statistisch sei die Wirkung nicht nachweisbar, erklären andere Kritiker. wal/eb
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Erstellt:
28. Juli 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
28. Juli 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. Juli 2014, 12:00 Uhr

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