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Tausendmal geführt

Unterwegs mit Reutlingens dienstältestem Stadtführer Werner Wunderlich

So viel wie er weiß sonst keiner über die Geschichte Reutlingens: Der Stadtführer Werner Wunderlich hat schon 1000 Führungen bestritten – fast alle bei schönem Wetter.

09.10.2015

Von Miri Watson

Reutlingen. „Die Geschichten, die ich Ihnen erzähle, sind wahre Geschichten“, betont Werner Wunderlich, Reutlingens dienstältester Stadtführer. Und dass er das erwähnt ist gut, so merkwürdig wie manche seiner Geschichten anmuten. Klar, wer wie er schon 1000 Stadtführungen unternommen hat, sieht und erlebt einiges, mitunter auch Skurriles und Bemerkenswertes.

So weiß Wunderlich beispielsweise von einer Begegnung zu berichten, die vor gut 15 Jahren stattfand: Eine Dame, die er durch die Stadt führte, sprach ihn an und behauptete: „Sie kennen mich!“. Wunderlich verneinte, aber die Dame bestand darauf: „Doch, meine Stimme kennen Sie, von den Omnibussen“. Tatsächlich stellte sich heraus, dass die Teilnehmerin seiner Stadtführung die Namen der Haltestellen für die Busansage eingesprochen. Kurz darauf begann sie dann damit, die Tagesschau zu moderieren: Es war Judith Rakers.

Das Wissen des ehemaligen Realschuloberlehrers ist jedoch nicht auf Anekdoten begrenzt: Seit er bei der Landesgartenschau 1984 mit seinen Stadtführungen begann, durften schon annähernd 26 000 Menschen von seinem breiten Allgemeinwissen und natürlich auch von seinem Fachwissen profitieren. 1933 geboren (in Tübingen! Der einzige „Makel“ in seiner Biografie, wie Wunderlich zu sagen pflegt), war der sympathische 82-jährige bei vielen wichtigen Ereignissen der jüngeren Reutlinger Geschichte selbst mit dabei.

Natürlich war da der Krieg, den Wunderlich als Junge miterleben musste. Heute wendet er sich bei seinen Stadtführungen an die jüngeren Teilnehmer/innen und betont, wie wichtig und besonders es sei, dass sie im Frieden aufwachsen können. „Menschen sind Menschen; überall gibt es gute und schlechte, das möchte ich Ihnen mitgeben, als mein Vermächtnis“, so Wunderlich. Doch natürlich gab es in den vergangenen 82 Jahren auch viele schöne Ereignisse in Reutlingen – an manchen war Wunderlich selbst beteiligt. So hat der Pate der „engsten Straße der Welt“ seinerzeit dazu angeregt, den Antrag für das Guinness Buch der Rekorde zu stellen.

Heimatgeschichtlich gibt es bei den beliebten Stadtführungen Wunderlichs, die vom Marktplatz durch die ganze Altstadt vorbei am Zunftbrunnen und der Marienkirche führen, um schließlich in der Engste Gasse der Welt zu münden, mehr zu lernen als in so manchem Heimatmuseum: Hätten Sie beispielsweise gewusst, was „Vöchetzle“ sind und dass diese guten Gewissens in einem Atemzug mit den bekannten Mutscheln genannt werden können?

Unlängst – bei seiner 1000. Stadtführung – erinnerte sich der ehemalige Mathematiklehrer, wie er als Bube bei den Einkäufen mit der Mutter ein kleines Brötchen von der Bäckerin geschenkt bekommen hatte: Das so genannte „Vöchetzle“ oder „Dreinbrötle“; ein Geschenk der Bäckerei an die Kinder der Kunden. Nach diesem Vortrag geleitete Stadtführer seine Gäste zur Konditorei Sommer, wo der Konditormeister zu Ehren Wunderlichs ein ganzes Blech voller solcher „Dreinbrötle“ gebacken hatte. Und alle durften die „Vöchetzle“ probieren. Überraschungen und kleine Nettigkeiten gibt es bei Wunderlichs Stadtführungen immer wieder: So ist der Reutlinger mit Leib und Seele beispielsweise auch dafür bekannt, am Ende seiner Führungen bisweilen ein Lied zu singen – und das gar nicht mal so schlecht: Ein Verwandter des Stadtführers war der bekannte Tenor Fritz Wunderlich; das Talent liegt offenbar in der Familie. Und Werner Wunderlich selbst hat viele Jahre als Solist in Reutlinger Chören gesungen.

Ein Mann mit vielen Begabungen also, dieser Wunderlich. Und von wem, wenn nicht von ihm, könnte man besser lernen, was einen guten Stadtführer ausmacht? Wichtig sei es zu informieren, doch genauso wichtig sei es, dass die Geführten in seiner Person einen „echten Reutlinger“ erkennen könnten, sagt er. Bei anderen seiner Zunft erkennt er sofort, ob sie ihren Beruf richtig machen: „Ein Stadtführer versteht etwas von seinem Handwerk, wenn er seine Leute nicht in die Sonne blicken lässt“, so Wunderlich. Sonne hatte er oft; bei seinen tausend Führungen hat es nach seinen Angaben höchstens 40 Mal geregnet.

Werner Wunderlich – seines Zeichens Reutlinger Stadtführer mit Leib und Seele – bei seiner 1000. Führung durch die Altstadt.Bild: Haas

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Erstellt:
9. Oktober 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Oktober 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Oktober 2015, 12:00 Uhr

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