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Tübingen

Unruhe war seine Bürgerpflicht: Helmut Palmer ist tot

Er hat das Land durcheinander gewirbelt wie kein anderer: Helmut Palmer, Remstalrebell, Bürgerrechtler und Obsthändler. Auf Wochenmärkten ebenso wie bei Wahlen. Protestwähler hat er angezogen wie das Licht die Motten. An Heiligabend ist er, 74-jährig, in Tübingen an Krebs gestorben.

27.12.2004

Von Jörg Bischoff & Renate Angstmann-Koch

2003: Palmer erklärt in Wurmlingen den richtigen Baumschnitt

Die Szene war gespenstisch: 1974 stieg der Mann im schwarzen Anzug und mit rotem Schal auf den Pranger von Schwäbisch Hall und wandte sich an sein Volk. Zwar hatte der „FilderkrautSchultes“ Karl Friedrich Binder die Oberbürgermeisterwahl gewonnen, aber die 10.000 auf dem Marktplatz wollten im Licht der Fernsehscheinwerfer nur den anderen hören: Helmut Palmer, der mit 41,4 Prozent eigentlich der Sieger war.

Nur weil die Kandidaten von SPD (Palmer: „Dem verschimmelt s Brot in der Gosch“) und der Amtsrichter von der CDU, der „scho halb Hall ins Gefängnis gschickt hot“, im zweiten Wahlgang verzichtet hatten, war es gelungen, Palmer vom Rokoko-Rathaus fern zu halten. Dennoch war dies sein größter Erfolg bei Bürgermeisterwahlen, die ihn schon mit einstelligen Prozentergebnissen nach Ulm, Reutlingen, Schorndorf, Mannheim, Freiburg oder Esslingen, sogar in Landtags- und Bundestagswahlkämpfe geführt hatten. Und dies immer mit einer Bauernschläue, die ihn die miefigen Schwächen der jeweiligen Politik ruckzuck hatten erkennen und im Wahlkampf ausschlachten lassen.

Am Heiligen Abend ist Helmut Palmer, 74-jährig, im Universitätsklinikum Tübingen gestorben. Baden-Württemberg hat einen seiner prominentesten Querköpfe verloren, der die Behörden immer wieder mit geistreichen bis obszönen Einfällen wie ein Wirbelsturm in Atem gehalten hatte. Er kämpfte gegen alles, nur nicht gegen sich selbst. Mal deponierte er schaufelweise Rossbollen vor Gericht, mal lud er vatertagsgeschädigte Ehefrauen zur Kegelpartie ein oder knallte einem Regierungspräsidenten Import-Erdbeeren auf den Amtstisch.

Da klaute er schon mal ein Polizeiauto, lieferte den Schlüssel aber gleich ab. Er stritt auf Wochenmärkten, wo er „Rebellenwurst“ verkaufte, gegen „Klassenjustiz“ und „Faulenzer in der Verwaltung“, gegen die „Duckmäuser der Pfaffen“, „Planungsverbrecher“, EG-Lebensmittelvernichtung, Tiefkühlkost und hochgezüchtete Bühler Zwetschgen. Monatelang lebte er im Untergrund, als ihn ein Amtsgericht wegen Verleumdung ins Gefängnis schicken wollte.

Dieses Ungestüm, diese anhaltende „Unruhe als erste Bürgerpflicht“ hat Palmer auch auf seine Herkunft als lediges Kind eines jüdischen Vaters zurückgeführt. Wer an diesem Motiv zweifelte, den ereilte, wie viele andere auch, sofort das Schimpfwort „Obernazi“. Tatsächlich begann sein Kampf gegen die Obrigkeit mit seinem „Öschbergschnitt“ für Obstbäume, den er auch den „Oberen“ vom Obstbauverband aufdrängen wollte. Er nannte ihn „demokratisch“, während die Schwaben seiner Meinung nach ihre Bäume eher nach dem „Führerprinzip“ schnitten. Jedenfalls hat Palmer Wunden davongetragen, die er „zum guten Teil selbst offen gehalten hat“, wie sein Biograph Michael Ohnewald meint.

Viele Freunde hat der Obsthändler aus Geradstetten (Gemeinde Remshalden, Rems-Murr-Kreis) nicht gewonnen. Der Stuttgarter Alt-OB Manfred Rommel und der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer gehörten dazu. Und nicht zuletzt die 41 Prozent der Schwäbisch Haller Wähler, die ihn vor 30 Jahren auf den Höhepunkt seiner Karriere geführt hatten.

Jörg Bischoff


Nachruf aus der Redaktion des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTS:


Helmut Palmer: Doch anpassen wollte er sich nie

Er war Obstbauspezialist, Marktbeschicker, Bürgerrechtler: Helmut Palmer ist mit 74 Jahren gestorben

Zahlen und Daten haben für Helmut Palmer immer eine besondere Rolle gespielt. Es bedeutete ihm viel, an einem 8. Mai geboren zu sein. Das war 1930, 15 Jahre vor dem Einmarsch der Alliierten ? für manche der Tag der Kapitulation, für andere der Tag der Befreiung vom Nazi-Terror. Die 15 Jahre und ihre Nachwirkung in der Nachkriegszeit haben genügt, um den Buben aus dem Remstal nachhaltig zu traumatisieren.

Als unehelicher Sohn eines jüdischen Vaters war er den Hänseleien seiner Mitschüler ausgesetzt. Die Demütigungen, die eine seiner Lehrerinnnen in einem Gerichtsverfahren bestätigte, blieben ihm unauslöschlich im Gedächtnis. Die seelischen Wunden heilten nie. Auch später sah er sich immer wieder angefeindet und diskriminiert. Das Gefühl, ausgegrenzt zu sein und nicht dazuzugehören, war prägend für Helmut Palmer. Er blieb Einzelkämpfer, schaffte es nie, sich auf Dauer einer Partei anzuschließen oder über längere Zeit mit politischen Verbündeten zusammenzuarbeiten ? ganz anders als sein Sohn Boris, der Grünen-Landtagsabgeordnete, auf den Helmut Palmer außerordentlich stolz war.

Sein Verlangen nach Anerkennung war unstillbar. Bis zuletzt sah sich Palmer um den gerechten Lohn für seine Lebensleistung betrogen. Er tat viel dafür, sich für die Gesellschaft nützlich zu machen ? indem er den Blick auf Widersinn und Unrecht lenkte, Verbesserungen forderte, Obstbäume richtete und durchs Land zog, um in Kursen den Öschbergschnitt unter die Leute zu bringen, dessen Vorzüge er bei seiner Obstbau-Ausbildung in der Schweiz kennen gelernt hatte. Nur anpassen ? das wollte und konnte Helmut Palmer sich nie.

Petersilie und Idiotenknick

Jetzt ist er im Alter von 74 Jahren gestorben, wieder an so einem Tag. Er erlag an Heiligabend in der Tübinger Uniklinik seinem Krebsleiden. Acht Jahre lang hatte der Remstäler der Krankheit auf ähnliche Weise getrotzt, wie er sein öffentliches Leben bestritt: stets im Kampf, stets auf der Hut, stets gegenwärtig, sich zu verteidigen, Gerechtigkeit zu verlangen ? meist im Recht, manchmal im Unrecht, oft maßlos. Er engagierte sich leidenschaftlich für Umweltschutz und Bürgerrechte und bekämpfte die Auswüchse der Bürokratie. Er bespöttelte Straßenbäume als „Architektenpetersilie“, kämpfte gegen starre Leitplanken und beklagte beim Baumschnitt den allseits gebräuchlichen „Idiotenknick“.

Manchmal beschimpfte er an seinem Stand auf dem Tübinger Wochenmarkt verdatterte Hausfrauen, weil sie zur falschen Uhrzeit einkaufen gingen, keine Saisonware wollten oder keinen Einkaufskorb dabei hatten. Trotzdem kamen die meisten in der nächsten Woche wieder ? weil der Obsthändler hohe Qualität lieferte und bei aller Ruppigkeit auch gutmütig war.

Ebenfalls an Heiligabend ? genau vor dreißig Jahren ? wollte Helmut Palmer mit einem Sitzstreik vor dem Haus des Tübinger Politologen Theodor Eschenburg protestieren, mit dem er eine Art Privatfehde hatte. Tief enttäuscht erklärte der Remstäler damals seinen Rückzug von der Politik. Nur wenige Monate zuvor hätte das Leben des Geradstetteners beinahe eine entscheidende Wende genommen, als er mit 41 Prozent im ersten Wahlgang unmittelbar vor dem Einzug ins Rathaus von Schwäbisch Hall zu stehen schien, seinen Stimmenanteil aber nicht mehr ausbauen konnte.

Damals hatte der Professor im Fernsehen erklärt, er nehme es den Schwäbisch Hallern übel, bei der OB-Wahl auf Helmut Palmer hereingefallen zu sein. Den Sitzstreik blies Palmer ab, als er erfuhr, dass Eschenburgs Frau krank sei. Stattdessen schickte er ihr Blumen. Auch das ist typisch für ihn: dass das Menschliche bei ihm Vorrang hatte vor aller Politik. Der frühere Stuttgarter OB Manfred Rommel hat diesen Charakterzug Palmers wohl am besten auf den Punkt gebracht. Er sei ein begabter und „im Prinzip ehrenwerter Mann“, dem „das Verbissene“ fehle.

Allerdings, auch das erkannte Rommel: „Wenn man ihn beleidigt oder kränkt oder er glaubt, dass er bedroht wird, kann er außerordentlich ausfallend werden.“ Nicht selten richtete sich Palmers Zorn gegen Staatsdiener ? gegen „Großkopfete“, aber auch gegen Justizwachtmeister oder Streifenbeamten. Staatsanwälte und Richter reagierten unnachgiebig. Sei es wegen Beleidigung, sei es wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt: Immer wieder stand Palmer vor Gericht und musste ins Gefängnis, sah sich neuen Misshandlungen und neuen Demütigungen ausgesetzt.

Auf dem Hohenasperg

Vergeblich wünschte ihm Manfred Rommel nicht nur rechtskundige, sondern auch weise Richter, die in der Lage wären, mit einer „Persönlichkeit eigener Art und besonderer Prägung“ wie ihm gelassen umzugehen. Selbst als Siebzigjähriger und bereits schwer krank wurde er auf dem Hohenasperg inhaftiert, weil er eine Geldstrafe wegen Beleidigung aus Prinzip nicht bezahlen wollte. Er sei, sagte er mehr als einmal, der meist bestrafte Bürger in Deutschland.

Bis in die vergangenen Monate hinein fieberte Helmut Palmer immer wieder auf Termine hin, an denen ihm eine Lesung, der Auftritt in einer Talkshow, das Interview mit einer großen Zeitung zum Durchbruch verhelfen würde - dazu, nicht länger verkannt zu werden. Doch dem Bürgerrechtler, Ökologen und Rebell gegen den Beamtenstaat gelang es nur selten, deutlich.

Renate Angstmann-Koch

1998: Palmer protestiert vor dem Reutlinger Amtsgericht gegen der „Verbrecherstaat“.

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Erstellt:
27. Dezember 2004, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Dezember 2004, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Dezember 2004, 12:00 Uhr

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