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Forscherteam darf über eine eigene Dopingstudie weder reden noch schreiben

Uni wehrt sich gegen Blockade

Das weltweite Echo belegt die Brisanz einer Studie über die Doping-Praxis von Leichtathleten. Die Leitung der internationalen Forschergruppe hat der Tübinger Psychologe Prof. Rolf Ulrich. Brisant ist aber auch die Blockade des Leichtathletik-Weltverbands, die eine Publikation der Studie verhindert. Die Universität Tübingen wehrt sich.

18.08.2015
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen.Der Leichtathletik-Weltverband IAAF blockiert die Veröffentlichung der Studie, für die vor der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2011 im südkoreanischen Daegu laut einem schon etwas älteren Artikel in der „New York Times“ rund 2000 Spitzensportler anonym befragt wurden. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), die diese repräsentative Erhebung in Auftrag gegeben und finanziert hat, wollte auch auf diese Weise Aufschlüsse über die Dopingpraxis erhalten.

Die Wada geht weltweit gegen Doping im Leistungssport vor. Üblicherweise bestehen ihre Untersuchungen in medizinischen Methoden wie Urin- oder Bluttests. Diese Methoden haben ihre Berechtigung, sind aber nicht gegen die Vielfalt von neuen Mitteln und Techniken gewappnet. Vor fünf Jahren rief nun die Wada acht Forscher an ihren Sitz in der kanadischen Hauptstadt Montreal, um noch andere Strategien im Kampf gegen Doping zu diskutieren. Beteiligt waren Statistiker, Psychologen, Sozialwissenschaftler und Sportmediziner aus Deutschland, USA und Großbritannien.

In den Focus rückte eine „bewährte sozialwissenschaftliche, mathematisch-statistische Methode“, wie der Tübinger Psychologe Rolf Ulrich verallgemeinernd die in den Zusammenkünften verabredete Vorgehensweise umschreibt. Konkreter darf er über seine Arbeit nicht reden. Nach mehreren Treffen der Arbeitsgruppe in Montreal, an denen immer auch Mitarbeiter der Wada beteiligt waren, wurde in Daegu die Befragungen streng anonym durchgeführt.

Wie schon zu den Inhalten darf Ulrich auch zur Methode keine Angaben machen. „Mir kam das selber blöd vor, mich darauf einlassen zu sollen“, sagt er rückblickend, aber nach eintägigem Zögern habe er sich im Interesse der Forschungen gefügt. Folgen wie ein Publikationsverbot habe er sich nicht vorstellen können. Zumal die Zusammenarbeit mit den Wada-Mitarbeitern immer ausgezeichnet gewesen sei.

Beunruhigende Quintessenz

Trotz dieses Verbots veröffentlichte schon vor zwei Jahren nach einer ungeklärten Indiskretion die „New York Times“ die beunruhigende Quintessenz der Studie. Demnach sollen die Forscher 2011 mit ihrer sozialwissenschaftlichen Methode herausgefunden haben, dass von den befragten Sportlern ungefähr ein Drittel in den zwölf Monaten vor den Wettkämpfen gegen Anti-Doping-Regeln verstoßen hatten. Mithin ein enormer Unterschied gegenüber Dopingtests in Labors der Wada im Jahr davor, die in weniger als zwei Prozent der Fälle positiv ausfielen.

Rolf Ulrich widerspricht dieser Darstellung nicht, aber er bestätigt sie auch nicht. Obwohl die grundlegenden Informationen unter anderem auch nach seinen Vorgaben gewonnen wurden und er grob geschätzt 400 bis 500 Stunden unentgeltlich mit deren Auswertung verbracht hat, schweigt er eisern. Wie seine Kollegen hat er sich schriftlich verpflichtet, die Ergebnisse seiner Forschungen nicht vor der Freigabe durch die Wada zu veröffentlichen. „Es war vielleicht naiv, so etwas zu unterschreiben“, sagt Ulrich im Nachhinein. Als Grundlagenforscher habe er bis dahin noch keine Erfahrung mit solchen Gepflogenheiten gehabt.

Der Wissenschaftler hat in Tübingen seit 1999 einen Lehrstuhl Allgemeine Psychologie und Methodenlehre. Zu seinen Schwerpunkten gehören grundlegende kognitive Mechanismen, insbesondere solche der Zeitwahrnehmung und für die Beziehung von Zeit- und Sprachverarbeitung. Zudem entwickelt sein Team mathematische Modelle und statistische Analyseverfahren, um die Eigenschaften der untersuchten kognitiven Mechanismen besser zu verstehen.

Auch der Mainzer Sportmediziner Prof. Perikles Simon, ein früherer Tübinger Kollege von Ulrich, ist an der Studie beteiligt. Man sei aufgrund der bisherigen Zusammenarbeit überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass die Unterschrift unter eine Vertrauenserklärung zu Problemen für die Veröffentlichung der Studie führen könnte, sagt er auf Nachfrage unserer Zeitung. Ihn alarmiert, dass unerwarteterweise nun auch die Sozialwissenschaften eine Praxis trifft, die auf anderen Feldern wie beispielsweise der Biomedizin bereits große Sorgen bereite. „Wir können nur valide forschen, wenn wir unsere Methoden und Ergebnisse der kritischen Fachöffentlichkeit ausbreiten“, betont Simon. Von der grundgesetzlich garantierten Wissenschaftsfreiheit gar nicht erst zu reden.

Die Tübinger Universität versucht seit zwei Jahren zu erreichen, dass die Studie in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht werden darf. Federführend dabei ist der im Urheberrecht ausgewiesene pensionierte Rechtswissenschaftler Georg Sandberger. Aus seiner Zeit als Kanzler hat er große Erfahrung mit Groß- und Kleingedrucktem in Forschungsverträgen, zudem ist er fachlich im Urheberrecht ausgewiesen. Mit dieser Expertise verhandelt Sandberger im Auftrag der Universitätsleitung seit zwei Jahren mit einem Anwalt der Wada.

Logistische Unterstützung

„Es geht um eine kooperative Studie von Forschern mit der Wada“, sagt Sandberger. Ohne die logistische Unterstützung der Welt-Anti-Doping-Agentur hätten die Wissenschaftler keinen Zugang zu den Sportlern gehabt. Mit anderen Worten: Daraus entstehen Mitspracherechte. Prinzipiell sei ein vereinbarter Publikationsaufschub auch nichts Ungewöhnliches. „Problematisch ist jedoch, dass sich das so lange hinzieht.“

Die Gespräche seien konstruktiv, aber wegen der bisherigen Blockade durch die IAAF noch nicht vor dem Durchbruch. Umso überraschter war Sandberger, dass der Weltsportverband nun behauptet, es hätte nie ein Veto gegeben. „Das passt mit dessen bisherigem Verhalten überhaupt nicht zusammen“, sagt er und hofft, „dass nun die Einsicht obsiegt, dass solche Ergebnisse publiziert werden müssen“.

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18.08.2015, 12:00 Uhr
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