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Uni arbeitet NS-Vergangenheit auf
Historikerin Anja Waller und Universitätsarchivar Ulrich Fellmeth durchforsten Akten. Foto: Ferdinando Iannone
Wissenschaft

Uni arbeitet NS-Vergangenheit auf

Erstmals erforscht eine Historikerin die Geschichte der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim im Nationalsozialismus und den Jahren danach.

27.11.2017
  • BARBARA WOLLNY

Stuttgart. Stephan Dabbert, Rektor der Uni Hohenheim macht keinen Hehl daraus: „Bislang gab es bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Universität Hohenheim noch beträchtliche Lücken.“ Klar sei aber, dass auch die Landwirtschaftliche Hochschule Hohenheim an den Gräueln des Nationalsozialismus nicht unbeteiligt gewesen sei. „Und ebenso deutlich ist, dass es auch in Hohenheim nach Kriegsende keinen sauberen Schnitt und Neuanfang gab“, stellt Dabbert fest. Für die Universitätsangehörigen sei es wichtig, die Vergangenheit zu klären. „Nur wenn wir wissen, was in Hohenheim passiert ist, können wir verantwortungsbewusst mit diesem Teil unserer Geschichte und seinen Folgen umgehen – und Verantwortung übernehmen“, so Dabbert.

Seit Anfang 2016 erforscht daher die Historikerin Anja Waller die Geschichte Hohenheims im Nationalsozialismus. Anfangs wurde ihr gesagt, dass es dazu kaum noch Material gäbe, doch in Uni-, Stadt- und Kirchenarchiven hat sie extrem viele schriftliche Quellen gefunden, aber auch größere Lücken. „Bei denen drängt sich der Gedanke auf, dass jemand Hand angelegt hat, um Fakten verschwinden zu lassen“, sagt Waller und bedauert: „Es ist schade, dass wir nicht schon früher mit den Arbeiten anfangen konnten. Denn Zeitzeugen gibt es so gut wie keine mehr, mit denen man sich zu diesen Jahren unterhalten kann.“

Von außen gesehen war Hohenheim eine kleine ländliche Idylle. 1933 waren gerade 117 Studenten an der Uni eingeschrieben. Sie wurden von 40 bis 50 Lehrkräften unterrichtet. Frauen gab es keine im Lehrkörper. Sie waren auf dem Campus lediglich als Arbeiterinnen, Schreibkräfte oder Laborantinnen vertreten. 1940 – mitten im Krieg – waren es dann nur noch halb so viele Studenten und knapp 20 Professoren. Dem gegenüber stand die große Zahl von rund 250 Zwangsarbeitern.

Der entscheidende Einschnitt, der auch die Uni Hohenheim von einem Tag auf den anderen in eine nationalsozialistische Uni verwandelte, war mit der Gleichschaltung und der Einsetzung des Rektors Percy Briegel 1933 gekommen, des ersten Rektors, der nicht von der Uni selbst gewählt, sondern von der NSDAP bestimmt worden war. War er ein besonders strammer Nazi? „Nein, da kamen noch ganz andere Kaliber nach“, hat Waller bei ihrer Arbeit festgestellt. „Das eigentlich Erschreckende an der Aufarbeitung dieser Epoche ist allerdings, das alles, die Gleichschaltung der Universität, die Entlassung von Nicht- und ihre Ersetzung durch Parteimitglieder und später die Beschäftigung der vielen Zwangsarbeiter erschreckende Normalität war, ganz normaler Alltag.“

Die Geschichte Hohenheims lässt sich nicht direkt mit anderen Hochschulen vergleichen. Die Unis in Berlin oder München hatten angegliederte landwirtschaftliche Fakultäten, Hohenheim aber war akademisch selbstständig. Schon früh konservativ-nationalistisch ausgerichtet, begünstigten die Isoliertheit auf dem Land, das Fehlen von kulturellen oder großstädtischen Impulsen – es gab hier auch keine republikanischen oder linken Studentengruppen – und die alleinige Konzentration auf landwirtschaftliche Themen die Anfälligkeit für nationalsozialistisches Gedankengut. Jeder kannte jeden auf den Fildern. Es wäre sofort aufgefallen, wenn jemand nicht an gemeinsamen Versammlungen der Partei teilgenommen hätte.

Der Uni war es wichtig, dass das Projekt nicht mit 1945 endet, sondern auch die Jahre nach dem Krieg mit erforscht werden. Wie war es, als in Hohenheim der Unterricht wieder aufgenommen wurde? Wer durfte gleich wieder unterrichten, wer nicht? „ Es gab so viele Personen, die von ihrer Parteizugehörigkeit profitiert haben und die auch nach 1945 keine Probleme hatten und weiter als anerkannte Wissenschaftler Karriere machten. Das finde ich das eigentlich erschreckende Ergebnis“, sagt Waller.

Und Rektor Dabbert ergänzt: „Die Tatsache, dass es Opfer gab, die bis heute kein Gesicht und keine Stimme haben, während wir Täter kennen, die ihre Karriere nach dem Krieg mit nur kurzer Unterbrechung fortsetzen konnten, ist beschämend.“ Er erhoffe sich von dem Forschungsprojekt deshalb auch, dass es dazu beitrage, dass dieses Ungleichgewicht ein Stück weit gemildert werde, so Dabbert.

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27.11.2017, 06:00 Uhr
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