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Neues Leben für das alte Handy

Uni-Umwelttipp für TAGBLATT-Leser (4): Kaputte Elektrogeräte nicht gleich wegwerfen

Neue Elektrogeräte kaufen: Das macht vielen Leuten Spaß. Gut für die Umwelt ist es nicht. Nach Schätzung des Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM) gibt es in einem deutschen Durchschnittshaushalt mehr als 50 Elektro- und Elektronikgeräte. Tendenz steigend.

28.05.2015

Von Gerd Pfitzenmaier & Sabine Andreadis

Kreis Tübingen. Neben dem „Mehr“ an Geräten werden Produkte heute aber auch immer schneller durch neue, vermeintlich bessere ersetzt. So versprechen Mobilfunkanbieter zum Beispiel mit einer Selbstverständlichkeit jedes Jahr oder alle zwei Jahre ein „brandneues Top-Smartphone“ für unbeschwerten Kommunikationsgenuss.

Elektroschrott-Entsorgung in Dußlingen: Nur wenn es wirklich nötig ist.Archivbild: Metz

Viele Elektrogeräte sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken und erleichtern unseren Alltag maßgeblich. Doch für die Umwelt hat diese Entwicklung eine gefährliche Kehrseite: Bei der Herstellung wird Kohlendioxid frei, Ressourcen werden verbraucht, und Müll produziert. Entsprechend wichtig ist es, die Lebenszeit vorhandener Geräte durch Reparaturen zu verlängern oder sogar mit weniger Geräten auszukommen.

Als die niederländische Journalistin Martine Postma 2009 in Amsterdam den ersten Reparaturtreff Europas gründete, ahnte sie vermutlich kaum, welche Wellen ihre Initiative heute schlägt. Ins „Stichting Repair-Café“ bringen Menschen kaputte Geräte, Möbel oder zerschlissene Kleider, defekte Fahrräder, Computer, Radios oder Kaffeemaschinen, damit andere ihnen helfen, „an der richtigen Schraube zu drehen“, um die Gegenstände erneut zum Laufen zu bringen. Oder sie lernen, wie sie selbst Hand anlegen. Im Repair-Café finden sie Anleitung, das richtige Werkzeug und – wenn nötig - Expertenrat.

Die Besucher wissen, dass es Sinn macht, Maschinen und Möbel zu reparieren. Sie setzen auf Nachhaltigkeit und wollen ihre Dinge länger nutzen. Sie sind überzeugt: Reparieren statt Wegwerfen spart Ressourcen, es schont Energiereserven, schützt Rohstofflager und Klima, weil der längere Gebrauch die Produktion immer neuer Dinge überflüssig macht. Deshalb „frickeln, hämmern und schrauben Leute, um kaputte Küchengeräte, Staubsauger, Telefone oder alte Klamotten wieder in Schuss zu kriegen“, beschrieb eine Zeitung Szenen im Repair-Café. Postmas Idee erobert die Welt. In den Niederlanden gibt es inzwischen mehrere Dutzend solcher Reparier-Treffs. In Köln eröffnete 2012 der erste deutsche Ableger. Dem Vorbild vom Rhein folgten Repair-Cafés in Berlin, München und Aachen. Auch das Werkstadt-haus in Tübingen ist ein Repair-Café. Ihre Zahl kletterte inzwischen weltweit auf gut 700(!), und die Macher eint die Idee: „Gemeinsam vermeiden die ehrenamtlichen Reparateure rund 200 000 Kilo Abfall jährlich.“

Zum Reparieren kann man auch ins Café gehen

Allein während der Europäischen Woche der Abfallvermeidung 2014 errechneten die RepairCafés, dass in den Niederlanden, Belgien, Deutschland und Frankreich in 130 Repair-Cafés „durchschnittlich 35 Reparaturen durchgeführt werden, wovon sich ungefähr 25 als erfolgreich erweisen“. Resultat: Es konnten „3250 defekte Gegenstände repariert werden“. Wenn ein Objekt im Durchschnitt ein Kilo wiege, folgerten sie, konnten „mit dieser Aktion gut 3200 Kilo Abfall vermieden werden“.

Bei rund 385 Millionen Tonnen Abfall, den die Bundesbürger pro Jahr entsorgen, mag das (noch) der berühmte Tropfen auf den heißen Stein sein. Entscheidend ist die Veränderung der Einstellung. Reparieren liegt im Trend und zeigt Erfolg: 1078 Kilometer – so weit ist es (Luftlinie) nicht nur von Stuttgart nach Berlin und wieder zurück – so weit reicht auch die Strecke, die sich ergibt, wenn die reparierten Waschmaschinen, Trockner, Herde, Spülmaschinen, Kühl- und Gefrierschränke aneinander gereiht würden, die in den rund 3100 Reparaturbetrieben für „Weiße Ware“ wieder flott gemacht wurden. Das ergab im Sommer 2014 eine Umfrage von www.MeinMacher.de.

Die Zahl verdeutlicht, wie wichtig Reparaturen für Umwelt- und Klimaschutz sind. „Würden die Geräte nicht repariert, würde in Deutschland zirka 25 Prozent mehr Elektroschrott anfallen“, sagt Detlef Vangerow. Er organisiert von Mittelstadt bei Reutlingen aus einen Verbund von rund 1000 Handwerkern, die sich bundesweit aufs Reparieren gebrauchter Geräte verstehen. Sie besitzen technisches Know-how und wissen, wo sie – wenn nötig – Ersatzteile finden. Wenn ambitionierte Laien bei der Reparatur nicht weiterkommen oder ihnen Zeit und Lust fehlen, um sich selbst mit kniffligen Arbeiten auseinander zu setzen, stehen ihnen Vangerows Handwerker zur Seite. Zu finden sind sie – problemlos – übers Internet: Dort installierte der Organisator eine Suchmaske, die auf Knopfdruck Reparaturbetriebe gleich in der jeweiligen Nachbarschaft vermittelt. „Maßnahmen zu entwickeln, die Elektroschrott vermeiden, ist nicht nur unsere Aufgabe, sondern auch unsere Pflicht“, sagt Vangerow.

Im Schrott findet man Gold und Silber

Schließlich verursachen die Menschen in Deutschland 2,7 Prozent des weltweiten Elektroschrotts. Der Müllberg aus Fernsehern, HiFi-Anlagen, Computern und Zubehör oder Handys wuchs laut UN-Angaben in nur fünf Jahren um gut ein Drittel.

In diesem Schrott jedoch steckt ein Schatz. Experten der Deutschen Umwelthilfe (DUH) schätzen, dass in unseren Schubladen und Schränken allein 120 Millionen – unbenutzte – Handys schlummern. Darin lagern wertvolle Ressourcen: Gold, Silber und seltene Metalle für rund 21 Milliarden US-Dollar ließen sich jährlich durch die Wiederverwertung gebrauchter PCs, Tablets, Handys oder Smartphones gewinnen, berechneten die Wissenschaftler der „e-Waste Academy“.

Sie tagten auf Initiative der UN-University und der Global e-Sustainability Initiative und zählten zusammen, dass die Hersteller jedes Jahr allein 320 Tonnen Gold und 7500 Tonnen Silber in Elektronik-Gadgets verbauen. Diese Materialien besitzen einen Wert in der Größenordnung des Bruttosozialprodukts kleinerer Staaten.

Allein in den ausrangierten Handys in Deutschland stecken laut DUH satte 1000 Tonnen Kupfer – genug um daraus ein Kabel zu ziehen, das zweieinhalb Mal um die ganze Erde reicht.

Diesen Schatz erkennen inzwischen immer mehr Verbraucher. Sie haben von der „Wegwerf-Mentalität“ genug und wünschen sich Produkte die sie länger nutzen. Der Widerstand gegen die sogenannte „geplante Obsoleszenz“ (das eingebaute Verfallsdatum) der Produkte wächst. Auch der Dachverband der deutschen Natur- und Umweltschutzverbände prangert die absichtliche Beschränkung der Lebensdauer von Produkten an: Die Bundesregierung müsse gegen Hersteller vorgehen, die ihre Waren mit geplanten „Sollbruchstellen“ oder „Kaputtgehdatum“ produzieren.

Geräte könnten, fordern Experten, nämlich durchaus länger ihren Dienst tun. Das Department of Mechanical Engineering der Katholischen Universität im belgischen Leuven untersuchte, wie lange Waschmaschinen genutzt werden sollten, oder wann es wirtschaftlicher und ökologischer sei, eine neue zu kaufen.

Die Untersuchung zeigt: Der Wasserverbrauch spielt kaum eine Rolle. Wohl aber der Energieverbrauch. Das Ergebnis der Studie: Nur Waschmaschinen der Energieeffizienzklasse B oder A, die zudem mehr als 45 Liter Wasser pro Waschgang brauchen, sollten durch neue Geräte ersetzt werden. Die Mehrheit der A-Geräte sowie alle Geräte der Energieklasse A+ oder A++ sollten Verbraucher demnach mindestens 10 bis 12 Jahre nutzen. „Die Reparatur oder die Weiter- und Wiederverwendung sind für die Umwelt und für die Haushaltskasse die beste Lösung“, kommentiert Detlef Vangerow die Studie. Er und seine Kollegen plädieren deshalb dafür, die Reparaturbedingungen zu verbessern und die Hersteller zu verpflichten, Geräte so zu konstruieren, dass sie besser reparierbar sind.

Zudem sollen sie technische Dokumentationen veröffentlichen sowie günstigere Ersatzteile liefern, oder die Reparatur-Autorisierung für Fachbetriebe während der Garantiezeit zu erlauben, „damit Verbraucher nicht ausschließlich von den Herstellern abhängig sind“.

reparatur-revolution.de

Die Umwelt-Tipps des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs werden von Wissenschaftlern des Zentrums für angewandte Geowissenschaften (ZAG) an der Universität Tübingen vorgeschlagen, recherchiert und verfasst. An dem im Jahr 2000 gegründeten Zentrum, das zum Fachbereich Geowissenschaften gehört, beschäftigen sich rund 120 Wissenschaftler in insgesamt zwölf Arbeitsgruppen mit verschiedensten Themen und Problemen der Umwelt: Wasser, Schadstoffe im Untergrund, Luftbewegungen, Umweltgifte, Umweltphysik. Es geht auch ohne Forsythien: Uni-Umwelttipp für TAGBLATT-Leser (6): Die „Bunten Wiesen“ holen das Grün in die Stadt zurück 10.09.2015 Trinken ist keine gute Idee: Uni-Umwelttipp für TAGBLATT-Leser (5): Wie gefährlich ist das Bad im Neckar? 16.07.2015 Neues Leben für das alte Handy: Uni-Umwelttipp für TAGBLATT-Leser (4): Kaputte Elektrogeräte nicht gleich wegwerfen 28.05.2015 Pillen gehören in den Restmüll: Uni-Umwelttipp für TAGBLATT-Leser (3): Medikamente landen in Gewässern 20.03.2015 Wie gefährlich sind Nano-Partikel?: Uni-Umwelttipp für TAGBLATT-Leser (2): Die Winzlinge sind wenig erforscht, aber weit verbreitet 11.02.2015 Besser aus dem Hahn als aus der Flasche: Uni-Umwelttipp für TAGBLATT-Leser (1): Abgefüllte Wasser belasten die Umwelt weitaus mehr als Leitungswasser 11.01.2015

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Erstellt:
28. Mai 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
28. Mai 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. Mai 2015, 12:00 Uhr

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