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Wissenschaft

Uni Tübingen lässt Studie überprüfen

Ein Informatiker zweifelt an Daten des Hirnforschers Niels Birbaumer. Es geht um die Kommunikation mit ALS-Patienten.

20.04.2019

Von ULRICH JANSSEN

Weltweit anerkannt: Hirnforscher Niels Birbaumer.

Tübingen. Vor zwei Jahren erregte die Publikation im Fachmagazin „PLOS Biology“ Aufsehen: Niels Birbaumer, vielfach ausgezeichneter Forscher der Tübinger Universität, und sein Mitarbeiter Ujwal Chaudhary, machten öffentlich, dass ihnen der Kontakt mit Patienten gelungen sei, die wegen der fortschreitenden Muskellähmung ALS in ihrem eigenen Körper komplett eingeschlossen sind.

Die Patienten, die sich normalerweise nicht einmal mehr mit einem Lidzucken verständigen können, hätten auf Fragen mit Ja oder Nein geantwortet und zwar nur durch die Kraft ihrer Gedanken. Mithilfe einer mit Sensoren bestückten Kappe hätten die Forscher die Botschaften anhand der Strom- und Blutflüsse im Hirn entschlüsseln können.

Wenn es nach Martin Spüler geht, kann Birbaumer dies allerdings definitiv nicht. In PLOS Biology veröffentlichte der Tübinger Informatiker jetzt einen Aufsatz, in dem er die Daten von Chaudhary und Birbaumer neu analysierte und ihnen jegliche Aussagekraft absprach: „Es liegen“, so das Fazit des Informatikers, „keine wissenschaftlich fundierten Beweise dafür vor, die eine Kommunikation mit Menschen im vollständig abgeschlossenen Zustand belegen.“

Spüler arbeitete mehrere Jahre am Lehrstuhl von Prof. Wolfgang Rosenstiel. Der Informatiker unterstützt mit seinem Team Birbaumers Forschungen. Spüler arbeitete zeitweise an den Projekten mit. Vor gut einem Jahr meldete er aber Zweifel an den Erfolgen der Birbaumer-Gruppe an und publizierte sie auf einer Internetseite. Beachtung fand das zuerst wenig. Das änderte sich, als am 8. April die PLOS den Aufsatz dann doch veröffentlichte. Seither ist die Wissenschaftler-Szene in Aufruhr.

Die Vorwürfe sind für Laien schwer nachvollziehbar. Es geht darum, wie die komplexen Signale zu bewerten sind, die das Gehirn aussendet. Die ALS-Patienten bekommen Fragen gestellt, auf die sie mit einem bestimmten Gedanken reagieren sollen, der Ja oder Nein bedeutet. Mit einer Kappe werden die elektrischen und Blutströme am Gehirn gemessen. Die Birbaumer-Gruppe ist optimistisch, dass sie aus den Daten mit immerhin 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein Ja oder ein Nein herauslesen kann.

Spüler billigt ihnen dagegen nicht mehr als eine 50-prozentige Trefferquote zu – also reiner Zufall. Kein Beleg für eine gelungene Kommunikation.

Birbaumer bezeichnete die Berichte über die Vorwürfe als „sensationslüsterne Verleumdung von Hirnforschern“. Er räumte aber ein, dass auch „ein Körnchen Wahrheit“ dabei sein könnte. Das Problem sei, dass es extrem schwierig sei, mit ALS-Patienten wegen ihres Zustands in Kontakt zu kommen: „Das ist ja keine Laborsituation.“

Spüler sagt, er habe die Daten, die die Forscher bei ALS-Patienten aufgezeichnet hatten, von einem eigens entwickelten Algorithmus überprüfen lassen. In den Daten fand der Algorithmus keine Muster, die Sinn ergaben. „Das war alles reiner Zufall.“ Als er die Forscher 2017 damit konfrontierte, hätten sie nur auf ihren Daten beharrt. Im November 2017 schickte Spüler seinen Aufsatz mit der Kritik an PLOS Biology. Im März 2018 wurde er abgelehnt. Spüler beschwerte sich und veröffentlichte den Aufsatz im Internet. Vor einem Jahr wandte er sich mit seinem Verdacht an die Medizinischen Fakultät. Da noch ohne Ergebnis. Dann wechselte PLOS den Gutachter und veröffentlichte die Studie doch.

Birbaumer begrüßt die Überprüfung durch eine unabhängige Kommission der Tübinger Uni. Die Kritik nennt der Hirnforscher gleichzeitig „Informatiker-Geplänkel“. Grundsätzlich bleibt er dabei, dass seine Methoden funktionierten.

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Erstellt:
20. April 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. April 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. April 2019, 06:00 Uhr

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