Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

CDU-Abgeordneter soll abgeschrieben haben

Uni-Juristen prüfen Plagiatsverdacht gegen Politiker

Die Plagiatsjäger im Internet sind auf einen neuen Fallgestoßen: Der gerade in den Landtag gewählte Waiblinger CDU-Abgeordnete Matthias Pröfrock soll in seiner Dissertation an der Tübinger Uni etliche Textpassagen ohne Quellenangabe kopiert haben.

05.04.2011

Von Ulrike Pfeil

Tübingen. Auf der Internetseite „Vroniplag“, die sich eigentlich mit plagiierten Stellen in der Doktorarbeit der Stoiber-Tochter Veronica Saß beschäftigt, wird seit dem Wochenende die Dissertation von Matthias Pröfrock als „neuer Verdachtsfall“ präsentiert. Pröfrock hatte 2007 bei dem Tübinger Juraprofessor Wolfgang Graf Vitzthum über „Energieversorgungssicherheit im Recht der Europäischen Union / Europäischen Gemeinschaften“ promoviert.

Matthias Pröfrock

„Vroniplag“ hat nun auf etwa 25 Prozent der über 200 Seiten starken Arbeit Textabschnitte entdeckt, die wörtlich oder nur geringfügig verändert ohne Quellenangabe aus Wikipedia- und Zeitschriften-Artikeln, einem europapolitischen Sammelband und anderen Vorlagen übernommen wurden. Im Internet sind knapp 30 Fundstellen mit dazugehörigen Quellentexten belegt.

Der 33-jährige Jurist aus Korb im Remstal informierte gestern selbst die Tübinger Jura-Dekanin Prof. Barbara Remmert und seinen Doktorvater über den Plagiatsvorwurf, entschuldigte sich und bat um Prüfung seiner Dissertation. „Mir ist sehr daran gelegen, dass das schnell und sauber geklärt wird“, sagte Pröfrock dem TAGBLATT. Er räumte ein, dass er „unter dem großen Zeitdruck am Schluss“ Quellenangaben versäumt haben könne. Die „vereinzelten“ Fehler, so Pröfrock in einer Presseerklärung, seien insbesondere bei Passagen passiert, die aus dem Internet zitiert wurden.

Pröfrock hat im bisherigen CDU-Land Baden-Württemberg eine Bilderbuch-Karriere gemacht: Junge Union, Konrad-Adenauer-Stipendiat, Assistent des Europa-Abgeordneten Kurt Lauk, persönlicher Referent des früheren Ministerpräsidenten Günther Oettinger im Rang eines Regierungsrats, jetzt Oberregierungsrat im Innenministerium. Er ist Stuttgarter Regionalvorsitzender der CDU und Vorsitzender des CDU-Ortsverbands in seinem Wohnort Korb im Remstal. Im Landtag beerbt er den Fellbacher CDU-Abgeordneten Christoph Palm. Auf seiner Facebook-Seite bedauerte Pröfrock am 1. März den Rücktritt von Minister zu Guttenberg, nannte ihn aber „folgerichtig“. Er wünschte dem Politiker „eine zweite Chance“.

Die Universität hat gestern sofort ein für solche Fälle vorgesehenes Prüfverfahren in Gang gesetzt. Ein Anfangsverdacht, so die Jura-Dekanin Barbara Remmert, sei „nicht von der Hand zu weisen“. Zunächst wird sich die zentrale Kommission zur Untersuchung von Fehlverhalten in der Wissenschaft damit befassen. Der evangelische Theologe Prof. Friedrich Hermanni (einer von drei dafür bestellten Professoren) wird eine Vorprüfung vornehmen. Sollte sich der Verdacht erhärten, beruft er eine Kommission ein, die den Betroffenen anhört. Anschließend käme der Fall vor den Promotionsausschuss; auch da wird der Autor der Dissertation noch einmal gehört.

„Wir wollen es so schnell wie möglich machen, aber mit rechtsstaatlichen Standards“, sagt Remmert. Es gehe vor allem darum, „die Redlichkeit wissenschaftlichen Arbeitens zu schützen“, eine Grundlage der Glaubwürdigkeit. Die Betreuer von Doktorarbeiten hätten vor vier Jahren noch weniger Möglichkeiten als heute gehabt, abgeschriebene Textpassagen zu erkennen. „Der Doktorvater geht ja auch nicht davon aus, dass er betrogen wird.“

Uni-Rektor Bernd Engler nannte den Fall „mehr als unerfreulich“. Er werfe die Frage auf, ob die vor zwei Jahren allgemein eingeführte eidesstattliche Erklärung bei Doktorarbeiten zu spät kam. Die Uni müsse beim Unrechtsbewusstsein in wissenschaftlichen Texten „nochmal komplett nacharbeiten“.Privatbild

Podiumsdiskussion: Uni diskutiert über Plagiate 01.03.2011 Kommentar: Fehleinschätzungen sind nicht grundlos 01.03.2011 Kommentar: Guttenberg: Nicht mehr zu halten 01.03.2011 Protestbrief an die Kanzlerin: Wissenschaftler empört über Guttenberg 01.03.2011 Dissertation in NRW: Abgeschrieben - rausgeflogen 26.02.2011 LEITARTIKEL · AKADEMISCHE TITEL: Genug herumgedoktert 26.02.2011 In den Schlagzeilen: Doktorvater in Erklärungsnot 26.02.2011 KOMMENTAR · GUTTENBERG: Popularität als Panzer 24.02.2011 Dokumentation: Was Guttenberg alles über seine Doktorarbeit sagte 23.02.2011 Keiner darf abschreiben: Tübinger Informatiker distanzieren sich von Spruth-Äußerungen 22.02.2011 Kommentar: Der akute Fußnot(en)stand 21.02.2011 „Juristen sind doch keine Germanisten“: Tübinger Informatikprofessor verteidigt zu Guttenberg 21.02.2011 Manchmal liest man etwas von sich selbst: Uni Tübingen hält sich beim Plagiatsvorwurf gegen zu Guttenberg zurück 18.02.2011

Zum Artikel

Erstellt:
5. April 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
5. April 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. April 2011, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+