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Und sie bewegen sich doch
Entscheidend sind positive Gefühle, sagt Sportpsychologe Jens Kleinert. Foto: DSHS Köln
Ein Psychologe weist Wege aus der Trägheitsfalle - Begeisterung sticht gute Vorsätze aus

Und sie bewegen sich doch

26.03.2016
  • WERNER GALLBRONNER

Es steckt in fast jedem Menschen noch ein kleines Kind. Und das will überall hinkrabbeln, alles erkunden und hat Lust auf die Welt. Dann lernt es stillzusitzen, wird erwachsen und hat jede Menge vermeintlich wichtigerer Dinge zu tun - bis plötzlich einer verächtlich auf seinen Bauch schaut oder der Erwachsene sich einfach wieder ein besseres Körpergefühl samt langlebiger Perspektiven ersehnt. Sportpsychologe Jens Kleinert über Fitness, Gesundheit und die Lust am Bewegen.

Sie sind Sportpsychologe, Herr Kleinert. Was treiben Sie selbst?

JENS KLEINERT: Ich bewege mich sehr viel, nutze auch den Alltag. Ich fahre viel Rad, auch zur Arbeit. Fürs Schwimmen habe ich feste Zeiten reserviert; hin und wieder mache ich Krafttraining.

Hatten Sie schon immer Spaß daran?

KLEINERT: Ich bin ganz klar sozialisiert. Schon als Kind habe ich im Verein Sport gemacht. Das Sportvereinswesen in Deutschland ist etwas sehr Besonderes. In anderen Ländern gibt es solche klaren Vereinsstrukturen nicht.

Was bedeutet eigentlich fit und gesund?

KLEINERT: Ohne Fitness keine Gesundheit. Im Grunde geht es bei Fitness um Fähigkeiten und Kompetenzen in Bezug auf den eigenen Körper. Für unsere Lebensqualität ist das wichtiger als nur das Fehlen von Krankheiten. Wer gesund ist, kann sein Leben gestalten. Dabei geht es nicht allein um körperliche, sondern auch um geistige und soziale Fitness. Alles zusammen hat ein Stück weit mit Sport zu tun.

Welche Rolle spielt die Ernährung?

KLEINERT: Eine angemessene Ernährung ist natürlich eine wichtige Gesundheitssäule, die sowohl zur körperlichen, geistigen als auch zur sozialen Fitness beiträgt. Die Zusammenhänge sind hier vielfältig: Ernährung bildet die Grundlage für Training und körperliche Entwicklung, hat aber auch viel mit Wohlbefinden und Geselligkeit zu tun. Sport, Bewegung und Ernährung gehören einfach zusammen.

Wie steht es um die Deutschen?

KLEINERT: In den letzten Jahrzehnten sind Gesundheit und Fitness unserer Gesellschaft in der Breite nicht besser geworden. Bestenfalls stagniert der Zustand, Etliches ist schlechter geworden.

Woran liegt das?

KLEINERT: Wir sind immer weniger in Bewegung, führen immer mehr Arbeiten im Sitzen aus. Und trotz aller medienwirksamen Botschaften ändern die Leute ihr Verhalten nicht. Dabei spielt Bildung eine ganz große Rolle. Mangelndes Gesundheitsverhalten ist vor allem ein Thema sozial benachteiligter Gruppen.

Was hat Bewegung mit Bildung zu tun?

KLEINERT: Von den vielfältigen Angeboten und Programmen, die es gibt, profitieren meistens die Bessergestellten oder diejenigen mit hohem Bildungsniveau. Das hat nicht nur ökonomische Gründe, sondern hat auch viel mit Interesse, Motivation und dem typischen Verhalten in bestimmten Bevölkerungsgruppen zu tun. Insgesamt reden wir von Gesundheitskompetenz, also der Motivation und Fähigkeit, etwas für seine Gesundheit zu tun. Das haben leider viele nicht.

Wie kommen Bewegungsmuffel in die Gänge?

KLEINERT: Da gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder ich mag es oder ich zwinge mich. Viele Menschen gehen mit dem Gedanken an die Sache heran: "Ich muss etwas tun, um gesund zu bleiben - sonst sterbe ich zu früh." Das funktioniert nicht besonders gut, weil man während der Aktion keine unmittelbare Belohnung im Sinne von positiven Gefühlen erhält.

Also ist der Faktor Freude entscheidend.

KLEINERT: Ideal ist es, etwas zu finden, das man genießt, also mit guten Gefühlen verbindet. Zum Beispiel, etwas mit anderen Menschen zu machen. Oder etwas geschafft zu haben. Wenn wirklich Begeisterung entsteht, ist die Chance groß, dass man auch dabei bleibt.

Was hilft noch, an einer Sache dranzubleiben?

KLEINERT: Eine gewisse Regelmäßigkeit. Sport muss einen Platz im Leben haben.

Welche Art, sich fit zu halten, eignet sich für wen?

KLEINERT: Welcher Persönlichkeitstyp man ist, ist eigentlich nicht entscheidend. Jede Sportart lässt sich auf vielfältige Weise ausüben - so, dass sie zu den unterschiedlichsten Leuten passt. Wenn man etwas anfangen möchte, sollte man eher über seine Lebensart und seine Lebensumstände nachdenken.

Was heißt das genau?

KLEINERT: Wenn jemand viel reist, ist Sport im Verein wohl nicht das Richtige für ihn oder sie, vielleicht eher das Laufen. Welcher Sport der Richtige ist, hängt eher mit den persönlichen Vorlieben zusammen. Wenn ich mich zerstreuen will, ist ein Spielsport das Richtige. Spielsportarten sind auch für die geistige Fitness sehr gut geeignet. Wenn ich im Beruf sehr angespannt bin, brauche ich eher einen Ausdauersport wie Triathlon, um mich abzureagieren.

Der erste Schritt in den Sport scheint für Kinder einfacher zu sein als für Erwachsene. Ist es für Ältere schwieriger?

KLEINERT: Nicht unbedingt. Natürlich haben Kinder scheinbar einen ausgeprägteren Bewegungsdrang und Spieltrieb. Für Ältere sind die Gelegenheiten seltener. Der Zugang zum Sport funktioniert besonders mit bewusst sozialer Einbindung gut - beispielsweise im Verein, in einer Laufgruppe, im Studio, auch im Betriebssport.

Was ist dabei zentral?

KLEINERT: Man sollte sich konkrete Ziele nach der "SMART-Regel" setzen: S steht für spezifisch - also ein möglichst konkretes Ziel; M für messbar - das heißt, es muss überprüfbar sein, ob man sein Ziel erreicht hat; A für akzeptiert - man muss das Ziel selber erreichen wollen; R für realistisch und T für terminiert - wann und in welchem Umfang übe ich meinen Sport aus. Je klarer ist, was ich machen möchte, desto realistischer ist es, dass ich es auch tue. In der Nacht zum 1.1. den Vorsatz zu fassen, künftig irgendetwas zu machen oder mal etwas aktiver zu sein, ist alles andere als "SMART".

Manche wollen noch mit 50 persönliche Bestleistungen aufstellen, für andere ist der Einkaufsbummel das Höchste der sportlichen Gefühle. Wo liegt der Königsweg?

KLEINERT: Es gibt ein Spektrum der Leistungsansprüche von fast gar nicht bis ins Extreme - und das ist auch gut so. Wieviel Sport ich in mein Leben lasse, muss ich selber entscheiden dürfen. Es muss zum Menschen passen, was er macht, wie und mit welchem Anspruch. Jeder kann etwas finden, das ihm entspricht. Sport ist wie ein riesiger Apothekerschrank. Da ist alles drin von der Gartenarbeit über häufiges Treppensteigen bis zum Leistungssport.

Müssen Sie sich auch selber manchmal aufraffen?

KLEINERT: Natürlich. Aber ich habe da einen Trick. Ich versuche mir vorzustellen, wie es ist, wenn ich aktiv bin. Ein Beispiel: Wenn ich zum Schwimmen will und eigentlich keine Lust habe, denke ich daran, wie schön es sich anfühlen wird, wenn ich dann im Wasser bin. Im Prinzip rufe ich die positiven Gefühle ab, die unmittelbar vor mir liegen.

Haben Sie eigentlich auch unsportliche Freunde?

KLEINERT: Ja sicher. Im Sport kann man zwar einen Freundeskreis finden, aber glücklicherweise gibt es auch viele andere Lebensbereiche, die für Menschen persönlich und sozial erfüllend sind. Interessante und liebenswerte Menschen gibt es überall. Zur Person Professor Jens Kleinert, geboren 1964 in Hilden, ist Leiter des Psychologischen Instituts und Prorektor für Studium und Lehre an der Deutschen Sporthochschule (DSHS) Köln. Neben Sportwissenschaften an der DSHS hat der Sport- und Gesundheitspsychologe Humanmedizin an der Universität Köln studiert; er habilitierte 2003 zum Thema Sportwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung von Sportpsychologie und Gesundheitsforschung.

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26.03.2016, 08:30 Uhr
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