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Schauspiel

Und immer wieder bedrohliche Stille

Starker Saisonstart in Stuttgart: Calixto Bieito inszeniert Horváths „Italienische Nacht“.

23.09.2019

Von Otto Paul Burkhardt

Politik am Biertisch: Elmar Roloff (links) spielt die zentrale Figur, den Stadtrat, einen abgestumpften Polit-Routinier. Foto: ss

Stuttgart. Nein, es wird nicht gleich losgeplappert. Wir sehen ein nächtliches Gartenlokal mit Bierbänken und Lämpchen-Girlanden – menschenleer, dunstverhangen, gespenstisch. Minutenlang nichts als dröhnendes Schweigen. Bedrohliche Ruhe. „Stille“, heißt die erste Regieanweisung in Ödön von Horváths Drama „Italienische Nacht“. Sie wird noch x-mal wiederkehren. Und jedes Mal hält sich Regisseur Calixto Bieito daran, setzt kleine Pausen, in denen das Gesagte nachklingt und das Unheimliche aufscheint. Bieito, der einst als Berserker begann, hat seine Bühnensprache mit den Jahren entschrillt und reduziert. Ein Gewinn. Jetzt eröffnete er mit Horváth die neue Saison am Schauspiel Stuttgart, wo Intendant Burkhard C. Kosminski in die zweite Spielzeit geht. Am Samstag war Premiere.

Das Thema? Beklemmend aktuell, denn es geht um das Ende der Weimarer Republik, um die Blindheit der Demokraten gegenüber dem aufdämmernden Faschismus. Bieito lässt das Stück in seiner Zeit, verzichtet auch darauf, das Geschehen platterdings durch Nazi-Symbole zu verdeutlichen oder durch Hinweise auf heute politisch einzuschachteln. Gut, irgendwo taucht eine schwarz-weiß-rote Flagge auf. Und ein stramm skandierender NS-Mann (Matthias Leja) singt feurig „Die Wacht am Rhein“ – als chorische Kundgebung ins Publikum hinein. Aber das ist schon alles. Hakenkreuze, Schlägerhorden – nichts davon. Kein Naturalismus, kein Dialekt, keine „Milljöhbilder“ – Bieito verfremdet die Volksfest-Gemütlichkeit durch subtile Stilisierung. Wenn zwei anbandeln, steht alles andere still. Er zoomt die Dialoge ganz nah ran und erzielt so eine Tiefenschärfe ohnegleichen.

Hier wird auch niemand karikiert. Elmar Roloff spielt die zentrale Figur, den Stadtrat, als jovialen, altgedienten, aber auch abgestumpften Polit-Routinier, der die jungen Rebellen seiner moderaten Partei als „Krakeeler“ verachtet und seine eigene Frau (Christiane Roßbach) öffentlich als dämliches, schwitzendes „Hausmütterchen“ abkanzelt. Am Ende, wenn ihr Gatte von Faschisten gedemütigt wird, ist gerade sie es, die ihn couragiert verteidigt – und dafür Zwischenbeifall im Saal erhält.

Kurzum, ein starker Saisonstart. Horváth ohne übliche Klischees, entrümpelt, kristallklar inszeniert.

Am Ende sind es die beschimpften Jungrebellen, die das bedrohte Gartenfest der Demokraten noch einmal wehrhaft vor braunen Übergriffen retten. Alles nochmal gutgegangen? Von wegen, deutet Bieito an: Just in dem Moment, da der Stadtrat wieder salbadernd beruhigen will, kippt ein Lichtermast um und stürzt krachend zu Boden. Langer Applaus.

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Erstellt:
23. September 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
23. September 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. September 2019, 06:00 Uhr

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