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Unbeirrbar munter – mitten im Müll
Franziska Walser in „Glückliche Tage“. Foto: Conny Mirbach
Theater

Unbeirrbar munter – mitten im Müll

Becketts „Glückliche Tage“ in Stuttgart: Franziska Walser vertreibt uns die Zeit vor dem Weltuntergang.

06.03.2017
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Stuttgart. Irgendwann muss es da mal gewaltig geknallt haben. Denn der Haufen Plastikmüll, den wir auf der Bühne sehen, ist offenbar von oben herunter durch die Decke gekracht – wo noch ein riesiges Loch klafft. Ist es am Ende Müll aus dem All, der da zurück auf die Erde gestürzt ist?

Wie auch immer, Winnie sitzt in dieser öden Plastikwüste, breitet die Arme aus und lächelt: „Wieder ein himmlischer Tag!“ So beginnt Samuel Becketts Klassiker „Glückliche Tage“ (1960) – Premiere war jetzt im Kammertheater, inszeniert von Armin Petras. Lang ist dieses Stück, in dem noch die Schrecken des Zweiten Weltkriegs nachbeben, wie eine Weihestunde des Weltuntergangs zelebriert worden.

Anders Petras. Der Ton seiner Inszenierung ist leichter. Der bis ins letzte Detail mit Becketts Regieanweisungen gespickte Text wirkt, da deutlich gekürzt, fließender, nicht mehr wie ein nihilistisches Ritual. Eher wie ein bizarrer Traum. Die hinten offene Guckkastenbühne gibt den Blick frei aufs Weltall, auf Himmelskörper, die lautlos vorbeischweben. „Glaubst du, dass die Erde ihre Atmosphäre verloren hat?“ fragt Winnie. Womöglich sitzt sie samt Müll in einem Raumschiff, das ziellos durchs All segelt?

Doch über die Stille, die Petras ab und zu durch Stürme und Nebelgetöse unterbricht, plaudert Winnie unentwegt hinweg. Franziska Walser spielt diese halb eingegrabene Winnie, die nur noch die Arme frei bewegen kann. Ihre Winnie sitzt, ach was, thront wie eine Königin unbeirrbar munter mitten im Müll. Vertreibt sich die Zeit, hängt Erinnerungen nach und singt auch schon mal „Lippen schweigen“, einen Evergreen aus Lehárs „Lustiger Witwe“ – aus einer anderen Melodie dieser Operette hat Schostakowitsch 1942 in seiner Leningrader Sinfonie das Horror-Crescendo eines Invasionskriegs entwickelt.

Franziska Walser zieht uns ganz unprätentiös, ohne bedeutungsvoll vibrierende Pausen in Winnies Gutlaunigkeit hinein, die uns – angesichts ihrer aussichtslosen Lage – wie bittere Ironie vorkommen muss. Walsers Winnie überplaudert die Angst, während auf dem Weltall-Video hinter ihr Autos, Uhren und riesige Meteoriten geisterhaft langsam durch den Kosmos purzeln. Egal, Winnie sieht es – „trotz allem“ – positiv: „keine Verbesserung, keine Verschlimmerung, keine Veränderung“. Und wie zur Bekräftigung lässt Petras Rock 'n' Roll durchs All schallen: „Looking for some happiness“.

Winnies Gatte Willie? Der ist bei Peer Musinowski zu einem fast sprachlosen, verwirrten, halbnackten Homunculus verkommen. Erst am Ende, als ihr der Müll schon bis zum Halse reicht, verwandelt er sich in einen exotischen Prinzen in weißem Anzug mit glitzerndem, diademartigen Kopfschmuck. Ein wahrlich „glücklicher Tag“ für Winnie.

Petras verlegt das Untergangs-Szenario in eine surreale Sphäre, in ein zeitloses Universum. Die Tragikomik des Stücks gewinnt so, auch durch Franziska Walsers leichte, klare Präsenz, etwas Traumhaftes, Spielerisches. Etwas Schwereloses. Langer Beifall. Otto Paul Burkhardt

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06.03.2017, 06:00 Uhr
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