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Gestank statt Hochwasser

Umstrittenes Deichsystem an der Newa-Mündung bei Petersburg ist fertig

Seit den 70er Jahren wurde gebaut, gestern wurde das Deichsystem eröffnet, das Petersburg vor Hochwasser schützen soll. Umweltschützer haben Bedenken, die Newa-Mündung beginnt bereits zu stinken.

13.08.2011
  • STEFAN SCHOLL

Petersburg Gestern wurde in Petersburg ein Deich- und Schleusensystem eingeweiht, das eine 25,4 Kilometer lange Umgehungsautobahn quer durch den Finnischen Meerbusen trägt. Premierminister Wladimir Putin eröffnete das letzte Stück der Autobahn, einen zwei Kilometer langen Tunnel, unter einer Schifffahrtsschleuse. "Als ich 2005 hier war, hatte ich das Gefühl, dass es nicht möglich ist, den Bau neu zu beginnen", sagte Putin über das Deichsystem, das in Russland als Jahrhundertwerk gefeiert wird. "Alles sah wie eine Müllkippe aus."

Offiziell wird das Ganze "Schutzanlagenkomplex" genannt, vom Volksmund schlicht "Damba" - zu deutsch Deich. In die Anlage wurden seit 1979 insgesamt fast vier Milliarden Euro gesteckt. Schon 2010 hatte der russische Rechnungshof ermittelt, dass allein zwischen 2004 und 2009 die geplanten Ausgaben von umgerechnet etwa 1,3 Milliarden Euro um mehr als 60 Prozent überschritten wurden. Er monierte auch zahlreiche technische Abweichungen von den Bauplänen.

Es bleibt abzuwarten, ob sie künftig die Funktion des Deichsystems beeinträchtigen. Es besteht aus elf Schutzdämmen, sechs Wasserventilschleusen, sowie zwei Schifffahrtsschleusen. Sie sollen Petersburg, mit 4,9 Millionen Einwohnern die größte Hafenstadt Europas, vor bis zu fünf Meter Hochwasser bewahren. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Ria Nowosti hat die Damba schon im vergangenen Oktober eine Flut von 1,80 Meter im Finnischen Meerbusen auf 20 Zentimeter im städtischen Newa-Delta gesenkt.

Seit seiner Gründung wird das "Venedig des Nordens", dessen Stadtzentrum gerade drei Meter über dem Meeresspiegel liegt, immer wieder überflutet. Vor allem, wenn der Wind Meerwasser aus dem Finnischen Meerbusen in das Newa-Delta drückt und den Fluss so staut, werden ganze Uferviertel überflutet. Und das häuft sich. 25 Prozent aller Hochwasser, die in der Stadt in 300 Jahren registriert wurden, fanden in den vergangenen 15 Jahren statt.

In den 70er Jahren wurde neben dem heute eingeweihten Bausystem eine andere Variante diskutiert. Es sah vor, die Ufer der Newa-Mündung auf 3,2 Meter aufzuschütten und durch Deiche zu befestigen. Das wäre billiger gewesen und hätte die natürlichen Wasserbewegungen im Delta nicht beeinträchtigt. Schon damals befürchteten Ökologen, die Damba werde den Finnischen Meerbusen in eine riesige Kloake verwandeln.

Aber der ehrgeizige Leningrader Parteisekretär Grigori Romanow entschied sich gegen diese Einwände: "Wenn die Mündung anfängt zu stinken, schütten wir sie einfach zu." Die Damba wurde 1979 in Angriff genommen, allerdings protestierten die Umweltschützer weiter. Und Pessimisten warnten schon damals lautstark, dass die 29 Zentimeter, die die Deichkronen über dem Hochwasser von 1924 liegen, künftige Überschwemmungskatastrophen nicht verhindern würden. 1987, damals war das System bereits zu 70 Prozent fertiggestellt, hatten diese Argumente einen Baustopp zur Folge. Dieser wurde erst 2001, unter Wladimir Putin, aufgehoben.

Umweltschützer sehen die Befürchtungen der Sowjetzeit bestätigt: "Der Deich, die Abwässer, die die Newa in die See trägt, sowie der Bau zahlreicher künstlicher Halbinseln belasten das ökologische Gleichgewicht des Meerbusens enorm", sagte der Petersburger Greenpeace-Vorsitzende Dmitri Artamanow. Das Deichsystem wirke wie eine Mauer, die verhindere, dass sich das Ökosystem der Newa-Mündung selbst reinige. Und schon beschweren sich Datschen-Bewohner über veralgende und übel riechende Strandgewässer.

Umstrittenes Deichsystem an der Newa-Mündung bei Petersburg ist fertig
Teil des gestern eröffneten Deichsystems, das Petersburg vor Hochwasser schützen soll: Sturmflutwehr am Schiffsdurchlass. Foto: dpa

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13.08.2011, 12:00 Uhr
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