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Ein Mössinger auf Mahnwache

Ulrich Sommer macht immer wieder „Dienst“ am Hauptbahnhof

Die letzten Mahnwächter am Nordausgang des Hauptbahnhofs: Einer von ihnen kommt aus Mössingen. Ulrich Sommer, 71. Am Mittwoch haben wir bei ihm vorbeigeschaut.

09.03.2012

Von Ernst Bauer

Stuttgart. Das Zelt steht immer noch, scheinbar unerschütterlich, so wie jene, die darin die Glut und die Wut auf die da draußen im Park und am Südflügel des Bahnhofs am Kochen halten. Die letzten K 21-Mohikaner? Von wegen. „Bei der Montagsdemo werden es wieder mehr“, meint einer, der mit an der Mahnwache steht und auf den grünen Regierungschef flucht: „Jetzt hoffen wir bloß, dass unser Weihbischof, den wir zum Ministerpräsidenten gewählt haben, ein bisschen Rückgrat zeigt.“

Ulrich Sommer verteilt Flugblätter. „Die Esslinger“, S 21-Gegner wie er, haben einen neuen „Tunnel-Blick“ herausgebracht, mit großem Stuttgart 21-Preisrätsel: „Finden Sie die 248 Unterschiede“ – vor der großen Abholzaktion und danach. Manche der S 21-Gegner möchten gar nicht mehr rübergehen, hinsehen, aber auch viele Bürger/innen, die an der Baustelle vorbeikommen, sind entsetzt: Der Schlossgarten wurde innerhalb von wenigen Tagen dem Erdboden gleichgemacht, 186 Bäume wurden gefällt, 62 verpflanzt.

Die Protestbewegung gegen das Bahnhofs-Großprojekt, die nach der Volksabstimmung kurz selber am Boden schien, hat offenbar neue Kräfte aus dem Wüten der Bagger und Baulöwen geschöpft, den gewaltigen Abriss- und Abholzaktionen der Bahn. Der Bauzaun ist wieder mit zahllosen kleinen Postern, Buttons, Sprüchen und Bildern bestückt – die erste Ausgabe dieser Form von Bürger-Protestkunst ist ja bereits ins Haus der Geschichte eingegangen. Das kleine Zelt am Abgang zum Arnulf-Klett-Platz – Sommer: „Wir sind jetzt hier nur noch geduldet“ – scheint allen Stürmen zu trotzen. „40 Prozent, die dagegen sind, sind auch heute noch dagegen!“, erklärt einer der immer noch Aktiven. Wegen der verlorenen Volksabstimmung sei die Kritik an diesem Wahnsinnsprojekt ja nicht hinfällig geworden.

18 Uhr. „Ich fange jetzt meinen Dienst an“, sagt Ulrich Sommer. „Wenn es geht, sind wir drei Leute.“ Kaum zu glauben: Seit Juli 2010 ist die Mahnwache rund um die Uhr besetzt, 24 Stunden, auch nachts und an Feiertagen. „Seit September 2010 bin ich dabei.“ Mindestens 50 Mal ist der Rentner aus Mössingen schon an dem Informationsstand der S 21-Gegner gestanden, hat mit unzähligen Leuten diskutiert, selber Einiges an Protest zu hören bekommen – wie jetzt am Mittwoch von einem „Künstler“: „Träumt ihr immer noch von K 21?“, fängt der plötzlich an zu brüllen. „Der ganze Südflügel ist zerstört!“

Sommer bleibt gelassen, lächelt: „Wir haben hier auch schon schön gesungen“, erzählt er, „aber irgendwie ist einem die Lust vergangen, im Moment.“ Zuhause in Belsen, wo der langjährige Bausparkassen-Mann, aus Korntal kommend, 1974 sein Häusle gebaut hat, ist Sommer Vorsitzender des Liederkranzes. „Ich habe mich noch nie so warm angezogen wie für diesen Dienst hier“, meint er vieldeutig.

Eher zufällig stieß er vor zwei Jahren dazu, nachdem er selbst ein paar Flugblätter in die Hand gedrückt bekommen hatte: „Ich habe dann alles abgefahren mit dem Rad, war bei zwei Demos – da ist gerade der Nordflügel abgerissen worden.“ Sommer hat sich gesagt: „Das darf doch nicht wahr sein!“ Für ihn war klar: „Da machsch mit!“

„Aus eigenem Antrieb heraus“ war Sommer „hier tätig“, schon bevor in Mössingen die überaus aktive Gruppe der K 21-Streiter auf den Plan trat. Klar, sagt Sommer: „Wir überzeugen hier keinen mehr!“ Gleichwohl sei es wichtig, dass die Mahnwache nach wie vor am Bahnhof steht: „Es ist jetzt mehr ein Ort der Bestätigung, der Informationsweitergabe und auch der Identifikation für solche, die sich schlecht fühlen.“

Noch immer schauen viele Reisende am Stand vorbei, ob aus Berlin, Hannover oder Erfurt – von „überall voller Bewunderung“. Und dann geht es Sommer und seinen Mitstreitern, die aus allen Bevölkerungsschichten kommen – auch ein Feuerwehrmann ist dabei, man hat ein fast familiäres Verhältnis entwickelt –, schon wieder besser. Unversehens fängt der Belsener Liederkränzler am Nordausgang des Bahnhofs an zu singen: „Stuttgart Schiefbahnhof, alles aussteigen“, ein Protestlied von Thomas Felder.

Ulrich Sommer (rechts) verteilt Flugblätter. Am Mittwoch hatte er wieder Mahnwache in Stuttgart. Das kleine Zelt ist immer noch Tag und Nacht besetzt. Bild: Grohe

„Das Projekt ist durch die Volksabstimmung nicht besser geworden“, sagen die S21-Gegner an der Mahnwache beim Hauptbahnhof. Nach wie vor gibt es zahlreiche Protestaktionen, so am Samstag, 13.30 Uhr, einen Trauerzug vom Schlossplatz zum Schlossgarten, an dem sich die Aktionsgruppe vom Steinlachtal mit selber gefertigten Holzkreuzen beteiligen will.

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Erstellt:
9. März 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
9. März 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. März 2012, 12:00 Uhr

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