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Perlen im Grab

Überraschende Funde in der Sülchenkirche bei Rottenburg

Nach Grabungen in der Sülchenkirche bei Rottenburg können Archäologen dort eine ununterbrochene christliche Bestattungstradition seit dem Frühmittelalter nachweisen. Das ist landesweit einmalig.

29.08.2015

Von Madeleine Wegner

Nur wenige hundert Meter vor der Bischofsstadt Rottenburg liegt die heutige Friedhofskapelle Sülchenkirche. Täglich kommen Menschen hierher, um das Andenken an ihre Angehörigen und deren Gräber zu pflegen. Das Besondere an diesem Ort ist jedoch: Die christliche Bestattungstradition reicht ununterbrochen bis in das 6. Jahrhundert zurück – bis in die Merowingerzeit also, dem Beginn der Christianisierung der Alamannen.

Die Wüstung Sülchen sorgte in den vergangenen Jahren für viele Überraschungen: Immer wieder fanden Archäologen bei Sicherungsgrabungen neue Hinweise auf die weit zurück reichende Geschichte der ehemaligen Siedlung und der Kirche. Das haben auch die jüngsten Grabungen bestätigt. Seit über zwei Jahren wird die Sülchenkirche komplett untersucht. Und das, weil der Platz in der 1868 gebauten Bischofsgruft zu knapp wurde: Die Gruft sollte im Jahr 2012 erweitert werden, doch bei den Bauarbeiten entdeckte man eine Apsis unter dem Chor. Das war der Startschuss für den erneuten Einsatz der Archäologen. Sie fanden Reste einer Drei-Apsiden-Kirche. „Das hat uns sehr überrascht“, sagt Tilmann Marstaller. Er ist Experte für historische Bauforschung am Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Tübingen. Bei dem Vorgängerbau muss es sich laut Marstaller somit um eine sehr bedeutende vorromanische Kirche gehandelt haben.

Die Pfeilerbasilika datieren die Forscher auf das 9. Jahrhundert. Mit ihrem drei-schiffigen Chor hatte sie ähnliche Ausmaße wie der heutige Bau. Doch die Grabungen führten noch weiter zurück in die Geschichte der Sülchenkirche. Die Wissenschaftler fanden Spuren einer frühmittelalterlich-karolingischen Steinkirche aus der Zeit um 750 sowie mögliche Hinweise auf eine noch ältere Holzkirche.

Für eine noch größere Überraschung sorgten weitere Funde tief unterhalb des heutigen Kirchenbodens: Hier entdeckten die Archäologen Gräber, darunter rund 50 aus der Merowingerzeit. In dem Grab eines Mädchens um das Jahr 600 fanden die Forscher ein bronzenes Radkreuz, das ihnen Rätsel aufgibt: Möglicherweise lässt es sich bereits für diese Zeit als christliches Symbol deuten. Außerdem bargen sie in den Gräbern unter anderem eine Schale aus Bronze, Schmuckperlen und eine Gürtelschnalle, auf der ein Tier abgebildet ist. Nördlich des Chors, in der Nähe des Altars, wurden spätestens ab 750 nach Christus Kinder bestattet. Insgesamt haben die Wissenschaftler über 270 Gräber erfasst. Sie bezeugen die ununterbrochene christliche Bestattungstradition.

Zudem geben sie Hinweise auf die Baugeschichte der Sülchenkirche: Radiokarbondatierungen der Gräber direkt am Fundament haben ergeben, dass die vorromanische Vorgängerkirche spätestens im frühen 11. Jahrhundert bestanden haben muss. Aus den Jahren zwischen 995 und 1030 stammt ein weiterer außergewöhnlicher Fund: eine Gussgrube für eine Glocke mit einem Durchmesser von 90 Zentimetern. Sie zählt europaweit zu den ältesten dieser Art und ist eine der größten Glockengussgruben.

Lange Zeit war nicht klar, wann die heutige Kirche tatsächlich erbaut wurde. „Die Baugeschichte der Sülchenkirche wurde vorher nur oberflächlich, aber nie richtig untersucht“, sagt Marstaller. Anhand der Jahresringe der Holzbalken im Dachstuhl lässt sich der Erbauungszeitraum jedoch eingrenzen. Denn sie zeigen, wann die Bäume gefällt wurden. Mithilfe dieses sogenannten dendrochronologischen Verfahrens stellte sich heraus: Das Eichenholz, das fest im Mauerwerk verankert ist, stammt aus der Sommerfällung des Jahres 1447. Der Turm wurde erst einige Jahre später, 1451 und 1452, gebaut.

Mit ihrer langen und vielfältigen Baugeschichte seit dem Frühmittelalter nimmt die dem Heiligen Martin geweihte Kirche eine herausragende Stellung unter den Kirchenbauten in Südwestdeutschland ein. Die außergewöhnliche Geschichte der Sülchenkirche soll vor Ort für Besucher greifbar werden: Geplant ist deshalb, den Chorraum der Unterkirche museumspädagogisch zu gestalten.

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Erstellt:
29. August 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
29. August 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. August 2015, 12:00 Uhr

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