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Über den Reiz des Neubeginns
„Sie ist doch ziemlich anders als ich“: Ulrike Krumbiegel als Annebärbel. Foto: Flare Film/Kolja Raschke
Schauspielerin Ulrike Krumbiegel

Über den Reiz des Neubeginns

Immer wieder anzufangen, sei ein Teil ihres Berufes, sagt Ulrike Krumbiegel. In ihrem aktuellen Kinofilm überzeugt die Schauspielerin auf Schlittschuhen.

13.01.2018
  • STEPHANIE LUBASCH

Berlin. Zart – ist meist das Erste, was man denkt, wenn man Ulrike Krumbiegel sieht. Was für eine zarte Person. Es gab Jahre, da hat man sie vor der Kamera auf diesen Typ festgelegt, hat sie zierliche, stille Frauen spielen lassen, naiv oder duldsam in der zweiten Reihe. Ihre Bandbreite jedoch ist schon immer größer gewesen. Zuletzt war es ein RBB-„Polizeiruf“, mit dem die 56-Jährige im Mai Aufsehen erregte: In „Muttertag“ spielte sie eine alleinerziehende Putzfrau, deren einziger Sohn unter Mordverdacht steht. Schwankend zwischen Verzweiflung und Hoffnung, kämpferisch, bedingungslos liebend. Eine Rolle, für die ein Kritiker ihr am liebsten den Grimme-Preis zugesprochen hätte.

Für Schauspieler, noch dazu wenn sie über 50 sind und weiblich, gibt es auch im deutschen Film und Fernsehen nicht mehr viele solcher Rollen. Krumbiegel weiß das. Und freut sich umso mehr darüber, dass sie im Kino dieser Tage gleich noch einmal nachlegen kann. „Die Anfängerin“ heißt das Spielfilmdebüt der Dokumentarfilmerin Alexandra Sell über eine Frau, die sich in der Mitte des Lebens neu erfinden muss. „So eine Hauptrolle für eine Frau mit Mitte Fünfzig – das ist nicht alltäglich“, sagt Krumbiegel. „Ein Arbeitsjahr so anfangen zu können, das war schon toll.“

Annebärbel, die Frau, die sie spielt, ist Ärztin – und wie zu Eis erstarrt. Für ihre Patienten hegt sie kaum Mitgefühl, die Anwesenheit ihres Mannes scheint sie bloß zu dulden. Als er sie verlässt, wirft es sie dennoch aus der Bahn. Bis sie durch Zufall in die Eislaufhalle des Olympiastützpunktes Berlin gerät. Was Annebärbel als Kind begeistert hat, wird für sie nun zur neuen Lebensaufgabe . . .

„Das Eislaufen war für mich tatsächlich ein anziehender Punkt“, erinnert sich Krumbiegel an ihren ersten Eindruck beim Lesen des Drehbuches. Schon beim Casting habe sie in die Halle gemusst, bei den Dreharbeiten mit einer Trainerin unter anderem die im Film gezeigte finale Kür erarbeitet. „Das war so schön. Aber auch unheimlich anstrengend. Vorwärts- und rückwärtsfahren, übersetzen – das konnte ich. Aber wir haben auch Elemente eingeübt. Die Szene, in der mir das Publikum am Ende applaudiert, das war echt ergreifend.“

Eigentlich sei sie nie ein „Eislaufmädchen“ gewesen: „Obwohl auch ich auf die Spritzeisbahn gegangen bin und von Schlittschuhen geträumt habe. Meine Oma hat mir dann welche gekauft.“ Und natürlich, sagt Krumbiegel, habe auch sie die starke ostdeutsche Begeisterung für den Eiskunstlauf geteilt. „Vierschanzen-Tournee und Eiskunstlaufen, das war im Fernsehen Pflichtprogramm. Knut Schubert, Kati Witt – ich kannte die alle.“

So wie Annebärbel, deren nie zufriedene Mutter (gespielt von Annekathrin Bürger) die Eislaufkarriere ihrer Tochter kaltblütig beendet, indem sie deren Schlittschuhe an die in ihren Augen talentiertere Christine Stüber-Errath weitergibt. Die Episode, die dafür sorgt, dass auch die Welt- und Europameisterin ihren Auftritt im Film hat, ist erfunden, doch erzählt sie Einiges darüber, wann Annebärbels innere Unfreiheit ihren Anfang genommen hat.

„Diese Frau ist unfroh, wie verpanzert“, sagt Ulrike Krumbiegel. Einen „so unangenehmen Menschen“ zu spielen, das sei schon schwierig gewesen. „Man will als Schauspieler ja auch geliebt werden. Und Annebärbel ist doch ziemlich anders als ich.“ Heide Schwochow, für die dramaturgische Beratung zuständig, habe sie am Ende gelobt: „Sie meinte: So eine missmutige Figur zu spielen und dabeizubleiben – das erfordere eine Art von Tapferkeit.“

Ob es möglich ist, in einem Alter wie Annebärbel etwas ganz Neues auszuprobieren – die Frage stellt sich Krumbiegel nicht. Das, sagt sie, hänge vielleicht auch mit ihrer Arbeit zusammen. „Natürlich kennt man die technischen Abläufe, aber jeder Film ist anders. Und ich mag auch lieber die Rollen, die ich noch nicht gespielt habe. Dass man immer wieder anfängt: Das ist ja ein Teil des Zaubers dieses Berufes.“

Erlernt hat Krumbiegel ihn an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, nachdem sie als 15-Jährige bei der Laienspielgruppe der Berliner Volksbühne angeheuert hatte. Schon damals sei ihr Berufswunsch klar gewesen, auch wenn sie nicht gewusst habe, „wie hart er ist“: „Wie Schauspielerei öffentlich dargestellt wird, ist von der Realität ja weit entfernt.“

Ihr Filmdebüt fiel noch in ihre Studienzeit, als Kellnerlehrling Anja in Bodo Fürneisens „Komm mit mir nach Chicago“ (1981). Sie arbeitete mit Regisseuren wie Andreas Dresen, Roland Gräf und Frank Beyer zusammen, mit Kollegen wie Katrin Saß, Ulrich Mühe, Jörg Schüttauf und Corinna Harfouch. Für die ARD unterstützte sie zehn Jahre lang Dieter Pfaff in den Kriminalfällen des Psychotherapeuten Dr. Maximilian Bloch.

Und sie spielte Theater – 15 Jahre lang zum Beispiel als festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater in Berlin. Kleist, Shakespeare, Gorki, Goethe, mit Regisseuren wie Friedo Solter, Frank Castorf und Thomas Langhoff.

Vordergründig trauert Krumbiegel der Bühne nicht nach. Sie würde schon mal wieder auftreten, an „ausgewählten Häusern“. Allerdings: „Für das Theater muss man auch viel opfern. Das ist wie Hochleistungssport.“

Ob der Spaß am wiederentdeckten Eislaufen ihr nun bleiben wird? Ulrike Krumbiegel lächelt – und verrät nur so viel: „Die Schlittschuhe habe ich nach dem Dreh geschenkt bekommen.“

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13.01.2018, 06:00 Uhr
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