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UN-Sonderbotschafterin will Gerechtigkeit und keine Rache
Nadia Murad ist UN-Sonderbotschafterin. Foto: Franziska Kraufmann/Archiv dpa/lsw
Stuttgart

UN-Sonderbotschafterin will Gerechtigkeit und keine Rache

Fast drei Jahre nach der Ankunft der ersten traumatisierten jesidischen Frauen in Baden-Württemberg sind die meisten der IS-Opfer noch im Land.

02.09.2017
  • dpa/lsw

Stuttgart. Nur ganz wenige - nicht einmal ein Dutzend - hätten Deutschland verlassen, teilte das Staatsministerium in Stuttgart auf Anfrage mit. Die anfangs kalkulierten Mittel seien bei weitem nicht ausgeschöpft worden. So sei mit 39 Millionen Euro nicht einmal die Hälfte der veranschlagten 80 Millionen Euro auf drei Jahre verwendet worden. Grund: Viele Frauen waren nach Angaben des Ministeriums noch nicht so weit, teure Einzeltherapien wahrzunehmen. Sie bevorzugten günstigere niederschwellige Gruppenangebote. Auf die im Zuge des Schutzprogramms angebotenen therapeutischen Behandlungen und die Gesundheitsversorgung haben die Frauen zunächst weiter Anspruch.

Die vorwiegend jesidischen IS-Opfer und ihre Kinder - insgesamt 1000 Menschen - kamen auf Initiative von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) zwischen 2015 und Anfang 2016 nach Baden-Württemberg. Sie wurden über die Genfer Flüchtlingskonvention aufgenommen. Heute leben sie in 23 Aufnahmegemeinden. Im Südwesten leben nach Angaben eines jesidischen Nachrichtenportals höchstens 10 000 Jesiden. Besonders hoch ist ihre Zahl in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

Das Land greift auch der UN-Sonderbotschafterin Nadia Murad unter die Arme, die den Opfern Gesicht und Stimme gibt. Nadia Murad, die neben ihrem zerstörten Dorf auch Baden-Württemberg als ihre Heimat ansieht, will die Sklavenhalter des IS vor Gericht bringen - sieht sich aber großen Hindernissen gegenüber. „Ich will nicht Rache, sondern Gerechtigkeit“, sagt die junge Frau, die seit einem knappen Jahr den offiziellen Titel der Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel trägt. Das gestalte sich aber sehr schwierig, obwohl immer mehr Opfer über ihr Martyrium aussagen. „Das Problem lag bislang bei der irakischen Regierung, die den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu Ermittlungen auffordern müsste.“

Hayrî Demir, Experte einer jesidischen Nachrichtenplattform, sieht allerdings aktuell Bewegung, die er auf das Engagement von Nadia Murad und ihrer prominenten Mitstreiterin, der Menschenrechtsanwältin Amal Clooney, zurückführt. Jüngst habe die irakische Regierung einen Brief an die UN geschickt mit dem Wunsch, Ermittlungen gegen IS-Täter aufzunehmen. Demir vermutet, dass die Regierung zudem eine territoriale Begrenzung auf die Region Shingal beantragt.

Ein solches auf jesidisches Siedlungsgebiet beschränkte Sondertribunal schlösse aus, dass Vergehen der irakischen Streitkräfte in anderen Teilen des Landes verfolgt würden, erläutert Demir. In Shingal seien die Streitkräfte nicht aktiv gewesen. „Es geht darum, dass den Opfern Gerechtigkeit widerfährt, aber auch generell darum, dass solche Verbrechen nicht ohne Konsequenzen bleiben.“ Bislang sei noch kein IS-Terrorist wegen Völkermordes verurteilt worden.

Und die Qual der Frauen geht weiter. Zwar habe sich die Zahl der IS-Gefangenen infolge des Machtverlustes der Terrormiliz verringert, aber es seien immer noch fast 3000, wie Nadia Murad berichtet. Ende 2016 waren es noch 3200. Im Jahr 2014 waren nach Auskunft des Experten Demir noch etwa 7000 Frauen in den Händen des IS. Die 24-Jährige ist von einer Horrorvorstellung getrieben: „Es darf nie passieren, dass Täter sich die Bärte abschneiden und so durch die Straßen laufen, als gäbe es die Verbrechen an den jesidischen Frauen nicht.“

Sie selbst wurde zum Opfer des IS im August 2014: Bei einem Überfall des IS auf ihr Dorf wurde sie verschleppt und anschließend in die Sklaverei verkauft. Sie konnte entkommen und meldete sich in einem Flüchtlingskamp im Nordirak für das Projekt der baden-württembergischen Landesregierung an.

Der schwindende Einfluss des IS ermöglicht Sklavinnen freizukommen - aber die Terroristen schlagen auch daraus noch Profit, weiß Murad. „Die Frauen werden zu horrenden Preisen an ihre Familien zurückverkauft.“ So sei eine Schwägerin und deren Kind für 17 500 Dollar aus der Gefangenschaft freigekommen. Ein Schwager habe das Geld zusammengekratzt. Sie hoffe, dass die Angehörigen über ein Programm wie es jetzt auch Brandenburg plant nach Deutschland kommen. Das Angebot, ihre seelischen Verletzungen infolge monatelanger IS-Gefangenschaft professionell behandeln zu lassen, hat sie noch nicht angenommen. Sie sucht Entlastung in der Arbeit: „Meine Tätigkeit ist meine Therapie.“

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02.09.2017, 14:21 Uhr | geändert: 02.09.2017, 11:13 Uhr
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