Neue Heimat "Almanya"

Türkische Einwanderer haben die Republik mitgeprägt

Zeitlich begrenzt sollten türkische Gastarbeiter nach Deutschland kommen. Es kam anders. Heute - 50 Jahre später - suchen gerade diejenigen wieder in der Türkei ihr Glück, die es in Deutschland geschafft haben.

26.10.2011

Von GERD HÖHLER

Es wird eine emotionale Reise in die Vergangenheit: Heute wird der Sonderzug aus dem historischen Istanbuler Bahnhof Sirkeci rollen. Das Ziel der Eisenbahnfahrt ist München. Dort soll der Zug am Sonntag eintreffen - dem 50. Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch-türkischen Abkommens über die Anwerbung türkischer Arbeitskräfte. In den acht Waggons werden auch etwa 40 Zeitzeugen reisen, die auf diesen Schienen schon in den 1960er Jahren nach Deutschland fuhren - Gastarbeiter der ersten Generation. Veranstalter der Zeitreise ist das türkische Staatsfernsehen TRT, das die nostalgische Zugfahrt dokumentieren will.

Das "Abkommen zur zeitlich begrenzten Anwerbung von Arbeitskräften", das die Bundesrepublik Deutschland und die Türkische Republik am 30. Oktober 1961 in Bad Godesberg unterzeichneten, war der offizielle Beginn der türkischen Einwanderung nach Deutschland. Aber eigentlich begann diese Geschichte schon vier Jahre zuvor. 1957 flog der damalige Bundespräsident Theodor Heuss zum Staatsbesuch nach Ankara. Er machte das Angebot, junge türkische Lehrlinge nach Deutschland einzuladen. 150 kamen, viele von ihnen zu Ford nach Köln, wo einige bis ins Rentenalter blieben. Ältere Ford-Manager erinnern sich noch heute dankbar an die fleißigen "Heuss-Türken".

Die Initiative zu dem Anwerbeabkommen ging von der Türkei aus. Die Regierung in Ankara hatte großes Interesse daran, Menschen auf Zeit nach Deutschland zu schicken. Man hoffte, so Arbeitslosigkeit und Armut in der Türkei zu mildern - und erwartete, dass die Überweisungen der Gastarbeiter das Bilanzdefizit der Türkei im Handel mit Deutschland zumindest teilweise würden ausgleichen können. Die Bundesregierung zögerte zunächst, auch wegen der großen kulturellen und religiösen Distanz zur Türkei. Dass Bonn schließlich doch ein Abkommen mit Ankara aushandelte, hatte auch geostrategische Gründe: Die Türkei sollte im Kalten Krieg an den Westen gebunden werden.

1961 richtete die deutsche Arbeitsverwaltung in Istanbul die Deutsche Verbindungsstelle ein, um die Anwerbung in geordnete Bahnen zu lenken. Eine Arbeit in Deutschland zu finden: Das war damals für Türken nicht einfach. Allerlei Nachweise mussten erbracht werden. Analphabeten etwa, von denen es in den 60er Jahren in der Türkei noch viele gab, wurden abgelehnt. Als besonders entwürdigend, so berichten Zeitzeugen, empfanden viele Bewerber die in Istanbul durchgeführten medizinischen Untersuchungen durch deutsche Ärzte, vor denen man sich splitternackt ausziehen musste. In "Almanya" angekommen, fühlten sich die Türken in eine völlig fremde Umgebung versetzt: eine andere Sprache, andere Sitten, andere Religionen und Werte - viele Türken reagierten darauf mit Abkapselung und Rückzug in das ethnische Ghetto. In den 60er Jahren wurde den Reisenden vor der Abfahrt von den türkischen Behörden aufgegeben, sie sollten dort "Türkentum und Nationalgefühl hochhalten, nicht auf schädliche Propaganda hereinfallen und solcher kein Gehör schenken".

Das ist bis heute ein brisantes Thema geblieben. Die Bekenntnisse von Ministerpräsident Tayyip Erdogan zur Integration klingen oft halbherzig. Er will die Deutschtürken an die Türkei binden. Wer die deutsche Staatsangehörigkeit annimmt und deshalb die türkische abgeben muss, soll jetzt mit einer "Blauen Karte" entschädigt werden. Das ist eine Art Personalausweis, der den Auswanderern in der Türkei die gleichen Rechte gibt wie türkischen Staatsangehörigen, einschließlich des Wahlrechts. So wird die doppelte Staatsangehörigkeit für Deutsch-Türken durch die Hintertür wieder eingeführt.

Heute begründet die deutsche Politik die Ablehnung der doppelten Staatsbürgerschaft mit dem Ziel der Integration. Davon wollten die Deutschen allerdings anfangs gar nichts wissen. Das ursprüngliche Anwerbeabkommen sah ausdrücklich keinen Familiennachzug vor und begrenzte den Aufenthalt auf zwei Jahre - eine Bestimmung, die später auf Druck der Industrie gestrichen wurde, die die inzwischen gut ausgebildeten Türken nicht mehr gehen lassen wollte.

Dass es nicht "Gastarbeiter" waren, die da nach Deutschland kamen, wusste schon 1966 der damalige Direktor der Deutschen Verbindungsstelle in Istanbul, Theodor Marquard. Er sagte: "Viele von ihnen werden in Deutschland Wurzeln schlagen und ihr Heimatland nur noch als Gäste besuchen." Diese Prognose hat sich bewahrheitet. 750 000 Türken kamen in den zwölf Jahren bis zum Anwerbestopp im November 1973 nach Deutschland, etwa die Hälfte von ihnen blieb. In jüngster Zeit ist die Wanderungsbilanz allerdings negativ: Mehr Türken kehren aus Deutschland in ihre Heimat zurück als von dort zuwandern. Jene, die zurückgehen, tun dies meist nicht, weil sie in Deutschland gescheitert wären. Unter den Rückkehrern sind viele, die es in Deutschland "geschafft" haben: gut ausgebildete Facharbeiter, erfolgreiche junge Manager, gestandene Akademiker. Was sie lockt, ist eine Türkei, die beim Wirtschaftswachstum in diesem Jahr an der Weltspitze liegt - noch vor China. In den 60er Jahre spielte das Wirtschaftswunder in Deutschland, jetzt in Anatolien.

Der Boom am Bosporus zieht, junge, aufstrebende Auslandstürken an, Leute wie Murat Gürsel. Der 28-Jährige ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat eine Lehre als Reisebürokaufmann gemacht. Aber in einem großen Düsseldorfer Kaufhaus Urlaubsreisen zu verkaufen, damit fühlte sich Murat auf die Dauer unterfordert. 2008, in der Finanzkrise, übersiedelte er mit einem Kumpel nach Istanbul. Dort zogen die beiden ein eigenes Reisebüro auf, das sich auf die Betreuung deutscher Individualtouristen in der Metropole am Bosporus spezialisiert hat. Der Laden läuft: Murat beschäftigt inzwischen fünf Angestellte, darunter drei Deutschtürken wie er selbst. Einfach war der Start nicht, denn Murat kam in ein Land, das er selbst nur als Urlaubsziel kannte. "Vor allem mein schlechtes Türkisch hat mir anfangs sehr zu schaffen gemacht", sagt der 28-jährige Jungunternehmer.

Manch ein materieller Traum wurde erfüllt: Hier bewundern türkische Gastarbeiterer im Ruhrgebiet 1962 das neue Auto eines Landsmannes. Die Integration in einem den Türken völlig fremden Land fiel dagegen schwerer. Foto: dpa

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Erstellt:
26. Oktober 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Oktober 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2011, 12:00 Uhr

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