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Türkei steht nach verheerendem Anschlag unter Schock - Ruf nach Rache verschärft die Lage
"Es ist schlimmer als ein Albtraum"

Türkei steht nach verheerendem Anschlag unter Schock - Ruf nach Rache verschärft die Lage

In der Türkei wehen die Flaggen auf Halbmast. Das Land steht unter Schock. Nach dem Attentat in Ankara hat die Regierung eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen. Doch schon tobt ein Streit um die Urheber.

12.10.2015
  • GERD HÖHLER

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und Regierungschef Ahmet Davutoglu riefen zur Besonnenheit und zur Solidarität auf. Doch drei Wochen vor der Parlamentswahl droht dem Land eine weitere Eskalation der Gewalt. Wie viele Menschen die beiden Selbstmordattentäter mit in den Tod rissen, als sie am Samstagmorgen um vier Minuten nach zehn inmitten einer Friedensdemonstration vor dem Bahnhof von Ankara ihre Sprengsätze zündeten, ist immer noch ungewiss. Die Regierung nannte die Zahl von 95 Toten und 246 Verletzten. Die pro-kurdische Partei HDP, die gemeinsam mit Gewerkschaften, Berufsverbänden und regierungskritischen Bürgerinitiativen zu der Friedensdemo aufgerufen hatte, bezifferte die Todesopfer auf 128. Viele Schwerverletzte kämpfen aber noch in den Kliniken um ihr Leben.

In Ankara gedachten gestern mehrere tausend Menschen der Opfer. Als die beiden Vorsitzenden der Kurden-Partei HDP, Selahattin Demirtas und Figen Yüksekdag, am Ort des Anschlags Kränze niederlegen wollten, wurden sie von der Polizei zurückgedrängt. Es hieß, die Spurensicherung am Tatort laufe noch.

Es war der folgenschwerste Terroranschlag in der jüngeren Geschichte des Landes. Die Demonstranten hatten sich am Samstagmorgen vor dem Bahnhof versammelt, um unter dem Motto "Frieden, Arbeit, Demokratie" für ein Ende der Gewalt zwischen dem türkischen Militär und der kurdischen Guerillabewegung PKK einzutreten. Fernsehbilder zeigten, wie Teilnehmer kurdische Volkstänze aufführten, als hinter ihnen die Detonation der ersten Bombe eine gewaltige Feuersäule in die Luft schießen ließ. Drei Sekunden später detonierte 20 Meter entfernt der zweite Sprengsatz. Dann sei Panik auf dem Platz ausgebrochen, berichten Augenzeugen. Viele Menschen versuchten zu fliehen, andere waren starr vor Schock.

Der Tatort bot ein Bild des Grauens. Der Platz war übersät mit zerfetzten Leichenteilen, Kleidungsstücken und Schuhen. Fernsehbilder zeigten Leichen, die notdürftig mit Flaggen und Transparenten von Demonstrationsteilnehmern bedeckt waren. Der bekannte Kolumnist Mustafa Sönmez twitterte: "Es ist schlimmer als ein Albtraum." Die Ermittler verdächtigen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Die Sprengsätze glichen jener Bombe, mit der ein Selbstmordattentäter im Juli in der Stadt Suruc 33 Menschen tötete. Der Anschlag wurde dem IS zugeschrieben. Die Zeitung "Habertürk" berichtete, der Bruder des Attentäters von Suruc könnte jetzt eine der beiden Bomben gezündet haben.

Ministerpräsident Davutoglu erklärte, das Attentat richte sich "nicht gegen eine einzelne Gruppe sondern gegen das ganze Volk, gegen die Demokratie und die demokratischen Freiheitsrechte". Davutoglu sagte, es sei bekannt, welche Terrororganisationen zu solchen Anschlägen fähig seien. Er nannte auch die kurdische PKK. Das würde bedeuten, dass die PKK gezielt ihre eigenen Leute geopfert hätte, zumal die Attentäter ihre Sprengsätze genau dort zündeten, wo sich die HDP-Delegation zur Teilnahme an der Kundgebung versammelte.

Umweltminister Veysel Eroglu präzisierte diesen Verdacht bereits: Der Anschlag sei "eine Provokation", damit sich die HDP als Opfer stilisieren könne. Die HDP, die von der Regierung als politischer Arm der PKK dargestellt wird, hatte bei der Wahl im Juni erstmals den Sprung ins Parlament geschafft. Das kostete die Regierungspartei AKP ihre absolute Mehrheit. Nachdem Koalitionsverhandlungen scheiterten, wurden die Neuwahlen am 1. November nötig.

Die Unterstellung, die HDP habe das Attentat selbst inszeniert, löste bei der Partei und ihren Anhängern Empörung aus. Der Parteivorsitzende Selahattin Demirtas machte die Regierung für den Anschlag mitverantwortlich. Es sei schwer vorstellbar, dass ein Staat, der über einen so mächtigen Geheimdienst verfüge, von den Plänen nichts gewusst habe. Teilnehmer der Demonstration berichteten, im Gegensatz zur gängigen Praxis sei die Polizei, die sonst bei jeder Versammlung mit einem Großaufgebot erscheint, bei der Kundgebung nicht in Erscheinung getreten. Erst 15 Minuten nach dem Anschlag seien Polizisten aufgetaucht - und hätten Teilnehmer, die Verletzte versorgten, mit Tränengas vertrieben. Demirtas sagte: "Das ist kein Angriff auf die Einheit unseres Landes oder dergleichen, sondern ein Angriff des Staates auf das Volk." An die Adresse der Regierung sagte Demirtas: "Ihr seid Mörder, an Euren Händen klebt Blut." Auch dieser Anschlag werde nicht aufgeklärt werden, prophezeite der HDP-Chef, wie schon im Juni ein Bombenattentat auf eine HDP-Kundgebung in Diyarbakir und im Monat darauf der Selbstmordanschlag in Suruc.

In zahlreichen türkischen Städten gab es am Wochenende Demonstrationen gegen die Regierung. In Istanbul forderten Demonstranten mit Sprechchören wie "PKK, Rache!" Vergeltung für den Anschlag. Damit kündigt sich eine weitere Eskalation der Gewalt an.

Die PKK erklärte zwar wenige Stunden nach dem Attentat, sie werde sofort alle Angriffe aussetzen - unter der Voraussetzung, dass auch der Staat "keine Angriffe gegen die kurdische Bewegung, das Volk und die Guerillakräfte ausführt". Vizepremier Yalcin Akdogan hatte allerdings bereits tags zuvor erklärt, auch bei einer einseitigen Waffenruhe der PKK werde der Staat seine Militäraktionen gegen die kurdischen Rebellen fortsetzen. Gestern flog die türkische Luftwaffe bereits neue Angriffe auf PKK-Stellungen im Nordirak.

Türkei steht nach verheerendem Anschlag unter Schock - Ruf nach Rache verschärft die Lage
Trauer um die Opfer des Anschlags: Unter den Toten befindet sich auch Korkmaz Tedik, ein Politiker der türkischen Arbeiterpartei, der hier beerdigt wird. Foto: afp

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