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Streit um Kunstschätze geht weiter

Türkei erschwert Arbeit Tübinger Archäologen

Die türkische Regierung erhöht den Druck auf deutsche Archäologen, die in Anatolien graben. Das Kulturministerium verweigerte der Universität Tübingen eine Grabungslizenz für die Ruinenstadt Troja.

20.07.2012

Von RAIMUND WEIBLE

Am Montag bricht das Tübinger Troja-Team dorthin auf, wo die Eberhard-Karls-Universität schon seit 1988 jeden Sommer arbeitet: In die berühmteste archäologische Stätte der Welt, zum Hügel Hisarlik an den Dardanellen, besser bekannt als Troja, wo Homer zufolge Achilles gegen Hektor gekämpft hat. Es steht die 25. Tübinger Kampagne an. Doch nach feiern ist den Archäologen nicht zumute. Das türkische Ministerium für Kultur und Tourismus hat das Team um Professor Ernst Pernicka lediglich mit einer Genehmigung ausgestattet, die das Restaurieren und Konservieren der bronzezeitlichen Mauern erlaubt. Die beantragte Grabungslizenz wurde verweigert.

Der Fall eignet sich dazu, die eh schon schwierigen deutsch-türkischen Beziehungen noch mehr zu belasten. Je stärker die Wirtschaft in dem Boom-Land wächst, umso selbstbewusster und stolzer verhält sich die Regierung Erdogan. Das wirkt sich insbesondere auf den Streit um Kunstschätze aus, die aus türkischem Gebiet stammen und in den Museen der westlichen Welt gezeigt werden. Auch deutsche Museen sind im Besitz herausragender Altertümer aus Anatolien.

Die Erdogan-Regierung fordert immer heftiger die Herausgabe. Besonders auffällig wurde das Vorgehen beim Streit um die 3400 Jahre alte, aber in viele Teile zerfallene Sphinx von Hattuscha, die 1915 mit einer weiteren beschädigten Löwenfigur zum Restaurieren nach Berlin gebracht worden war. Die zweite, besser erhaltene Skulptur erhielt die Türkei bereits 1924 zurück. Im Februar 2011 stellte der türkische Kulturminister Ertrugul Günay ein Ultimatum. Wenn die Rückgabe des Objekts, das im Berliner Pergamon-Museum ausgestellt war, nicht bis Juni erfolge, werde dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI) die Grabungsleitung in Bogazköy / Hattuscha, der Hauptstadt des Hethiter-Reichs, entzogen. Diesem Druck gab Kulturstaatsminister Bernd Neumann nach. Um einen Präzedenzfall zu vermeiden und das Gesicht zu wahren, verbrämte er die Rückgabe als eine "freiwillige Geste der deutsch-türkischen Freundschaft".

Neumann hat damit nur kurz den Topf vom Herd geholt. Das Verhältnis zu verbessern, ist ihm nicht gelungen. Das mussten die Leiter deutscher Grabungsprojekte in Anatolien während einer denkwürdigen Veranstaltung erfahren. Ende Mai ging bei ihnen ein Schreiben des türkischen Kulturministeriums ein. Sie wurden gebeten, sich fünf Tage später in Ankara in der Generaldirektion für Museen und Altertümer einzufinden. Dort wurden ihnen im Beisein der Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts, Friederike Fless, die Leviten gelesen. Per Power-Point-Präsentation listete ein Beamter den peinlich berührten Wissenschaftlern vermeintliche Versäumnisse bei der Restaurierung ihrer Grabungsareale auf.

Wer als ausländischer Wissenschaftler eine Grabungsgenehmigung in der Türkei erhält, ist gesetzlich dazu verpflichtet, auf eigene Kosten das Gras kurz zu halten, Gebüsch zu stutzen, Informationstafeln für die Besucher aufzustellen, Rundwege zu pflegen und Mauerwerk zu konservieren. Den Vorwurf, nachlässig gewesen zu sein, halten die Grabungsleiter für unberechtigt. Ob in Pergamon, Hattuscha, Milet, Priene oder Troja - stets hatten sich die Archäologen bemüht, die Ruinen ansehnlich zu gestalten.

Das Musterbeispiel ist Troja selbst, die Geburtsstätte der wissenschaftlichen Archäologie. Der langjährige Grabungsleiter Manfred Korfmann ließ einen Rundweg mit hölzernen Stegen bauen. Außerdem trieb er das Geld für eine aufwändige Dachkonstruktion auf, um bedrohte Befunde auf der Zitadelle zu schützen. Durch den Einsatz Korfmanns, der 2005 starb, schnellten die Besucherzahlen nach oben - von 50 000 im Jahr 1988 auf 500 000 in den letzten Jahren. Die Einnahmen fließen grundsätzlich in die staatlichen Kassen. Die ausländischen Archäologen müssen sogar das Wachpersonal finanzieren.

Unter den Ausgräbern, die in den vergangenen 150 Jahren auf dem Gebiet der heutigen Türkei arbeiteten, befanden sich gewiss einige schwarze Schafe, wie etwa Heinrich Schliemann, der den sogenannten Schatz des Priamos aus dem damals von den Osmanen beherrschten Land schmuggelte und dem deutschen Volk schenkte - seit 1945 ist er als russische Kriegsbeute im Moskauer Puschkin-Museum. Aber im großen Ganzen hat sich das Wirken der deutschen Wissenschaftler positiv auf die Erforschung und den Erhalt der Altertümer in der Türkei ausgewirkt. Der im gleichnamigen Berliner Museum aufbewahrte Pergamon-Altar, den die Türkei beharrlich zurückfordert, wäre nicht mehr existent, wenn ihn nicht Carl Humann vor der Zerstörung geschützt hätte. Und ohne die archäologische Arbeit wäre die Geschichte Anatoliens nicht so gut dokumentiert.

Doch die türkischen Regierungsvertreter haben ihre eigene Wahrnehmung. Die Verantwortlichen - diesen Eindruck vermitteln sie - blenden das Positive aus und sehen nur das Negative, wie etwa das merkwürdige Verschwinden einer noch nicht ganz freigelegten Statue auf der Grabung von Göbeklitepe in der Südosttürkei, der ältesten Tempelanlage der Menschheit. Dafür wurde Grabungsleiter Klaus Schmidt, der das Steinzeit-Monument entdeckt hat und seit 1995 erforscht, verantwortlich gemacht.

Weshalb sie sich dies gefallen lassen müssen, erfuhren die Archäologen bei der Tagung im Mai in Ankara aus dem Mund eines hohen Beamten. Er verlangte von ihnen, auf deutsche Museen dahingehend einzuwirken, dass sie Kunstschätze herausgeben. Damit war klar, wozu die Schikanen dienen sollen.

Die nationalistischen Tendenzen in der Türkei nehmen zu, und dem früher gegenüber fremden Wissenschaftlern so aufgeschlossenen Land widerstrebt die Anwesenheit auswärtiger Archäologen. Schritt für Schritt bemüht sich die Regierung, diese gegen einheimische Experten auszutauschen. So ist das im vergangenen Jahr im phrygischen Aizanoi geschehen, wo das DAI Jahrzehnte geforscht hatte.

Nach Informationen der SÜDWEST PRESSE ist auch anderen deutschen Ausgräbern eine Grabungslizenz verweigert worden. Zuletzt war fast ein Dutzend deutsche Archäologen in der Türkei tätig. Nach Angaben einer Sprecherin des Auswärtigen Amtes wurden für die DAI-Grabungen die Lizenzen für 2012 erteilt. Wie die Türkei mit Archäologen anderer Institutionen umgegangen sei, darauf ging die Sprecherin nicht ein.

Auch die DAI-Filiale in Istanbul hält sich mit Informationen bedeckt. "Ich äußere mich nicht zu den Problemen mit der Türkei", sagte Geschäftsstellenleiter Felix Pirson, der sich im vergangenen Jahr noch empört über die türkischen Zumutungen geäußert hatte. Offenbar will man vermeiden, dass sich durch eine offene Informationspolitik die Situation zuspitzt.

Grabungen in Troja: Seit Jahrzehnten werden die Ruinen von Tübinger Wissenschaftlern erforscht. Dieses Bild zeigt Mitglieder des Grabungsteams im Jahr 1997. Jetzt steht die 25. Kampagne an - aber ohne Grabungslizenz.

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Erstellt:
20. Juli 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Juli 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Juli 2012, 12:00 Uhr

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