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Tübinger Verein will Studenten aus Kriegsregion riskante Flucht ersparen
Shadia Tarrak kam aus Damaskus nach Tübingen. Foto: Shadia Tarrak kam aus Damaskus nach Tübingen. dpa
Paten für eine Perspektive

Tübinger Verein will Studenten aus Kriegsregion riskante Flucht ersparen

Viele junge Syrer flüchten unter großen Gefahren. Ein Tübinger Verein will ihnen einen sicheren Weg ebnen – mit Spendengeld, Engagement und viel Zeit.

22.08.2016
  • LSW

Tübingen. Shadia Tarrak sitzt auf der Terrasse ihrer Gastfamilie in Tübingen, blickt in den Garten mit den Obstbäumen – nur das Quietschen einer Schaukel von nebenan ist zu hören. So eine friedliche Ruhe hat die 30-Jährige aus Damaskus lange nicht mehr erlebt. Wo sie herkommt, herrscht Krieg. Die Katze der Gastfamilie springt zu ihr auf den Stuhl. „Ich hatte auch eine Katze, aber sie ist tot“, sagt Shadia. „Menschen, Tiere – alle sterben in Syrien.“ Sie hätte das Land gerne schon früher verlassen. „Aber wir haben kein Geld, wir konnten nicht nach Deutschland kommen, die Flucht ist sehr teuer.“

Die Flucht aus dem vom Bürgerkrieg zerstörten Syrien ist teuer und lebensgefährlich – deshalb haben sieben Ehrenamtliche aus Baden-Württemberg einen Hilfsverein gegründet. Die „Studentenpaten Nahost“ wollen jungen Menschen aus Kriegsgebieten die Flucht ersparen. So haben sie Shadia Tarrak aus Syrien nach Tübingen geholt. „Wir wollen die jungen Leute direkt in die Ausbildung vermitteln“, sagt der Vereinsvorsitzende Jochen von Bernstorff. „Wir sollten unser Bildungssystem zur Verfügung stellen, um so zu einem späteren Wiederaufbau beizutragen“, sagte er in der Hoffnung, dass nach Kriegsende gut ausgebildete Syrer in ihre Heimat zurückkehren können. Der Verein sucht die Studenten über persönliche Kontakte aus, organisiert ihnen ein Ausbildungsvisum und stellt die geforderte finanzielle Sicherheit durch Spendengelder bereit.

Vorbild bei der Gründung war der Berliner Verein Flüchtlingspaten Syrien, der jedoch ein Landesprogramm für Familiennachzug für seine Zwecke nutzt und eine Art Bürgschaft für Syrer übernimmt. Das Modell der privat und gemeinschaftlich finanzierten Stipendien für Studenten aus Kriegsgebieten ist neu, wie der Berliner Vereinsvorsitzende Ulrich Karpenstein sagt. In Baden-Württemberg fehle ein entsprechendes Landesprogramm.

Um Shadia Tarraks Hals baumelt eine Kette mit einem Anhänger. „Ich mag dich, ich mag Palästina“, übersetzt sie die Aufschrift. Mit ihrer Familie hat sie im Flüchtlingsviertel Jarmuk am Rande von Damaskus gelebt, das sie wegen heftiger Kämpfe verlassen musste. Jetzt leben die Tarraks in einer Mietwohnung in Damaskus. „Dort fallen nicht jeden Tag Bomben.“ Dennoch hat das blutige Chaos bei ihr Spuren hinterlassen. Wenn ein Hubschrauber der nahen Universitätskliniken in Tübingen zu hören ist, zucke sie zusammen. Shadia ist zurückhaltend, aber wenn sich ihr Lachen den Weg bahnt, klingt es tief und herzlich.

Deutschland ist für sie ein Sehnsuchtsort. Ihr Vater, der nicht mehr lebt, habe vor 30 Jahren eine Zeit lang in Deutschland gearbeitet und den Kindern deutsche Wörter beigebracht. Den Kontakt zum Rest der Familie in der fernen Heimat hält sie nun über das Internet. Vor drei Wochen ist Shadia Tarrak in Tübingen angekommen. „Die Gruppe ist toll, sie hat mir sehr geholfen“, sagt sie. Die 30-Jährige besucht einen Sprachkurs und möchte Geschichte und Archäologie studieren. Eine zweite Studentin wird im September erwartet.

Tarraks Gastmutter Sigrun Gehrig, die ebenfalls zum Verein gehört, hat die Formalitäten des ersten Ausbildungsvisums geklärt. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so kompliziert wird“, sagte sie. Aber sie habe die Zeit gern investiert – denn mit dem Eintreffen des Lebenslaufs von Shadia Tarrak hatte die Krise in Syrien für Gehrig ein Gesicht. „Ihr Bruder ist von Scharfschützen erschossen worden, ihre Schwester durch Bombensplitter erblindet“, sagte Gehrig. „Ich konnte mich der Geschichte nicht mehr entziehen.“

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22.08.2016, 06:00 Uhr
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