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Wie im Hamsterrad

Tübinger Uni-Klinikum rechnet mit Millionenverlusten

Das Uni-Klinikum Tübingen geht harten Zeiten entgegen. Fürs kommende Jahr rechnet die Kaufmännische Direktorin Gabriele Sonntag mit einer Finanzierungslücke von 13,6 Millionen Euro. Schuld sei auch die Gesundheitsreform.

15.12.2010

Von Uschi Hahn

Tübingen. Die Zahlen für dieses Jahr sehen gar nicht so schlecht aus: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Uni-Klinikum Tübingen (UKT) haben ein Plus von gut 3,6 Millionen Euro erwirtschaftet. Das aber sei „leider kein Grund für Luftsprünge“, wie Gabriele Sonntag am Montagabend bei einem Gespräch zwischen Klinikums-Vorstand und Medienvertretern sagte. Denn aufgrund neuer Vorschriften darf das UKT keine neuen Rücklagen für die Instandhaltung seiner Gebäude mehr bilden. Die alten reserven seien aber nahezu aufgebraucht.

Schon in diesem Jahr trat man bei den Ausgaben zum Erhalt der Infrastruktur auf die Bremse. Statt knapp 14,5 Millionen wie noch 2009 flossen 2010 nur noch gut 10,1 Millionen Euro in die Gebäude-Instandhaltung. Dabei ist es um die Bausubstanz am UKT nicht gut bestellt.

So macht der Brandschutz in den erst 1989 bezogenen Crona-Kliniken auf dem Schnarrenberg den Verantwortlichen große Probleme. „Da sind wir unheimlich unter Druck“, berichtete Sonntag. Das Regierungspräsidium war, so die stellvertretende Vorstandsvorsitzende des UKT, „kurz davor, dem Crona die Betriebsgenehmigung zu entziehen“. Die Forderung nach einer eigenen Betriebsfeuerwehr habe man jedoch abbiegen können. Stattdessen soll nun eine klinikinterne Löschgruppe aufgebaut werden. Immerhin 25 Klinikbeschäftigte sind an ihren Wohnorten bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv. Kleinere Feuer sollen sie jetzt selbst löschen. Bei größeren Bränden sollen sie ihren Kollegen von der Tübinger Feuerwehr den Weg weisen.

Bisher wurden bereits 9,5 Millionen Euro in den Brandschutz investiert, insgesamt soll die entsprechende Sanierung samt der Erneuerung der Technik in den Crona-Kliniken 40,5 Millionen Euro kosten. Das Geld dafür kommt zwar wohl vom Land. Aber dafür fehlen Landesmittel dann an anderer Stelle: „Entweder wird der Brandschutz finanziert oder die neue Klinikapotheke“, sagte Prof. Michael Bamberg, der Leitende Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende am UKT.

Neues Gesetz sorgt für Ärger

Vieles muss das Klinikum sowieso aus eigenen Mitteln stemmen. So kostet allein die Sanierung des Zentral-OP auf dem Schnarrenberg 18 Millionen Euro, nur die Hälfte davon zahlt das Land. Auch der Bau der neuen Intensivstation schlägt mit zehn Millionen Euro ins Kontor. Der Neubau aber ist nötig, um Raum für Rochaden zu schaffen, wenn die alten Klinikteile Stück für Stück saniert werden.

Für Kritik an der Landesregierung sorgte auch das neue Uni-Medizingesetz, das die erst 1998 ausgegliederten Uni-Kliniken wieder mit den medizinischen Fakultäten vereint. Das Gesetz führe zu mehr Kontrolle und Anbindung an Staat, Ministerien und Universitätsgremien. In den Augen von Gabriele Sonntag ist es „eine Rolle rückwärts“. UKT-Chef Michael Bamberg warnte davor, dass „Prozesse schwieriger werden und länger dauern“. Im Wettbewerb mit privaten Trägern verschlechtere das Gesetz die Bedingungen für die vier Uni-Klinika im Land.

In düsteren Farben schilderte der Klinikums-Vorstand auch die finanziellen Rahmenbedingungen fürs kommende Jahr. Das liegt zum einen daran, dass Kostensteigerungen „nicht ausgeglichen werden“, wie Sonntag beklagte. Sie rechnet allein mit tarifbedingten zusätzlichen Personalkosten von 8,6 Millionen Euro. Richtig teuer werde auch die neue Gesundheitsreform fürs UKT. Denn für Mehrleistungen wie die Behandlung weiterer Patienten bekommen Kliniken nach dem Gesetz aus dem Hause von FPD-Gesundheitsministers Philipp Rösler künftig nur noch 70 statt 100 Prozent zusätzlich vergütet. Sonntag sprach hier von einem „Hamsterradeffekt“.

Insgesamt rechnet der UKT-Vorstand mit Lücken im Wirtschaftsplan des kommenden Jahres von 13,6 Millionen Euro fürs Klinikum allein und weiteren 4,6 Millionen Euro für die Medizinische Fakultät. Die müsse man, so Sonntag, durch Kostenabbau, Leistungssteigerungen und strukturelle Veränderungen erwirtschaften. Aber das UKT stoße an seine Kapazitätsgrenzen: „Es ist wirklich vorbei. Wir können das auf Dauer nicht durchhalten.“

Am schwierigsten ist die Situation in der Medizinischen Klinik (Med). Wie berichtet, will das UKT dort ein Defizit von 2,4 Millionen Euro absenken und hat sich dazu Unternehmensberater ins Haus geholt. Doch nach dem Abbau von 13 Stellen im Pflegebereich und weiteren zehn offenen Stellen, für die sich keine Fachkräfte finden, wurde die Personaldecke so dünn, dass der Klinikumsvorstand jetzt „erst mal Ruhe rein bringen möchte“, so Bamberg. „Bis mindestens April werden keine weiteren Stellen abgebaut.“ Stattdessen will man in besonders prekären Bereichen wie dem Herzkatheter-Labor eine zweite Schicht einrichten, um die Wartezeiten abzubauen.

Schon jetzt macht sich der Fachkräftemangel nicht nur an der Med bemerkbar. Immer wieder können zum Beispiel Pflegestellen im OP-Bereich oder auf Intensivstationen nicht besetzt werden. Hier versuche man Anreize durch bessere Aufstiegschancen zu schaffen, sagte die Pflegedirektorin Jana Luntz. „Wir garantieren eine Weiterbildung innerhalb eines Jahres.“ Auch überlege man, mehr Ausbildungsplätze an der Schule für Pflegeberufe zu schaffen.

Andere Kliniken locken Pflegekräfte bereits mit sogenannten Startgeldern an. Das „versuchen wir zu vermeiden“, sagte der Ärztliche UKT-Chef Bamberg. Er räumte allerdings Pläne ein, gezielt in Ländern wie Bulgarien, Indien oder Brasilien nach Schwestern und Pflegern zu suchen. Schon jetzt greift das UKT in kritischen Bereichen der Pflege auf Leihkräfte zurück. „Das kommt nicht oft vor. Aber es kommt vor“, so Bamberg.

Der Zentrale Operationsbereich an den Crona-Kliniken soll für 18 Millionen saniert und modernisiert werden. Bild. Metz

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Erstellt:
15. Dezember 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
15. Dezember 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. Dezember 2010, 12:00 Uhr

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