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"Kirche ist unfähig, Dogmen zu ändern"

Tübinger Theologe Häring beschreibt, womit sich die Familiensynode wirklich befassen sollte

Vor zu hohen Erwartungen an die Familiensynode warnt der Theologe Häring. Die katholische Kirche sei nicht bereit, ihre unbarmherzige Ehelehre zu überdenken. Zu groß seien die Differenzen in der Weltkirche.

01.10.2015
  • ELISABETH ZOLL

Herr Professor Häring, was erwarten Sie von der Familiensynode?

HERMANN HÄRING: Ich hoffe auf eine Regelung zur Wiederzulassung von Wiederverheirateten zu den Sakramenten. Auch sollte wenigstens allgemein anerkannt werden, dass es bei Sexualität um entwicklungsfähige Beziehungen geht. Daraus ergibt sich von selbst auch ein Verständnis für Menschen mit einem anderen Lebenskonzept.

Diskutiert wurde schon vergangenen Oktober. Haben sich die Vertreter des liberalen und des konservativen Flügels seither nicht noch mehr auf ihre Positionen fixiert?

HÄRING: Ja. Es hat sich gezeigt, dass die Gesamtkirche - zumindest ihr konservativer Teil - nicht fähig ist, Grundsatzpositionen neu zu durchdenken.

Welche?

HÄRING: Die Frage, was Unauflöslichkeit bedeutet. Sie ist ja kein Gesetz, sondern eine innere Verpflichtung und man muss sich überlegen was geschieht, wenn eine Ehe scheitert. Sogar die Ehescheidungsklausel des Matthäus-Evangeliums wird ignoriert. Die katholische Kirche zeigt sich unfähig, Positionen zu ändern, von denen es heißt, sie seien als Dogma definiert.

Die Konservativen widersprechen Ihnen da. Denn Sie unterstellen liberalen Kräften, die reine Lehre aufweichen zu wollen. Verstehen Sie das?

HÄRING: Nur dann, wenn ich nachempfinde, wie ich als Heranwachsender selbst noch gedacht habe. Da war Dogma noch Dogma. Die Schrift war nicht historisch-kritisch auszulegen. In sich gesehen argumentieren die Konservativen schlüssig. Mehr Brüche gibt es bei den Liberalen. Einerseits will man Öffnung, doch gibt man nicht zu, dass etwa die Ehelehre des Konzils von Trient, das vor 450 Jahren stattgefunden hat, revisionsbedürftig ist. Die Umschreibung der Ehe als Sakrament kam ja erst im zweiten Jahrtausend auf.

Heißt das, bevor es Bewegung geben kann, müsste zuerst grundsätzlich diskutiert werden?

HÄRING: Ja, es gibt Grundfragen, die den aktuellen Diskussionen vorangehen müssten. So wird Sexualität in der Kirche noch immer rein biologistisch betrachtet, und was über die Zeugung von Kindern hinausgeht, kaum zur Kenntnis genommen. Konsens ist zwar, dass Sexualität etwas mit Liebe zu tun hat, aber Konsequenzen zieht man daraus kaum.

Hausaufgaben für die Bischöfe?

HÄRING: Ja, das sogenannte Lehramt hielt es bislang nicht für notwendig, Psychologie und Naturwissenschaften ernsthaft aufzunehmen. Man glaubt sich selbst im Vollbesitz der Wahrheit.

Eröffnet die Metapher "Barmherzigkeit", wie Papst Franziskus sie verwendet, einen Weg, um schneller zu Veränderungen zu kommen?

HÄRING: Barmherzigkeit ist ein ganz wichtiger Begriff, den Papst Franziskus und Kardinal Walter Kasper zu einem Leitfaden gemacht haben. Doch was Barmherzigkeit bedeutet, ist kaum durchdacht. Verwendet wird das Wort in einem sehr flachen Sinn: Die Amtskirche geht lieb und respektvoll mit den Gescheiterten um. Sie übersieht aber, dass sie mit ihrer Ehelehre samt allen Gültigkeitsregeln erst ein unbarmherziges System errichtet hat, das nicht dem jesuanischen Impuls entspricht. Erst erklärt sie Jesus zum Initiator eines unbarmherzigen Ehesakraments, danach präsentiert sie sich als barmherzige Mutter, die das alles erleichtert. Das ist eine Verkehrung dessen, worum es eigentlich geht. Jesus hat die beliebige Ehescheidung kritisiert, keine gesetzlich absolute Unauflöslichkeit installiert.

Sind solche Gedanken in der Weltkirche vermittelbar? Unser Blick ist ja der eines liberalen Europäers.

HÄRING: Auf Weltkirchenebene ist das kompliziert. Vor wenigen Wochen sagte mir ein Bischof in Sri Lanka zur Synode: "Wir haben Angst, dass wir von den liberalen Ideen des Westens überrollt werden." Die Meinung der westlichen Kirchen muss nicht die der Gesamtkirche sein. Doch die westeuropäischen Kirchen dürfen selbstbewusst auftreten. Sie könnten ihre Bischofskollegen ja darauf hinweisen, dass diese vor denselben Fragen stehen, sobald ihre Länder wohlhabender und industrialisierter sind.

Sie sprechen einen sozialen Aspekt an. Das bürgerliche Eheverständnis existiert in vielen Armutsregionen der Welt nicht - folglich auch nicht die Frage nach dem Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Auch Homosexualität wird in der Welt völlig unterschiedlich gedeutet.

HÄRING: Das ist genau die Thematik, die man nie besprochen hat. Trotz unterschiedlicher Kulturen scheint die Weltkirche nur eine einzige Regelung zuzulassen. Das kann zur Folge haben, dass wir beim Thema Homosexualität keine Fortschritte erzielen werden.

Also unterschiedliche Antworten für unterschiedliche Regionen der Welt?

HÄRING: Dafür plädiere ich - auch wenn ich weiß, dass das unrealistisch ist. Eine längere, grundsätzliche Diskussion wäre notwendig. Nach der Synode wird sich die Diskussion wohl weiter verschärfen.

Noch ein Blick auf die Katholiken hierzulande. Viele haben mit der kirchlichen Sexualmoral nichts mehr am Hut. Sie interessiert nicht mehr, was in Rom von Bischöfen verhandelt wird.

HÄRING: Richtig, geschieden Wiederverheiratete, die sich von der Kirche verabschiedet oder schlechte Erfahrungen gemacht haben, sagen mir: Beschließt was ihr wollt, wir haben unsere Lösung gefunden. Zudem gibt es ein kollektives Gedächtnis, das im Bewusstsein behält, was bisherige Praxis der Kirche war, und in der Begründung für menschenfreundlichere Ansätze bleiben Widersprüche bestehen. Warum sollte zum Beispiel jemand "Buße tun", der mit seinen Kindern aus einer Ehe voller Gewalt flieht?

Kann die Familiensynode scheitern?

HÄRING: Man wird nicht ohne Ergebnisse nach Hause gehen. Ich bin sicher, dass sich bei der Zulassung zu den Sakramenten etwas bewegt. Der Papst hat auch mit der Vereinfachung von Eheannullierungsverfahren schon ein Signal gesetzt. Doch was immer auch beschlossen wird: Probleme werden nicht gelöst. Offen bleibt auch, wie Papst Franziskus auf die Synode reagiert. Sie hat ja nur beratende Funktion und der Papst ist in seinen Entscheidungen frei. So können wir darauf gespannt sein, wie er sich zum Schlüsselthema der Homosexualität letztlich verhält.

Tübinger Theologe Häring beschreibt, womit sich die Familiensynode wirklich befassen sollte

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01.10.2015, 12:00 Uhr
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