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Mit Positionen punkten

Tübinger Sebastian Nerz will die Piraten profilieren

Zum Gespräch kam Sebastian Nerz ohne Notebook. Doch sein Handy meldete sich ab und an – mit einer Art Babylachen. Der neue Parteichef der Piraten aus Tübingen war gestern ein viel gefragter Mann. Die Polizei hatte Server beschlagnahmt.

21.05.2011

Von Ute Kaiser

Seit einer Woche ist Sebastian Nerz Bundesvorsitzender der Piraten. Erfahrungen im Politikbetrieb sammelte der 27-jährige Bioinformatiker bereits als Landeschef.

Die Nachricht von der Polizeiaktion machte über die sozialen Netzwerke rasant die Runde. Sebastian Nerz, seit einer Woche Bundesvorsitzender der jungen Partei, wirkte gelassen. Jung und männlich - zu diesen Erwartungen an einen Piraten passt der 27-jährige Tübinger. Die dezente Kleidung – dunkles Sakko und hellblaues Hemd – trägt der Bioinformatiker, der an der Tübinger Uni gerade sein Diplom macht und seinen Lebensunterhalt als Programmierer verdient, nicht nur bei offiziellen Auftritten.

Steuermann, Kapitän, auf Kurs halten, Parlamente entern: „Diese Wortspiele bieten sich bei den Piraten an“, sagt der gebürtige Reutlinger trocken. Seit seinem zweiten Lebensjahr lebt er in Tübingen. An der Geschwister-Scholl-Schule hat er Abi gemacht. Über den Jugendgemeinderat, für dessen Gründung er kämpfte, kam er zur Kommunalpolitik. Mit 18 Jahren trat er in die CDU ein – was dem mit 60,6 Prozent gewählten Chef manche Piraten ankreideten. Bei der Kommunalwahl 2004 kandidierte Nerz auf dem 33. Platz der CDU-Liste. Im selben Jahr trat er wieder aus – unter anderem wegen der landes- und bundespolitischen Positionen, um die er sich „anfangs nicht gekümmert“ hatte.

TAGBLATT-Interview nach der Wahl des Piratenpartei-Chefs aus Tübingen
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TAGBLATT-Interview nach der Wahl des Piratenpartei-Chefs aus Tübingen --

01:30 min

Dann kam bis zur Gründung der Piratenpartei eine Phase, in der sich der Bioinformatiker zwar „über Politik aufgeregt, aber nichts gemacht“ hat. Das änderte sich mit der Diskussion um die Vorratsdatenspeicherung. 2009 wurde Nerz einer der Piraten. Ein Motiv: „Die Politik hat nicht verstanden, welche Bedeutung das Internet für die Bevölkerung hat.“ Er selbst wäre ohne Netzzugang abgehängt. „Dann hätte ich kein Telefon mehr und könnte keine Überweisungen machen.“ Sogar im Urlaub immer wieder online Nerz stöbert in Nachrichtenportalen und Blogs, bekommt rund 400 E-Mails pro Tag, schreibt oft um die 100 täglich und ist in diversen sozialen Netzwerken unterwegs. Sogar im Urlaub geht der Tübinger jeden zweiten Tag ins Netz. Einzige Ausnahme: „Wenn ich schlafe, bin ich nicht online.“ Nur vier Stunden Schlaf reichen dem Nachtmenschen, der rasend schnell Bücher – gerne Fantasy-Geschichten – verschlingt und auch noch Zeitung liest. Die könne man „auf sich wirken lassen“, und die Artikel seien in der Regel „gründlicher recherchiert“ als etwa die Beiträge in Blogs.

„Impulse setzen und Piraten vernetzen“: Mit diesen Schlagworten umschreibt Nerz die Aufgaben des Bundesvorstands. In die inhaltliche Arbeit werde er sich als „ganz normaler Pirat“ einbringen. Bundesweit hat die Partei rund 12 000 Mitglieder, darunter immer mehr Frauen. Zwei sind im Bundesvorstand, zwei bilden die weibliche Doppelspitze der Jungen Piraten. „Wir sind größer als alle rechtsradikalen Parteien zusammen“, sagt der Chef der „Bürgerrechtspartei“. Dass sie nicht unbedingt als solche wahrgenommen wird, liege an der „ein bisschen falschen Kommunikation am Anfang“.

Von den Piraten kam zur jüngst gestarteten Volkszählung wenig. Das nennt Nerz einen Fehler: „Da hätten wir früher reagieren müssen.“ Das Thema sei „im Landtagswahlkampf untergegangen“, sagt der bis vor einer Woche amtierende Landesvorsitzende. 2,1 Prozent holte die Partei im März in Baden-Württemberg. Derzeit konzentriert sie sich auf die Wahl morgen in Bremen. Nerz tritt dort nicht auf. Aber aus dem Ländle gibt es Unterstützung. Ein Ziel der Piraten ist, künftig in Parlamente einzuziehen. Eins mussten sie seit ihrer Gründung lernen: „Politik ist ein langwieriges Geschäft.“ Künftig müsse sich die Partei mit „sauber aufgearbeiteten“ Inhalten zur Redemokratisierung der Gesellschaft, zur Bildungs-, Hochschul-, Umwelt- und Sozialpolitik besser präsentieren.

„Wir können nicht von heute auf morgen alle Fragen beantworten“, sagt der Vorsitzende. Ihm persönlich ist das Thema „Medienkompetenz“ sehr wichtig. Also dass Jugendliche lernen, mit den neuen Medien umzugehen und Quellen kritisch zu bewerten. Im Netz ist über Nerz, wie er sagt, „bewusst auch Privates“ zu finden. Etwa dass er in Tübingen Zivildienst beim Deutschen Roten Kreuz gemacht hat. Partybilder gibt es von ihm dagegen nicht. Das liegt allerdings auch daran, dass der 27-Jährige nur selten auf Feten geht.

Bundesvorstand der Piraten kritisiert Beschlagnahmung

Die Piratenpartei bietet über von ihr gemietete Server Dienste an, um sich auszutauschen. Französische Ermittler waren dort wohl auf strafrechtlich relevante Inhalte gestoßen. Das führte dazu, dass die deutsche Polizei gestern die Server beschlagnahmte. Der Bundesvorstand der Piratenpartei werde, so heißt es in einer Erklärung, „im Rahmen seiner gesetzlichen Verpflichtungen“ zur Aufklärung der Vorwürfe beitragen. Er gehe gegenwärtig davon aus, „dass kein schuldhaftes Verhalten“ der Partei vorliege. Die Abschaltung der Server sei ein „massiver Eingriff“ in ihre Kommunikationsund Informationsstruktur. Angesichts der Wahl in Bremen werde „politisch ein massiver Schaden angerichtet“, was der Bundesvorstand „aufs Entschiedenste“ verurteile.

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Erstellt:
21. Mai 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Mai 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Mai 2011, 12:00 Uhr

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