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Kommentar

Tübinger Juristen auf Hexenjagd

Mit Macht geht es auf das große Geschichtsjubiläum (500 Jahre Tübinger Vertrag) im kommenden Jahr zu. Doch blicken wir kurz mal zurück auf ein anderes rundes Datum, das in Tübingens Historie nicht ganz so ruhmreich verortet ist.

04.10.2013

Von Wilhelm Triebold

Vor genau 300 Jahren trug die Juristenfakultät tat- und spruchkräftig dazu bei, dass bei Heilbronn die letzte Hexenverbrennung auf protestantischem Boden vollzogen wurde. Ein Datum der Schande: 1713, am Vorabend der Aufklärung, als man das finstere Mittelalter eigentlich überwunden wähnte.

Dabei hatten sich gerade die Tübinger Rechtsgelehrten all die Jahrzehnte zuvor als besonders vernunftbegabte, fortschrittliche Ratgeber hervorgetan. Gerade auch im Kampf gegen den Irrglauben der christlichen Inquisition und des Hexenwahns.

In Tübingen selbst wurden Frauen eher selten als Hexen verfolgt. Die Consilien weisen als Quelle der hiesigen „peinlichen Gerichtsbarkeit“ in 140 Jahren nur drei Fälle von „Hexerei“ aus, die mit Enthaupten, Verbrennen oder der „Stellung unter geistliche Aufsicht“ bestraft wurden.

Gleich nebenan im vorderösterreichischen Rottenburg, an der „Schwanzfeder des habsburgischen Doppeladlers“, zeigte der Katholizismus dagegen noch vollen Feuereifer. „Heute wurden in Rottenburg zehn Hexen verbrannt“, verzeichnete verdrossen Schwaben-Chronist Martin Crusius im Mai 1596. „Ich hatte deshalb in meiner Thukydides-Vorlesung nur wenige Hörer.“ Das lodernde Spektakel im Rottenburgischen lockte die Tübinger Studiosi mehr.

In jenem September 1713 traf es eine alte Schlossersfrau aus Schwaigern, Anna Maria Heinrich. Weil sich ein Adelssprössling körperlich unwohl fühlte, galt es einen Sündenbock zu finden. Besser noch: eine arme Sünderin, um sie der Schwarzen Magie zu überführen.

Hundert Jahre zuvor hatte Johannes Kepler, mithilfe seiner klugen Tübinger Juristenfreunde, die eigene Mutter herausgepaukt aus dem schlimmen Verdacht, mit dem Teufel im Bund zu stehen. Im Jahr 1713 aber überantworteten die sauberen Gutachter der hiesigen Jurisprudenz eine arme Seele mit Fadenscheinargumenten dem Scheiterhaufen.

Walter Jens hat diesen unrühmlichen Fall seinerzeit in seinem Standardwerk zur Uni-Geschichte („Eine deutsche Universität“) angerissen. Die Delinquentin „war schon verurteilt, als sie angeklagt wurde“, schreibt er. „Sie galt als Zigeunerin, und Zigeuner und Gauner waren in Württemberg, zur Zeit der Schlosserin, nahezu vogelfrei.“

Da nutzt es wenig, dass die furchtbaren Juristen aus Tübingen immerhin empfahlen, die vermeintliche Hexe vorm Feuertod barmherzig zu erdrosseln. Das Schandurteil mit Tübinger Beteiligung, der letzte Justizmord aus dem Ungeist der Hexenjagd im Einzugsgebiet der Reformation, bleibt bestehen. Gedenken wir also der unglücklichen Anna Maria Heinrich, die gestanden haben soll, einem jungen Baron ein Stück Eisen, eine Stricknadel und ein paar Lumpen unters Kopfkissen gezaubert zu haben.

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Erstellt:
4. Oktober 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
4. Oktober 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Oktober 2013, 12:00 Uhr

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